Im Februar 1992 begegneten sich Angela Merkel und Beate Baumann zum ersten Mal – inzwischen arbeiten sie seit 27 Jahren zusammen. (c) AP Photo/Gero Breloer
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Im Februar 1992 begegneten sich Angela Merkel und Beate Baumann zum ersten Mal – inzwischen arbeiten sie seit 27 Jahren zusammen. (c) AP Photo/Gero Breloer
Politik

Spezialisten für alles

Engste Vertraute von Spitzenpolitikern sind Blitzableiter, Strategen, Alleskönner. Sie sind kaum bekannt, aber höchst einflussreich. Eine Annäherung

von Harald Baumer

Einem Parteivorsitzenden, Ministerpräsidenten oder Bundesminister, geschweige denn einer Kanzlerin oder einem Bundespräsidenten widerspricht man nicht. Wer einmal erlebt hat, wie devot und alle Wünsche vorausahnend die Entourage eines Spitzenpolitikers diesem gegenüber häufig auftritt, der ahnt, dass dieses Verhalten langfristig zu einem Problem werden kann. Sicher ist es in den ersten Monaten traumhaft, wenn einen niemals jemand kritisiert. Aber dann?

Jeder Mensch braucht schließlich ab und zu ein Korrektiv. Jemanden, der ihm ungeniert die Wahrheit sagt. Niedersachsens Ex-Ministerpräsident David McAllister formulierte es einmal so: "Wenn Sie irgendwann nur noch von Leuten umgeben sind, die Ihnen von morgens bis abends sagen, wie toll alles läuft und wie toll sie sind, dann haben Sie endgültig verloren."

Genau dafür gibt es eine Position in der Politik, die in keiner Stellenausschreibung jemals erwähnt wird, für die keine verbindliche Besoldungsstufe existiert und für die noch nie Blätter zur Berufskunde der Bundesagentur für Arbeit gedruckt wurden: die des engsten Vertrauten. Oft ist das die einzige Person in einem mehrere Tausend Köpfe starken Ministerium, die etwas tun darf, was sonst nur Familienangehörigen und sehr guten Freunden zusteht: darauf hinweisen, dass die Rede vielleicht doch nicht ganz so gut war wie vermutet oder dass der neue Anzug unmöglich aussieht. Es ist letztlich nicht anders als im Märchen "Des Kaisers neue Kleider", wo alle jubeln, obwohl dem Kaiser ein blankes Nichts als teure Prunkkleider angedreht wurde und erst ein Kind schließlich sagt: "Aber er hat ja gar nichts an!"

Insider schreiben den völlig überraschenden Rücktritt des Bundespräsidenten Horst Köhler unter anderem dem Tod seines alten Vertrauten Gert Haller (r.) zu. (c) Gero Breloer/dpa

Meist ist der magische Moment, in dem eine solche jahrzehntelange Beziehung ihren Anfang nimmt, gar nicht exakt zu bestimmen. Im derzeit berühmtesten Fall kann man allerdings ganz genau sagen, wann es begann. An einem Samstag im Februar 1992 begegneten sich Angela Merkel und Beate Baumann zum ersten Mal. Die Familienministerin, die gerade im Krankenhaus lag, suchte eine Mitarbeiterin. Die neun Jahre jüngere Beate Baumann, abgeschlossenes Studium und JU-Funktionärin in Niedersachsen, sollte kurz bei ihr vorbeischauen. Das Gespräch dauerte angeblich zwei Stunden. Zwei Stunden, auf denen bis heute 27 Jahre aufbauen.

Nicht selten kommt der erste Kontakt über eine Empfehlung zustande 

Das jahrelange Zusammensein ist in der Regel ein wichtiges Kriterium dafür, dass jemand überhaupt zum Intimus werden kann. Denn Vertrauen muss wachsen. Bei Olaf Scholz und Wolfgang Schmidt sind es inzwischen 17 Jahre, bei Ursula von der Leyen und Gerd Hoofe 19 Jahre. Der Ablauf ist immer ähnlich: Man lernt sich zu einem Zeitpunkt kennen, zu dem die Chefin oder der Chef zwar schon bedeutend, aber noch nicht ganz oben angekommen ist. Dann geht es Stufe für Stufe gemeinsam in Richtung Ministerium oder Kanzleramt.

Manchmal muss der Vertraute eine kleine Zwangspause einlegen, weil seine Leitfigur gerade politisch abgestürzt ist und dem Intimus keinen Posten anbieten kann. Der offizielle Rang des engsten Beraters ist dabei nicht festgelegt. Relativ oft nimmt er die Position eines beamteten Staatssekretärs oder des Leiters des Planungsstabs ein, er kann aber auch in deutlich niedrigerer Form im Bundestagsbüro tätig sein. 

