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Suche nach dem Schillernden

Was der Fall Gaschke über den Berufsstand der Journalisten und seine Eignung für die Politik verrät.

von Ulrike Simon

Damit hat Susanne Gaschke niemanden einen Gefallen getan. Gerade einmal elf Monate war sie als Seiteneinsteigerin aus dem Journalismus Kieler Oberbürgermeisterin. In dieser Zeit hat sie sich nicht nur mit allen angelegt, sondern auch alle Klischees bestätigt: die über Politiker, jene über Journalisten, und solche über Frauen ebenfalls. Sich selbst hat sie ohnehin geschadet.
 In ihrer Rücktrittsrede sparte sie nicht mit Vorwürfen. Gegen angeblich unwissende und unfaire Journalisten, gegen Politiker, denen an der eigenen Macht statt der Sache gelegen sei, und gegen Männer, die Frauen, wenn sie alles persönlich nehmen und öffentlich weinen, für ein anspruchsvolles politisches Amt als zu weich erachteten. Gaschke gab vor, zu wissen, wovon sie redet – als Frau und Journalistin, die hinter die Fassaden der Politik geblickt hat.


 Liegt Gaschkes Scheitern tatsächlich darin begründet oder sind, bei aller Sympathie für Quereinsteiger, Journalisten für den Seitenwechsel in die Politik womöglich schlicht ungeeignet?
 Auffällig ist, wie häufig es Journalisten in die Politik zieht. Gern geben sie Neugier, politisches Engagement und Gestaltungswillen als Grund an. Umgekehrt zieht es Politiker selten in den Journalismus. Ausnahmen sind der „Zeit“-Herausgeber Helmut Schmidt und der eine oder andere Teilzeit-Kolumnist, der die Gelegenheit nutzt, nach Abschluss der politischen Laufbahn ungestört seine Meinung zu verbreiten.


 Doch es gilt zu unterscheiden. Die meisten Journalisten wechseln als Reden­schreiber, Berater oder Sprecher in die Politik. Vor allem die Liste der Regierungssprecher mit journalistischer Vergangenheit ist lang, angefangen von Conrad Ahlers über Klaus Bölling, Peter Boenisch und Uwe-Karsten Heye bis zu Béla Anda, Ulrich Wilhelm und aktuell Steffen Seibert. Ihnen hilft das journalistische Talent, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, Vertrauen aufzubauen und gut kommunizieren zu können. Was sie fasziniert, ist – abgesehen vom politischen Interesse – die Chance, hinter die Kulissen zu schauen, die Nähe der Macht zu erleben, im Zentrum der Entscheidungen zu sein. Dafürgeben sie ihre Unabhängigkeit auf.


 Aktive Politiker sind wenige Journalisten geworden. Christian Ude in München war einst bei der Süddeutschen, auch eine Tabea Rößner oder ein Markus Söder haben einmal als Journalisten angefangen. Dabei scheint es allerdings eher darum gegangen zu sein, zu Beginn einer politischen Laufbahn zu erfahren, wie in Redaktionen gearbeitet und gedacht wird. Mit Haut und Haaren von ihrem Beruf geprägte Journalisten sind sie nicht.


 Bei Rudolf Augstein war das anders. Ihn trieb der Wunsch in die Politik, Konrad Adenauer abzusetzen, später saß er für die FDP im Bundestag – für drei Monate, danach kümmerte er sich lieber wieder um seinen „Spiegel“. Oder Michael Naumann: Auch aus ihm wurde kein Berufspolitiker. Für Gerhard Schröder verließ er die „Zeit“ und wurde Staatsminister, ging zurück in den Journalismus, bewarb sich 2008 bei der Hamburger Bürgerschaftswahl, scheiterte und kehrte erneut zum Journalismus zurück.


 Vieles spricht also dafür, dass vom und im Journalismus geprägte Menschen nicht wirklich und erst recht nicht dauerhaft zum Politiker taugen. Doch darüber verlor Susanne Gaschke in ihrer Rücktrittsrede kein Wort. Sie zweifelte nicht an sich selbst, dabei ist der Zweifel neben der Neugier Grundvoraussetzung eines guten Journalisten. Ein Journalist, der nicht zweifelt, verrennt sich, wird beeinflussbar oder versteigt sich zu Verschwörungstheorien. Das sind Verhaltensweisen, die leider typisch sind für Journalisten, genauer: für beruflich deformierte Journalisten.


Selbstüberschätzung, übermäßiges­ Misstrauen, mangelnde Kritikfähigkeit und Einzelkämpfertum sind beruflich bedingte Deformationen, zu denen Journalisten neigen. Das macht aus guten Journalisten weniger gute. Für die Politik macht sie das sogar unbrauchbar – zumindest dann, wenn sie sich dieser Deformationen nicht bewusst sind und sie auch nicht fähig oder zumindest bereit sind, diese abzubauen.


 Hinzu kommt eine aus Idealismus geborene, falsche Vorstellung von dem, was in der Politik machbar ist. Wolfgang Thierse hat einmal gesagt, in Wahrheit sei Politik klein, grau und schweißtreibend. Das ist das Gegenteil von Journalismus. Journalisten suchen das Schillernde, erkennen das Kleine als stellvertretend für das große Ganze. Vor allem aber unterliegt die Politik, anders als der Journalismus, demokratischen Prozessen, und die sind langwierig. Das erfordert, Bündnisse zu schmieden, es geht darum, Mehrheiten zu beschaffen und Kompromisse einzugehen. Vorhaben werden nie eins zu eins umgesetzt, wie sie ursprünglich geplant und gemeint waren.
Wie privilegiert ist dagegen der Journalist, der die Ergebnisse solcher politischen Prozesse bewertet. Es reicht, hinterher zu wissen, was vorher schief gelaufen ist. Das führt zu Besserwisserei und dazu, dass sich mancher Journalist beginnt, selbst zu überschätzen, und am Ende tatsächlich glaubt, es besser zu können, wenn man ihn denn nur ließe.


 Wohlgemerkt: Diese vermeintliche Besserwisserei ist ein auch für die Politik wichtiges Korrektiv, um Missstände, Hürden, Verkrustungen, Widersprüche, Alternativen und erstrebenswerte Ideale offenzulegen. Dennoch: Bei Politikern provoziert das unweigerlich die Lust, einzelne Journalisten oder gleich die gesamte „Meute“ zu verdammen.


Die einen Journalisten macht das nachdenklich, sie hadern, werden schwach und folgen zur Sicherheit der mehrheitlichen Herdenmeinung anderer Kollegen. Die anderen, furchtloseren Journalisten zweifeln auch, immer wieder, halten die Angriffe aber aus und zeigen Haltung. Die dritte Gruppe hört auf zu zweifeln, wird misstrauisch, bildet Verschwörungstheorien und wehrt jede Kritik, erst recht Selbstkritik, rigoros ab.


 Wem dann noch jegliche Verwaltungserfahrung fehlt, wer sich von allem und jedem angefeindet fühlt und dann auch noch anfängt, um sich zu beißen, endet wie Susanne Gaschke. Sie mag anfangs vieles gut gemeint haben. Das Gegenteil hat sie erreicht.

Ulrike Simon

beobachtet die Medienbranche seit vielen Jahren. Als freie Medienjournalistin in Berlin schreibt sie unter anderem für die „Berliner Zeitung“ und das ­„Medium Magazin“.