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Sei Löwe, sei Fuchs!

Sein Name steht für kalte Machtpolitik, für politisches Agieren ohne ethische Bindungen. Doch wer Niccolò Machiavellis Werk darauf reduziert, täuscht sich.

Von Marco Althaus

Sie ist eine echte Männerfantasie. Ein Vollweib, eine sinnliche Sirene. Wen sie mag, über den schüttet sie das Füllhorn des Glücks aus. Doch so wie sie sich hingibt, so hinterhältig und durchtrieben ist sie auch. Zickig, herrisch, grausam, sadistisch, launisch. Sie straft und zerstört wahllos. Sie dreht das große Rad, auf das sie ihre Kunden gebunden hat: Mal wirft sie sie in den Staub, dann reißt sie sie wieder hoch in Sphären des Erfolgs, nur um sie wieder hinabzustürzen. Und sie lacht dabei schadenfroh. Sie ist Fortuna, die Göttin des Glücks, der Gelegenheit, des Schicksals und des Zufalls. Sie ist die Domina der Mächtigen.
Machiavelli hat die Dame genau beobachtet. Sie schlägt dort schmerzhaft zu, wo die Machthaber sich immun und unangreifbar glauben. Aber nur wer wagt, gewinnt sie. „Es ist besser, stürmisch als vorsichtig zu sein“, schrieb Machiavelli im „Fürsten“, „denn Fortuna ist ein Weib, und wer sie unterwerfen will, muss sie schlagen und mit ihr streiten.“ Sie hat keinen Respekt vor Angsthasen und Taktierern. Herumkriegen lässt sie sich von Machos und Draufgängern. Mit den Kraftlosen, die ihr ausweichen und das für rational halten, spielt sie nur. „Sie lässt sich eher von Stürmischen besiegen als von denen, die kalt erwägend vorgehen. Daher ist das Schicksal wie das Weib der Jugend hold, weil sie ihm weniger vorsichtig, wilder und kühner ihren Willen aufzwingt.“