Seit 2003 ging es bei Ursula von der Leyen und Gerd Hoofe im Gleichschritt. Immer da, wo von der Leyen Ministerin war, wurde ihr Vertrauter Staatssekretär. (c) Michael Kappeler/dpa

Nicht selten kommt der erste Kontakt zum späteren engsten Vertrauten über eine Empfehlung zustande. Bei Angela Merkel war es Christian Wulff, der ihr zu einer Anstellung von Beate Baumann riet. Bei Ursula von der Leyen war es Ernst Albrecht, der eigene Vater und frühere niedersächsische Ministerpräsident, dem Gerd Hoofe, damals stellvertretender Landrat von Osnabrück, als Talent aufgefallen war. Ab 2003 ging es dann im Gleichschritt. Immer da, wo von der Leyen als Ministerin tätig war, wurde ihr Vertrauter Staatssekretär: im Landesfamilienministerium Niedersachsen sowie in den Bundesministerien für Familie, Arbeit und Verteidigung. Nachdem Gerd Hoofe nun selbst auch schon 64 Jahre alt und damit fast im Ruhestandsalter ist, müsste er sich bei einem Scheitern der Chefin keine Sorgen mehr um seine Zukunft machen.

Nicht immer verlässt der Boss die Bühne, und der Intimus verliert als direkte Folge seinen Posten. Manchmal ist es auch umgekehrt. So schreiben Berliner Insider den völlig überraschenden Rücktritt des Bundespräsidenten Horst Köhler unter anderem dem Tod seines alten Vertrauten Gert Haller zu. Die beiden Männer hatten sich schon früh kennengelernt, als beide unter Gerhard Stoltenberg vielversprechende junge Mitarbeiter im Bundesfinanzministerium waren. Sie waren etwa gleich alt und bald persönlich befreundet.

Haller, Staatssekretär und Chef des Präsidialamts, starb nach kurzer und schwerer Krankheit im April 2010. An seine Stelle war Hans-Jürgen Wolff gerückt, unter dem sich allerdings das Klima im Amt verschlechterte. Einige wichtige Mitarbeiter, unter anderem Pressesprecher Martin Kothé, verließen das Haus. Der Präsident fühlte sich in der Öffentlichkeit zunehmend missverstanden und schlecht behandelt. Im Mai 2010 trat Köhler schließlich zurück. Ganz genau wird man nie wissen, was die Gründe dafür waren, weil der Altpräsident bekanntermaßen zu den Gründen seines Ausscheidens nie etwas sagte. Aber die zeitliche Nähe zwischen dem Verlust des engen Vertrauten und dem Rücktritt des Präsidenten ist schon frappierend.

Politiker, die es zu etwas bringen wollen, suchen sich frühzeitig einen fähigen Intimus aus

Eine Aufgaben- und Stellenbeschreibung im klassischen Sinne gibt es für den engsten Vertrauten nicht. Er oder sie muss eben all das tun, was für das Vorankommen der Chefin oder des Chefs in einer bestimmten Situation nötig ist. Und wenn es darum geht, mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern vor seinem Bett zu stehen. Zugegeben, das ist eine sehr alte, aber eben auch eine legendäre Geschichte. Die beiden Akteure waren damals Willy Brandt und sein Kanzleramtschef Horst Ehmke.

Wolfgang Schmidt begleitet die Wege von Olaf Scholz seit 2002, inzwischen als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. (c) Daniel Hinz

Der SPD-Bundeskanzler konnte charismatisch sein, er war aber auch bekannt für seine gelegentliche Schwermut und seine Depressionen. Dann konnte er sich kaum zu irgendetwas aufraffen. Ehmke schilderte später, wie er an einem solchen kritischen Morgen im Hause Brandt von Ehefrau Rut den Wein und die Gläser erbat und in das Zimmer des Hausherrn ging. Dort habe er gesagt: "Willy, aufstehen, wir müssen regieren." Brandt folgte brav und trank schweigend, im Hausmantel, mit Ehmke den Rotwein. 

Nicht ohne Grund nannte Willy Brandt seinen 14 Jahre jüngeren Amtschef einen "Spezialisten für alles". Und noch Jahrzehnte später, anlässlich des Todes von Ehmke, twitterte Generalsekretärin Katarina Barley: "Ohne ihn wäre Willy Brandt nicht DER Kanzler geworden." "Der Professor", so sein Spitzname, umschrieb die Tätigkeit für Brandt so: "Ich war sein Blitzableiter."

Politiker, die es zu etwas bringen wollen, suchen sich frühzeitig einen fähigen Intimus aus. Jens Spahn etwa kann sich auf seinen Spin-Doctor Marc Degen blind verlassen. Schon zu Zeiten, als Spahn noch einfacher CDU-Abgeordneter war, betreute Degen in dessen Büro die Medienarbeit. Er verfasste Pressemitteilungen mit den Ortsmarken Gescher und Gronau. Die Symbiose ist heute perfekt, wie die Journalistin Kerstin Münstermann bemerkte: "Wenn man Bundesgesundheitsminister Spahn eine SMS schreibt und eine Frage stellt, kann es vorkommen, dass jemand anderes zurückruft." Es ist Marc Degen.

