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Denkt gegen den Strich der "allgemeinen Scheingewissheiten": Richard Meng, Foto: Georg Kumpfmüller

Selbstbetrug mit Ansage

Gerade im Wahlkampf verschanze sich der Journalismus noch geschlossener als sonst hinter den Daten der Demoskopen, urteilt Richard Meng in einem Beitrag für die Dokumentation "Medien im Wahlkampf 2013" (Hrsg. Thomas Leif).

von Richard Meng

Wie konnte das passieren? Eine Strategie, die deutlich erkennbar immer unrealistischer wurde, je näher der Wahltag rückte? Eine Wunschkoalition, die nach allen Umfragedaten komplett chancenlos war, aber für beide Parteien die einzige selbsterklärte Option? Wie konnten SPD und Grüne nur derart realitätsblind sein, im Bundestagswahlkampf einzig und allein auf die rot-grüne Karte zu setzen?

Einfache Fragen, zu einfache Fragen. Aber es stimmt auch: Komplizierteren Strategien konnte und musste auch deshalb ausgewichen werden, weil die rot-grüne Illusion eine Basis hatte. Eine Zahlenbasis. (…)

Ein Entlastungsargument wird gelegentlich rückblickend herausgekramt: So ganz aussichtslos sei es mit Rot-Grün anfangs ja nicht gewesen. Anfangs, das meint dann: ein Jahr vor der Bundestagswahl.

Damals lagen Rot-Grün und Schwarz-Gelb in den Meinungsumfragen in etwa gleichauf, mitunter sogar mit kleinem Vorteil bei Rot-Grün. Na also, heißt es dann. Von wegen realitätsblind. Erst im Jahr 2013 sei aus dem Kopf-an-Kopf-Rennen die bekannte Abwärtsspirale geworden, angetrieben von Umfrage zu Umfrage. Und gerne wird dann zur Erklärung einer Stimmungswende die eine oder andere Ungeschicklichkeit des Kanzlerkandidaten der SPD aufsummiert.

Man kann diesen Verlauf aber auch anders interpretieren. Denn wer sagt eigentlich, dass die Ausgangsthese von der Augenhöhe der beiden Lager jemals belastbar war, wenn tatsächlich Bundestagswahl gewesen wäre und nicht nur demoskopievirtuell?

Wer sagt, dass Oberflächenereignisse wie die vielzitierten Steinbrück-Pannen ursächlich waren für Stimmungstrends des Wahljahres und nicht nur – in der medialen Wahrnehmung und Zuspitzung – deren Ausdruck?

Es lohnt sich jedenfalls, hier auch mal gegen den Strich der allgemeinen Scheingewissheiten zu denken. Wer das tut, landet bei einer sehr grundlegenden Frage: Lassen wir uns in unserem Denken nicht alle viel zu schnell blenden und letztlich manipulieren von aktuellen Meinungsumfragen? Wir, die Politiker, Sozialwissenschaftler und Journalisten?

Die Schwächen des demoskopischen Denkens

Im Laufe der Jahrzehnte hat die Meinungsforschung ihre Methodik professionell verfeinert und – in mathematischem Sinn – perfektioniert. Daraus ist, aus Sicht der empirischen Sozialforschung betrachtet, ein wissenschaftlicher Standard entstanden, der sich sehen lassen kann.

Bei weitem nicht in jeder einzelnen Umfrage wird dieser Standard voll erreicht, sei es von der Zahl der Befragten und somit der Validität der Ergebnisse her – oder sei es hinsichtlich suggestiver Frageelemente, in die viel zu oft letztlich doch schon Wertungen (nicht selten der medialen Auftraggeber) eingehen. Aber das wäre korrigierbar und kann nicht der Kern eines Vorwurfs an die gesamte Branche sein. Wenn auch diese Branche inzwischen nach Kräften ihre eigene Nachfrage generiert.

Und speziell die wirtschaftlich bedrängte Zeitungswelt via tagesaktuelle Umfragen – Methode möglichst billig – inzwischen nur zu gerne Aufmerksamkeit und zugleich den Schein von Bewertungsobjektivität einkauft.