Sich gegen Fortunas Launen wappnen

Sehen Sie ihm den Altherren-Sexismus nach. Schließlich war der einzige claim to fame, den Machiavelli zu Lebzeiten hatte, sein Erfolg als Autor einer Sexklamotte (die die Italiener für eines der größten Werke ihrer Literatur halten). So wie Adam Smith die unsichtbare Hand des Marktes wirken sah, so fand Machiavelli in Fortuna eine Metapher für ein Kernelement seiner Machtanalyse: Der Machthaber ist im Dauerclinch mit Fortuna, die ihm ständig ins Steuerrad greift und es über Bord werfen will.
Politikmanagement ist in erster Linie Risikomanagement. Das war der Schluss, den Machiavelli zog – aus jahrzehntelanger Beobachtung und aus dem Studium der Geschichte. Er war Kanzler und Diplomat der Republik. Tausende Kilometer ritt er quer durch Europa, kannte die Fürstenhöfe seiner Zeit, ihre Ränke, Kabale und Powerplays. Er sah die Großen aufsteigen, er sah sie mit den Menschen spielen und sie brutal wegräumen. Er sah ihren Hochmut, und er sah sie fallen.
Er selbst hatte zu hoch gepokert in den Wirren des Bürgerkriegs und der Anarchie der sich bekriegenden Staaten. Florenz war reich, die Wall Street Europas, und erlebte eine großartige kulturelle Blüte. Aber auf den Killing Fields von Norditalien stapelten sich die Leichen, wenn sie nicht zur Warnung an den Zinnen der Staatskanzlei aufgehängt wurden. Machiavelli hatte Glück, dass er nur den Folterkeller überleben musste. Die größte Folter war allerdings, dass er, der Politprofi aller Politprofis, nun im Exil seiner Landvilla sitzen und anderen beim Politikmachen zusehen musste. Er war wie ein Junkie, der von seinem Stoff abgeschnitten ist. Es war seine persönliche Hölle. Madame Fortuna lachte.
In einem hektischen (und erfolglosen) Versuch, den Wiedereinstieg ins politische Geschäft zu schaffen, schrieb er in nur drei Monaten 1513 „Der Fürst“ als Handbuch für den Umgang mit der Macht. Es ist eine Bewerbungsmappe für die Medici. Den reichen Patriziern diente er sich als politischer Berater an. Sie ignorierten ihn.
Regel Nummer eins im „Fürsten“: Fortuna kann man nicht trauen. Den Menschen auch nicht. Beide aber kann man ein Stück weit kontrollieren, mit Intelligenz, Macht und dem Willen, sich die Hände schmutzig zu machen.
Machiavelli und Realpolitik werden gern in einem Atemzug genannt. Man könnte sein Machtverständnis als amoralischen Realismus bezeichnen. In der Renaissance begannen sich Religion und Staat zu trennen. Machiavelli trennte nun auch die Sphären von Ethik und Politik. Er gab dem Politiker – aber auch nur ihm, und keineswegs wertfrei – mehr moralischen Freiraum als allen anderen. Der persönliche Preis dafür ist hoch. Machiavellis Machthaber muss sein Land mehr lieben als seinen Seelenfrieden, sein Gerechtigkeits- und Moralempfinden. Die Verantwortung im Staate zu tragen, ist im Grunde ein tragischer Job.
Jeder Politiker entdeckt früher oder später, dass die Physik der Macht von zwei Faktoren geprägt ist: Relativität und Unsicherheit. Jeder Politiker begegnet dem Gesetz der unbeabsichtigten Folgen: Was heute als gute Entscheidung gelobt wird, führt morgen schon ins Desaster; was heute als tabu gilt, könnte sich morgen schon als rettender Gedanke erweisen. „Es geht auf Erden so zu, dass man nie einer Unbequemlichkeit entgeht, ohne in eine andere zu geraten. Die Klugheit aber besteht darin, die Größe richtig abzuschätzen und das geringere Übel als Vorteil zu betrachten.“
Doch wie erkennt man die richtige Wahl in der richtigen Situation, das richtige Timing? Wie maximiert man die Chance, dabei politisch zu überleben? Um in diesem Feld der Widersprüche zu bestehen, fordert Machiavelli seinem Fürsten viel ab: eine innere Disziplin als Stratege, Kontrolle über die eigene Machtgier, das ständige Infragestellen der eigenen Motive und die genaue Beobachtung anderer Interessen und Akteure; schließlich die absolute Entschlossenheit, die eigene Macht für aktives Handeln zu nutzen. Virtú nennt Machiavelli dies. Ein Politiker, der Fürst werden will, muss virtú lernen und entwickeln: keine persönliche Tugendhaftigkeit, sondern Professionalität gepaart mit Leidenschaft und Risikofreude.
Die höchste Priorität ist simpel: Schutz der eigenen Macht. Ohne sie ist er nutzlos. Die zweite Priorität: Spielräume schaffen, Beweglichkeit erhalten und stets ein großes Repertoire an Entscheidungsalternativen sichern. Wer sich von Sachzwängen einengen lässt, wird Fortuna reizen.
Politik hat einen klaren Auftrag. Da nach Machiavellis Geschichtsverständnis alle politischen Gebilde ausnahmslos auf Fortunas Karussell Aufstieg und Zerfall erfahren, ist das größte politische Verdienst, ein Gemeinwesen aus der Krise zu führen und durch eine stabile Ordnung zu erneuern. Der größte Ruhm winkt Reichsgründern und Reformern.
Ihr Risiko zu scheitern ist gewaltig, ihre natürlichen Gegner zahlreich. Macht wird als Werkzeug benötigt, um die entstehenden Konflikte zu lösen. Das kann in drei Varianten geschehen: erstens durch Druck und Zwang, zweitens durch List, Täuschung und Manipulation oder Inszenierung, drittens durch den offen ausgehandelten Ausgleich der Interessen. Echter Konsens setzt die Freiheit von Interessengegensätzen voraus – ein eher seltener Fall. Im Arsenal der politischen Mittel empfiehlt Machiavelli: Besser tricksen als zwingen (kostet weniger, hält länger). Die dritte Variante ist die Macht sparende Option: Auch offen ausgehandelte Vereinbarungen brauchen Zwangsmittel dahinter. Aber implizite Drohungen sind besser als explizite, die den Anderen nicht bedrängen. Die Macht wird weniger sichtbar, und es braucht weniger davon, um die Interessenbalance stabil zu halten.

