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Foto: Jördis Zähring/Carsten Linnemann

Schwarzer Flügelmann

Schon gehört? Der Wirtschaftsflügel der Union hat einen neuen Hoffnungsträger. Carsten Linnemann (CDU) will sich für den Mittelstand stark machen. Das ist dem jungen Volkswirt zuzutrauen.

von Christian Lipicki

Am 11. Oktober 2013 betritt Carsten Linnemann die große politische Bühne. An diesem Tag wird der CDU-Bundestagsabgeordnete zum Vorsitzenden der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU (MIT) gewählt. „Das Amt ist vor allem Verpflichtung“, sagt der 36-Jährige. Gemeinsam mit dem Parlamentskreis Mittelstand der Unionsfraktion und dem Wirtschaftsrat Deutschland bildet die MIT den Wirtschaftsflügel der Union, der durch das Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag an Bedeutung gewinnt. Mit der Wahl von Linnemann verbinden sich große Erwartungen.

Thematisch ist Linnemann insbesondere in der Mittelstandspolitik schon lange zu Hause. „In der Familie haben wir oft über das Geschäft gesprochen“, sagt der Sohn eines Paderborner Buchhändler-Ehepaares. „Auch sonntags.“ Doch während sein älterer Bruder Marcus den elterlichen Betrieb übernimmt, zieht es Carsten nach Abitur und BWL-Studium nach Chemnitz.

Warum? „Dort ist einer der wenigen Forschungsschwerpunkte zum Welthandelsrecht in Deutschland“, sagt er. „Das hat mich gereizt.“ Linnemann studiert VWL und promoviert 2006 über die Liberalisierung des grenzüberschreitenden Güterverkehrs. Da ist er 28 Jahre alt und hat quasi nebenbei 2003 den Bundesforschungspreis des Bundesforschungsministeriums eingeheimst.

Politisch hat Linnemann da seine Lehrjahre ebenfalls hinter sich. 1995 als 17-Jähriger der Jungen Union beigetreten, wird er zwei Jahre später in seiner Heimatgemeinde zum Vorsitzenden der JU Egge gewählt. 1998 folgt die Aufnahme in die CDU. Wenige Jahre später zieht er in den Gemeinderat von Altenbeken ein. „Erfahrungen in der Kommunalpolitik sind Gold wert“, sagt er. „Dort ist Politik sehr konkret. Und die Reaktionen darauf auch.“ Noch heute nutze er jede Möglichkeit, im Wahlkreis unterwegs zu sein. Dabei nimmt er nicht nur offizielle Termine wahr, sondern besucht einmal im Monat auch Bürger zu Hause, um mit ihnen zu diskutieren. „Das erdet mich total“, sagt Linnemann.

2005 hört er einen Vortrag von Norbert Walter. Der damalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank ist ein Unikum – und dafür bekannt, dass er seine teils vom Mainstream abweichenden Ansichten standfest vertritt. Diese Geradlinigkeit imponiert Linnemann. „Wenn man von etwas überzeugt ist, muss man es aussprechen und auch dafür eintreten.“ Er bewirbt sich bei Walter und wird sein Assistent.

„Man muss sich durchboxen“

Danach wechselt Linnemann zur IKB Deutsche Industriebank – jenem Geldinstitut, das den Beginn der Bankenkrise in Deutschland markiert. Linnemann ist kein Banker. Vielmehr analysiert er für die IKB die volkswirtschaftliche Entwicklung. Und doch prägt ihn diese Zeit in Düsseldorf sehr. „Ja, es gibt sie noch, die ehrbaren Bankkaufleute“, sagt er. „Aber ich sehe den Spalt zwischen Banken und Wirtschaft, der größer geworden ist und wieder mehr geschlossen werden muss.“

Linnemann ist kein Theoretiker. Er möchte gestalten. Und erhält schon bald Gelegenheit dazu. Als 2009 der CDU-Bundestagsabgeordnete Gerhard Wächter nicht mehr für den Wahlkreis Gütersloh-Paderborn III antritt, entscheiden sich die Parteimitglieder in einer Urwahl mehrheitlich für Linnemann, der später mit 52,1 Prozent als Direktkandidat in den Bundestag gewählt wird.

Dort folgt er dem Rat eines erfahrenen Politikers: „Erstens: Klappe halten, denn auf Dich hat keiner gewartet. Zweitens: Wenn Du Dich äußerst, dann zu Themen, bei denen Du Dich auskennst“, sagt Linnemann. „Es gibt ja keinen Mentor. Man muss sich selbst durchboxen.“

Bald wird der junge Abgeordnete von einflussreichen Kollegen wahrgenommen. „Herr Linnemann ist ein großes politisches Talent“, sagt etwa Bundestags-Vizepräsident Peter Hintze, der zugleich die CDULandesgruppe NRW im Bundestag führt. „Direkt nach seiner ersten Wahl in den Deutschen Bundestag ist er mir als sympathischer und kluger Kollege aufgefallen.“

Gegen Ende der Wahlperiode hört man immer öfter von Linnemann. Sei es im Zusammenhang mit den Rentenplänen der Union, sei es mit Vorschlägen zur Steuervereinfachung. „Wir werden dafür gewählt, dass wir sagen, was wir wollen“, sagt er. Es ist wohl auch seiner klaren Art zu verdanken, dass Linnemann mit 59,1 Prozent und damit dem besten Erststimmenergebnis der NRW-CDU wieder in den Bundestag einzieht. Mit seinem Profil ist er nun für höhere Aufgaben prädestiniert.

Die MIT wählt ihn kurz darauf mit 71 Prozent der Stimmen zu ihrem Vorsitzenden. „Herr Linnemann gibt der MIT ein sympathisches Gesicht und positive Aufmerksamkeit“, sagt Hintze über seinen Kollegen. Und Linnemann hat ein klares Ziel: nämlich die Vereinigung mehr im Zentrum des politischen Betriebes zu positionieren. „Als Wirtschaftsflügel haben wir jetzt die Chance, stärker wahrgenommen zu werden“, sagt er. „Und wir werden das nutzen. Zum Wohle aller. Denn nur mit einer starken Wirtschaft und einem gesunden Mittelstand lässt sich Wohlstand für alle in Deutschland erreichen.“ So spricht jemand, der etwas bewegen will.

Christian Lipicki

arbeitet heute in einem Bundesministerium. Er war zuvor Pressesprecher und ­viele Jahre lang Journalist. Für p&k schreibt er privat.