Das Problem liegt tiefer: Die Gedankenwelt der Demoskopie hat systematische analytische Schwächen, die bei Interpretationen der Zahlen eigentlich immer mitgedacht werden sollten, aber doch selten bewusst werden.

Schwächen, in denen sich in fataler Weise Parallelen zeigen zu den sich aus der Medienlogik (Tagesaktualität, Nachrichtenwert, Personalisierung) ergebenden analytischen Schwächen des journalistischen Denkens. Schwächen auch, die in der politischen Welt umso argloser ignoriert werden, je stärker sich die Politik an den Wahrnehmungskriterien der Mediengesellschaft orientiert.

Diese Schwächen des demoskopischen Denkens lassen sich im Wesentlichen an drei Merkmalen festmachen: totale Gegenwartsfixiertheit, gedankliches Aus - blenden der hypothetischen Befragungssituation und Ereignisbezogenheit – zumal im Interesse des aktuellen Nachrichtenwerts der Ergebnisse, der publizistischen Verwertbarkeit also.

In der Summe führt das im kommunikativen gesellschaftlichen Prozess dazu, dass Umfragedaten eine geradezu normsetzende Scheinobjektivität zugeschrieben wird. Als Basis politischer Strategieentwicklung werden sie nicht mehr genügend hinterfragt, sondern im tagespolitischen Denken zur Wahrheit verabsolutiert. Alle glauben dann besten Gewissens das Gleiche – aber, siehe Rot-Grün ein Jahr vor der Bundestagswahl, mitunter das Falsche.

Die drei Denkschwächen: Umfragedaten sind erstens immer nur Momentaufnahmen in der Gegenwart. Sie untermauern damit die immer weiter zunehmende Gegenwartsfixiertheit der Tagesmedien und werden ja auch gerade deshalb so gerne von diesen beauftragt. An ihnen entlang lässt sich trefflich alles Tagesgeschehen sortieren, einordnen und bewerten. Kaum noch jemand wagt, diegedankliche Fortschreibung der gemessenen Stimmungen in die Zukunft in Zweifel zu ziehen.

Auch wenn Politik in Wahrheit immer ein Prozess ist, sich die gemessenen Meinungsbilder im Zeitverlauf ändern und sie in bestimmten institutionellen Phasen dieses Prozesses politikpraktisch sogar irrelevant sind.

Im Grunde genommen bleibt zweitens ja immer die nächste Wahl der Bezugspunkt aller demoskopiegetriebenen Einordnung. „Wenn am nächsten Sonntag Wahl wäre…“ Dieser Vor- bzw. Nachsatz wird zu Recht im Konjunktiv gesagt und gedacht, aber in der tagesjournalistischen Verwertung verschwindet die Relativierung, obwohl am nächsten Sonntag natürlich gerade nicht Wahl ist.

Die Befragungssituation ist immer hypothetisch, thematisiert das Prozesshafte nicht. Und die Rezipienten überbewerten die Umfrageergebnisse hinsichtlich ihrer Wahl- relevanz.

Demoskopie wird inszeniert (und inszeniert sich auch selbst) als permanentes Plebiszit und trifft damit natürlich auf eine dementsprechende mediale Erwartungshaltung und Kommentierbereitschaft. Medien lieben Plebiszite, einfache Ja-nein-Fragen, Umleitung von Sachthemen auf Personenimages.

Drittens fehlt den meisten Umfrageverwertungen neben der prozesshaften auchdie emotionale Einordnung. Abgefragt werden – meist – Meinungen/Bewertungenzu aktuellen Themen, so wie sie sich gerade aus der Tagespolitik ergeben. Damit extrahieren die Demoskopen die Volksmeinung zu diesem und jenem, aber doch fast immer als isoliertes thematisches Meinungsbild. Auf welcher emotionalen Grundlage es entstand und welches politische story-telling den emotionalen Rahmen bildet, wird bestenfalls in größeren Erhebungen einbezogen, die dann weit über reine Themenbefragungen hinausgehen müssen.

Reingefallen – weils bequem war

SPD und Grüne sind in der Planungsphase des Bundestagswahlkampfes 2012/13 – ganz gerne – auf Fehljustierungen hereingefallen, die sich aus der Überbewertung der Umfragelage zu Beginn des Wahlkampfes ergaben.