Mit begrenzten Ressourcen haushalten

Machiavelli erinnert uns daran, dass es bei politischen Entscheidungen stets Verlierer gibt: Gedemütigte, Verletzte, Enttäuschte. Sie nörgeln, sie zündeln, sie sinnen auf Revanche. Umso mehr muss sich der Fürst fragen, wem er wie heftig und wie oft auf die Füße tritt. Und auch: Wie vielen? Machiavelli folgt einer Rationalität der Schadensbegrenzung – wobei er Kollateralschäden akzeptiert. Das ist die harte Gangart der Weberschen Verantwortungsethik.
Machiavelli rechnet kühl durch, wie viel Macht einzusetzen ist: Zu welchem Preis ist welche Konfliktlösung zu haben? Was kostet es, eine politische Entscheidung durchzusetzen? Einen Preis zahlt man immer. Alle Ressourcen sind begrenzt, weiß Machiavelli, die guten und die bösen. Haushalten muss man mit beiden, verzichten kann man auf keine.

Sage die Wahrheit, wann immer es geht

Er rät dazu, bewusst auswählen. Jedes Mittel, gut oder böse, birgt ein Risiko. Jedes hat eine andere Kosten-Nutzen-Rechnung. „Der Zweck heiligt die Mittel“ wäre Machiavelli eine zu platte Parole. Manche Zwecke erfordern manche Mittel. Nicht alle Zwecke heiligen alle Mittel. Doch in der Tat bemisst diese Betriebswirtschaftslehre der Macht die Wahl der Mittel allein nach Zweck und Ergebnis, nicht nach Stil und Schönspiel. „Bei den Handlungen aller Menschen, welche keinen Richter über sich haben, blickt man immer nur auf ihr Ergebnis.“ Missmutig fügt er hinzu: „Der Pöbel hält es stets mit dem Schein und dem Ausgang einer Sache; und die Welt ist voller Pöbel. Die wenigen Klügeren kommen nur dann zur Geltung, wenn die große Menge nicht weiß, woran sie sich halten soll.“
Machiavelli verlangt Cleverness und Kreativität. Die Stärke eines Löwen bewundert er, mahnt aber dazu, auch die Eigenschaften des Fuchses zu nutzen. Listigkeit erspart Lügen, meint er, und legt nahe, die Wahrheit zu sagen, wann immer es geht – schon deshalb, weil in der Politik hin und wieder eine richtig große Lüge oder ein Wortbruch notwendig ist. „Ein kluger Herrscher kann und soll sein Wort nicht halten, wenn ihm dies zu Schaden gereicht und die Gründe, aus denen er es gab, hinfällig geworden sind.“ Ein Image als standhafter, verlässlicher, ehrlicher Politiker ist ein Schutzschild für flexible Abweichungen vom Prinzip. Das relativiert auch den berühmten Passus zur Frage, „ob es besser sei, geliebt oder gefürchtet zu werden“. Machiavelli sieht das Dilemma glasklar: Der Fürst kann sich viel leichter Respekt verschaffen oder Furcht verbreiten, aber Zuneigung steuern und kontrollieren kann er nicht. Ein Freibrief? Nein. Ein Fürst, der verhasst ist, so Machiavelli, beschwört die Gefahr eines Umsturzes geradezu herauf. Eine – zumindest grummelnde – Zustimmung der Regierten benötigt auch Machiavellis Machthaber.
Machiavellis Fazit: Tu, was notwendig ist. Sei gut, wenn du kannst. Sei so böse, wie du musst. Und – das ist die Komponente praktischer Ethik: Bringe Gut und Böse dabei nicht durcheinander. Wirf dir nicht selber vor, dass du tust, was du tun musst. Und Fortuna wird ausnahmsweise freundlich lächeln.

Marco Althaus

ist Gastprofessor für Sozialwissenschaften an der TFH Wildau (Brandenburg) und leitet das Deutsche Institut für Public Affairs in Berlin. 2004 erschien von ihm „Machiavellis Machtfibel: Politikmanagement in Cartoons“.