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Politik

SPD-Vorsitz: Sieben Rücktritte und ein halber in 20 Jahren

Andrea Nahles ist das jüngste Beispiel einer langen Reihe: Seit der Neugründung der SPD nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Mehrzahl der Parteivorsitzenden zurückgetreten. Mit diesen Worten haben sie ihre Amtsaufgabe kommuniziert.

von Judit Cech

Oskar Lafontaine (1995 bis 1999)

Foto: Fraktion Die Linke im Landtag des Saarlandes

Für einen Paukenschlag sorgte Oskar Lafontaine am 11. März 1999, als er nach nur sechs Monaten im Amt als Bundesfinanzminister von diesem und als Parteivorsitzender zurücktrat. Auch sein Bundestagsmandat gab er auf. In einer Presseerklärung drei Tage später begründete er diesen Schritt mit dem "schlechten Mannschaftsspiel" der Regierung um Bundeskanzler Gerhard Schröder. Zu seinen Differenzen mit dem "wirtschaftsfreundlichen" Schröder schrieb er später in seinen Memoiren, dass es "eine Lösung nur geben konnte, wenn einer von uns beiden seine Ämter aufgab" – und schlussfolgerte: "Das konnte nach Lage der Dinge nur ich sein."

Gerhard Schröder (1999 bis 2004)

Foto: Marco Urban

Durch die Umsetzung der Agenda 2010 hatte Gerhard Schröder mit schwindender Popularität zu kämpfen. Im Februar 2004 legte er den Parteivorsitz nieder und schlug den damaligen Fraktionsvorsitzenden Franz Müntefering als Nachfolger vor. Auf einer Pressekonferenz erklärte er, sich künftig auf sein Regierungsamt konzentrieren zu wollen. Das Amt als Parteivorsitzenden gab er nur "ungern" auf, da er es "gerne" wahrgenommen habe.

Franz Müntefering (2004 bis 2005 und 2008 bis 2009)

Foto: Wikimedia Commons/Olaf Kosinsky (CC BY-SA 3.0)

Franz Müntefering passt nicht ganz in diese Liste, da er nie zurückgetreten ist. Seine Rückzieher 2005 waren aber so spektakulär, dass er sich einen Ehrenplatz verdient hat. In seiner ersten Amtszeit übernahm er 2004 von Gerhard Schröder. 2005 schlug er den damaligen SPD-Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel als Generalsekretär vor. In einer Kampfabstimmung innerhalb des Parteivorstands am 31. Oktober 2005 konnte sich jedoch Andrea Nahles als Kandidatin des linken Flügels durchsetzen. Müntefering entschied daraufhin kurzfristig, sich doch nicht für den Parteivorsitz zur Wahl zu stellen – und die SPD stand zwei Wochen vor dem nächsten Bundesparteitag ohne Kandidaten da. Seine zweite Amtszeit beendete er im November 2009 nach einem knappen Jahr an der Spitze. Nachdem die Partei bei der Bundestagswahl 2009 nur 23 Prozent erhielt, übergab er das Amt bei regulären Vorstandwahlen an Sigmar Gabriel.

Matthias Platzeck (2005 bis 2006)

Foto: Staatskanzlei Brandenburg

Nach nur fünf Monaten im Amt trat Matthias Platzeck am 10. April 2006 überraschend vom Parteivorsitz zurück. Nach zwei Hörstürzen und einem Nerven- und Kreislaufzusammenbruch seit dem Jahreswechsel 2005/2006 erklärte er: "Ich musste in den letzten Tagen die mit Sicherheit schwierigste Entscheidung meines bisherigen Lebens treffen - nämlich die, auf dringenden ärztlichen Rat den Vorsitz der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands niederzulegen." Seitdem er das Amt kurzfristig im November 2005 von Franz Müntefering übernommen hatte, stand Platzeck unter einer Dreifachbelastung: Er war ebenfalls Ministerpräsident von Brandenburg und dortiger SPD-Landesvorsitzender.

Kurt Beck (2006 bis 2008)

Foto: FES

Kurz nachdem der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im September 2008 als Kanzlerkandidat bekannt gegeben worden war, erklärte Kurt Beck seinen Rücktritt vom Amt des Parteichefs. Beck hatte sich wohl intern für Steinmeiers Kandidatur eingesetzt, sah sich aber durch die Medien übergangen. In einer Pressemitteilung erklärte er, wegen "gezielter Falschinformationen" zu Steinmeiers Kandidatur durch die Presse, sich nicht in der Lage zu sehen, das Amt weiterzuführen.

Sigmar Gabriel (2009 bis 2017)

Foto: Maurice Weiss

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern hielt Sigmar Gabriel es relativ lange im Amt des Parteivorsitzenden aus. Die Medien munkelten schon, dass damit der Verschleiß an der SPD-Spitze beendet sei. Mit der Zeit hatte er allerdings mit sinkenden Zustimmungswerten zu kämpfen. Bei seiner letzten Wiederwahl 2015 erhielt Gabriel nur noch 74,3 Prozent der Stimmen. Seit der Neugründung der Partei 1945 wurde nur Oskar Lafontaine 1995 mit einem schlechteren Ergebnis gewählt – und das in einer Kampfkandidatur gegen Rudolf Scharping. Im Januar 2017 "nach einem halben Jahr Nachdenken, Zweifeln, Ringen, nach Fahrplanänderungen und Freundschaftskrisen" verzichtete Gabriel auf die Kanzlerkandidatur und trat auch als Parteichef ab. Für diese Ämter schlug er Martin Schulz vor.

Martin Schulz (2017 bis 2018)

Foto: Susie Knoll

Martin Schulz wurde am 19. März 2017 auf einem außerordentlichen SPD-Bundesparteitag mit 100 Prozent zum Nachfolger von Sigmar Gabriel gewählt. Die Euphorie des "Schulz-Zugs" hielt nicht lange – bei der Bundestagswahl 2017 erreichte die Partei mit 20,5 Prozent ein historisch schlechtes Ergebnis. Nach Abschluss der Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD wurde im Februar 2018 bekannt, dass Schulz – der eine Regierungsbeteiligung im Wahlkampf ausgeschlossen hatte – Außenminister werden solle. Am 13. Februar kam dann der Rücktritt vom Parteivorsitz.

Andrea Nahles (2018 bis 2019)

Foto: Susie Knoll

Andrea Nahles wurde am 22. April 2018 als erste Frau in das Amt des SPD-Chefs gewählt. In einer Kampfkandidatur gegen die Flensburger Bürgermeisterin Simone Lange konnte sie sich mit 66,4 Prozent durchsetzen – und holte damit das zweitschlechteste Ergebnis in der SPD-Nachkriegsgeschichte. Einen neuen Tiefpunkt erreichte die Partei bei den EU-Wahlen 2019. Es stimmten nur noch 15,8 Prozent der Wähler für die Sozialdemokraten. Nach massiver Kritik aus den eigenen Reihen vollzog Nahles am 3. Juni 2019 den Rücktritt als Parteivorsitzende mit sofortiger Wirkung. In ihrer Rücktrittsankündigung bemerkte sie, dass der "zur Ausübung meiner Ämter notwendige Rückhalt nicht mehr da" sei.