Damals schien nicht nur herauszulesen, dass Rot-Grün die amtierende Koalition schlagen können würde. Sondern auch, dass eine klare Mehrheit in fast allen wichtigen politischen Sachfragen (vom Mindestlohn bis zur Steuerpolitik) eher zu den rotgrünen Programmangeboten neigen würde als zur Politik der alten Regierung. Ungewissheit schien strategisch am ehesten noch im Bereich Euro/Europapolitikzu befürchten, weil in diesem Feld die weitere makroökonomische Entwicklung schwer vorhersagbar war.

Davon ausgehend wurde der Wahlkampf quasi „vom Beginn her“ geplant und eher weniger vom Ende her durchdacht. Vom Ende her, das hätte bedeuten müssen: von der Personalalternative und der emotionalen Botschaft ein Jahr später her, deduktiv statt induktiv. Das hätte zum Beispiel zu der Überlegung führen können, dass eine Kanzlerin, die noch nicht am Ende ihrer Kraft angekommen ist, kaum durch einen Kandidaten aus der politischen Vorgängergeneration auszuhebeln sein würde, sondern nur durch das Angebot eines attraktiven Generationswechsels.

Den freilich hat niemand ernsthaft auf dem Schirm, wenn in den Umfragen jahrelang immer nur das gerade etablierte Spitzenpersonal der Opposition auf seine Wahlchancen hin abgefragt wird und nach Demoskopen- und Medienlogik dann immer diejenige Person mit hohem Bekanntheitsgrad die besten Wahlchancen hat, der die Befragten im Moment (in dem noch lange gar nicht gewählt wird) die größten Wahlchancen geben. (…)

Wer Wahlkampfverläufe kennt, sollte wissen, wie sehr sich die Bewertungskriterien und auch der Blick auf die Personen mit der Nähe zum Wahldatum ändern. Weil dann andere Vertrauensmaßstäbe auftauchen, wenn sich Menschen erst wirklich ernsthaft mit der Wahlfrage beschäftigen – und nicht nur abstrakt-virtuell bei Befragungen weit im Vorfeld und ohne emotionale Involviertheit. Vertrauensmaßstäbe, die dann viel auch mit Psychologie zu tun haben, mit eher unpolitischen Kategorienwelten wie alt/neu oder hart/weich oder menschlich/charismatisch.

Jedenfalls mit stark emotionalen Faktoren und in der Regel nicht mit einzelnen Sachthemen, solange in diesen Bereichen nicht gravierende Ereignisse bzw. individuelle Fehler alles ändern. (…)

Permanent virtuelle Plebiszite

Nun ist es immer leicht, hinterher schlauer zu sein. Nicht die Zahlen der Demoskopen sind falsch – oder gar schuld am Dilemma –, sondern die allseitig eintrainierte Art des unterwürfigen Umgangs mit ihnen.

Der medial-demoskopische Komplex hat darüber ein Eigenleben entwickelt, mit dem er die permanenten virtuellen Plebiszite inszeniert und zugleich auf deren Grundlage schon wieder die nächsten vorbereitet. Auch rückblickend wird niemand mit Seriosität behaupten können, all die negativen Risiken eines solchen Wahlkampfes wären vorab auszuschließen. (…)

Letzten Endes wird auch von demoskopiegläubigen Politikern und Medienleuten ja immer wieder die Chance verweigert, über die Aktualitäten hinaus grundlegendere Themen in den Mittelpunkt zu rücken. Am Ende ging es im Bundestagswahlkampf medial noch um Stinkefinger und Raute, aber nicht mehr um politische Weichenstellung.

Glückwunsch allen Spindoktoren, die angesichts unser aller Zahlensucht solche Verläufe befördern. Ein Lob, das rein handwerklich gemeint ist. Demokratietheoretisch sollte man den Trend anders bewerten. (…)

 

 

Richard Meng

ist seit 2007 Sprecher des Berliner Senats. Zuvor war der 59-Jährige mehr als zwanzig Jahre lang Redakteur bei der "Frankfurter Rundschau".

Dieser Beitrag ist eine gekürzte Version aus der 134-seitigen Dokumentation "Medien im Wahlkampf 2013", die den Medieneinfluss vor der Bundestagswahl 2013 untersucht.