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Foto: Marco Urban

Sechs goldene Regeln für Plenarreden

Wer sich als Redner vor dem Plenum bewährt, empfiehlt sich für höhere Aufgaben. Doch was macht eine gute Rede aus? Redenschreiber-Präsident Vazrik Bazil gibt sechs wertvolle Tipps.

von Vazrik Bazil

Die Sternstunden des Parlaments, in denen Plenarreden zu überzeugen und gesetzgeberische Entscheidungen herbeizuführen vermögen, sind selten. Die Würfel fallen außerhalb des Plenums – in Parteizentralen, in Ausschüssen. Wer im Plenum redet, braucht die Mitglieder der eigenen Fraktion beziehungsweise Koalition in der Regel nicht zu überzeugen – sie werden sowieso für das Gesetz stimmen. Die Mitglieder der Opposition sind auch nicht zu überzeugen – sie werden gemäß dem parlamentarischen Brauch sowieso dagegen stimmen.

Wozu also parlamentarische Reden? Aus drei Gründen: erstens, um die Bürger zu überzeugen, zum Beispiel bei Live-Übertragungen; zweitens, um den koalitions- und fraktionsintern gefundenen, zuweilen schmerzhaften Kompromiss den eigenen Abgeordneten schmackhaft zu machen und drittens, um die eigene Position in Fraktion und Partei zu stärken. Wer sich als Redner im Bundestag bewährt, hat gute Chancen auf Höheres.

Hier sechs Empfehlungen für eine gelungene Parlamentsrede:

Halten Sie Ihre Rede frei!

Zu Recht steht in Paragraf 33 der Geschäftsordnung des Bundestages: "Die Redner sprechen grundsätzlich in freiem Vortrag. Sie können hierbei Aufzeichnungen benutzen." In der freien Rede sprechen Sie zu und nicht vor Ihrem Publikum. Ihre Rede wirkt unmittelbarer und überzeugender.

Bedenken Sie, wann Sie sprechen!

Benutzen Sie die Redetexte Ihrer Büro- und Fraktionsreferenten, aber bedenken Sie, dass Sie ein Redner unter mehreren sind. Ihr Manuskript enthält oft einleitende Sätze oder Prosa, die in Parlamentsdebatten zu Wiederholungen führen und deshalb überflüssig sind. Gerade deshalb ist es wichtig, die Rede frei zu halten. So können Sie schnell umschalten und auf Ihre Vorredner eingehen. 

Vermeiden Sie Abkürzungen!

Das, was Sie wissen, wissen die Bürger nicht unbedingt. Mögen alle Ihre Kollegen die Abkürzungen BMBF oder BMZ auswendig kennen, die Mehrheit der Bürger weiß nicht, dass sich dahinter das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit verbergen. Verzichten Sie also auf Abkürzungen!

Erklären Sie zentrale Begriffe!

Untersuchungen haben ergeben, dass nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung Begriffe wie "demografischer Wandel" oder "Finanzkonsolidierung" versteht. Also ersetzen Sie diese durch erklärende Wendungen: "Wir werden älter und weniger" oder "solide Finanzen". Aber erklären Sie nicht alles! Das dosiert Unverständliche gibt Ihnen die Aura des Kundigen und Kompetenten.

Achten Sie auf Ihre Stimme!

Gerade Frauen neigen zu hoher Stimmlage und bei Aufregung zu schnellem Sprechtempo. Das schwächt Ihre Autorität und macht Sie blass. Sprechen Sie also bewusst langsam und legen Sie vor wichtigen Gedanken Kunstpausen ein.

Betätigen Sie den beliebten "Applaustreiber" dosiert!

Wer Applaus von der eigenen Fraktion erhaschen will, verfügt über ein bewährtes Zeichen: über die Anrede "Meine Damen und Herren" am Ende eines Satzes. Setzen Sie dieses Mittel wenig und überlegt ein, sonst wirkt es gewollt und nicht gekonnt. Auch hier gilt: Weniger ist mehr.