"Willy, aufstehen, wir müssen regieren": Das Vertrauensverhältnis zwischen Willy Brandt und Kanzleramtschef Horst Ehmke ist legendär. (c) Sven Simon

Im Gesundheitsressort gab es dann einen deutlich besseren Posten für den engsten Vertrauten. Er steht als ständiger Vertreter der Leiterin der Leitungsabteilung im Organigramm des Ministeriums relativ weit oben. Als der Chef 2018 mit nicht allzu guten Aussichten seine Kandidatur zum CDU-Vorsitzenden anmeldete, war Degen selbstverständlich mit von der Partie. Er nahm im Gesundheitsministerium Urlaub und wurde Leiter der Kampagne.

Ein engster Vertrauter geht, das versteht sich von selbst, auch die bitteren Wege mit. Derzeit ist das bei Nico Lange so, dem Vertrauten von Annegret Kramp-Karrenbauer. Der 44-Jährige stieß nach einer Karriere bei der Konrad-Adenauer-Stiftung (zuletzt: Leiter der Auslandsbüros) erst im Januar 2017 zu AKK. Damals erhielt er den neu geschaffenen Posten eines "Bevollmächtigten für Innovation und Strategie in der Staatskanzlei". Ein idealer Titel: klingt wichtig, ist aber nicht so stark an konkrete Alltagsarbeiten gebunden, als dass der Inhaber nicht jederzeit für die Chefin greifbar wäre. Die Ministerpräsidentin ließ wissen, sie schätze sich glücklich, "einen erfahrenen Strategen und gut vernetzten Politkopf" gewonnen zu haben.

Schon im April 2018, nach wenigen Monaten an der Saar, wechselte Lange mit der nunmehrigen CDU-Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer nach Berlin. Er wurde stellvertretender Bundesgeschäftsführer und Leiter der Abteilung Planung. Bis zur nächsten Beförderung der Chefin (CDU-Vorsitzende) dauerte es abermals nur acht Monate. Das Gespann AKK-Lange ist, karrieretechnisch gesehen, ein Schnellzug im Vergleich mit anderen, die bis an die Spitze viele Jahre lang gemeinsam unterwegs waren.

Mit der wachsenden Kritik an den Äußerungen der Chefin (als "Putzfrau Gretel" im Karneval und im Zusammenhang mit der „Rezo“-Geschichte), warf sich Nico Lange schützend vor die Parteivorsitzende. Mit einigen AKK-freundlichen Retweets bei Twitter macht er klar, dass Kramp-Karrenbauer selbstverständlich nicht die Meinungsfreiheit abschaffen wolle.

Die Vertrauten definieren sich über den Erfolg der oder des Vorgesetzten

Von Beate Baumann würde man solche Merkel-Verteidigungstweets nicht lesen können, denn sie hat kein Twitter-Konto. Als öffentliche Person existiert sie überhaupt nicht. Sie gibt keine Interviews, steht nicht für Porträts zur Verfügung. Im Schweizer "Tages-Anzeiger" war mal von einer "unsichtbaren Allgegenwart" der Büroleiterin die Rede. Der 55-Jährigen kommt es nur auf eines an, nämlich der Chefin zum richtigen Zeitpunkt das Richtige einzuflüstern. Wenn man den Gerüchten aus der Frühphase der Beziehung Glauben schenken darf, dann war sie die Einzige, die zu Merkel in einer kritischen Situation sagen durfte: "Nun reißen Sie sich mal zusammen."

Jens Spahn verlässt sich auf seinen Spin-Doctor Marc Degen: Wenn man dem Bundesminister eine SMS schreibt, kann es vorkommen, dass Degen zurückruft. (c) Apotheke Adhoc

Abgesehen von Horst Ehmke, der durchaus eigene politische Ziele verfolgte und nach Brandts Rücktritt Post­minister war, definieren sich die Vertrauten fast ausnahmslos über den Erfolg des oder der Vorgesetzten. Das heißt nicht, dass nicht auch beeindruckende Titel drin wären. Wolfgang Schmidt (48), Wegbegleiter von Olaf Scholz seit 2002, durfte sich in der Hamburger Zeit immerhin folgendermaßen nennen: "Staatsrat und Bevollmächtigter der Freien und Hansestadt Hamburg beim Bund, bei der Europäischen Union und für Auswärtige Angelegenheiten". Jetzt, als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und Koordinator der SPD-geführten Ministerien, ist er natürlich weit mächtiger.

Aber geht es nicht auch ohne einen engsten Vertrauten? Immer wieder mal meinen Politiker, sie hätten so etwas nicht nötig. 2006 etwa brachte Kurt Beck, frisch zum SPD-Vorsitzenden gewählt, keinen Intimus mit in die Partei­zentrale. Ein schwerer Fehler, wie sich schon bald herausstellte. Der Pfälzer wurde in der Berliner Szene nie so richtig ernst genommen. "Im Willy-Brandt-Haus konnte er keine Hausmacht aufbauen", konstatierte das "Handelsblatt" trocken. Nach 22 Monaten trat er zurück. Das hatte sicher viele Gründe – aber es fehlte ihm eben in der Hauptstadt auch ein Blitzableiter, Planer, Coach, Schatten­mann, Chefberater, kurz: ein engster Vertrauter.

Harald Baumer (c) privat
Harald Baumer

ist Leiter des Hauptstadtbüros der "Nürnberger Nachrichten". (Foto: privat)