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Foto: Marco Urban

Roter Kämpfer

Lange nichts gehört! 2009 wollte er erster Ministerpräsident der Linken werden. Das hat nicht ­geklappt. Nicht ausgeschlossen, dass Bodo Ramelow 2014 sein Ziel doch noch erreicht.

von Christian Lipicki

Wer behauptet, Linke hätten mit Gott nichts im Sinn, der kennt Bodo Ramelow nicht. Der Thüringer Fraktionschef der Linken ist bekennender Christ. Danach gefragt, ist der 57-Jährige zunächst überrascht. „Ich gehe damit nicht hausieren. Aber mein Glaube begleitet mich durch das Leben.“ Es ist nicht das einzig Bemerkenswerte an ihm.

Ramelow wird 1956 in Osterholz-Scharmbeck geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters zieht er mit seiner Mutter und den drei Geschwistern in die Nähe von Gießen. Er lernt Einzelhandelskaufmann bei Karstadt, absolviert die kaufmännische Fachoberschulreife und legt die IHK-Prüfung zum Ausbilder ab.

Mit 19 Jahren, da ist er seit drei Jahren in der Gewerkschaft, leitet er eine Lebensmittelfiliale mit 15 Mitarbeitern. „Das lief gut“, sagt er. „Wir gingen alle fair miteinander um.“ Anderswo sei schon der „Anfang der zunehmenden Härte“ zu spüren gewesen, ein „deutlicher Anstieg unbezahlter Überstunden, drohende Betriebsschließungen und Angst vor dem Job-Verlust“.

Mit 25 Jahren wechselt er als Gewerkschaftssekretär zur Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) in Mittelhessen. „Diese Zeit hat mich sehr geprägt.“ Er erzählt, die Handelsbetriebe hätten die Preisschraube immer weiter angezogen, um Kunden anzulocken. „Wir waren in der Defensive und ich versuchte, den Beschäftigten trotzdem eine Perspektive für ihre Arbeitsplätze zu erhalten.“

Beim Streit um den „langen Donnerstag“ zur Lockerung des Ladenschlusses Ende der 80er Jahre erlebt Ramelow ein Debakel, weil der von ihm organisierte Streik an die Geschäftsleitung von Karstadt in Gießen verraten wird. „Ich habe nie mehr in so niedergeschlagene Gesichter geblickt wie in die von den Streikbrechern, die von ihren Chefs gezwungen wurden, durch die Reihen der Streikenden zu gehen.“

1990, kurz nach dem Mauerfall, geht Ramelow als Aufbauhelfer seiner Gewerkschaft nach Thüringen und wird später zum HBV-Landesvorsitzenden gewählt. Er erlebt die gleichen Arbeitsplatz-Kämpfe wie zuvor im Westen und initiiert 1997 die „Erfurter Erklärung“ mit, einen Aufruf für mehr soziale Gerechtigkeit.

1999 kandidiert Ramelow als Parteiloser erstmals für die Thüringer PDS und und tritt dann der Partei bei. 2001 wird er PDS-Fraktionschef und bleibt das auch nach der Landtagswahl 2004. Schon bald warten neue Aufgaben auf ihn. „Parteichef Lothar Bisky fragte mich dann, ob ich für unsere Partei den Bundestagswahlkampf 2005 organisieren will?“ Natürlich will er. Am Ende kommt die PDS auf 8,7 Prozent. Auch Ramelow zieht in den Bundestag ein und wird Fraktionsvize. Später ist er es, der den Verschmelzungsprozess der ostdeutschen PDS mit der westdeutschen WASG zur Partei Die Linke maßgeblich mitsteuert.

Eine tiefe Enttäuschung erlebt er 2009: Obwohl nach der Landtagswahl in Thüringen eine rot-rote Regierung möglich gewesen wäre, koaliert die SPD mit der CDU – und Ramelow verpasst sein Ziel, erster Ministerpräsident der Linken zu werden.

Außerhalb seiner Partei bleibt er umstritten. Für Aufsehen sorgt zum Beispiel, dass seine Büroleiterin in seiner Bundestagszeit früher bei der Stasi tätig war. „Die Frau hat beim Ministerium für Staatssicherheit als Russisch-Dolmetscherin für Betriebshandbücher gearbeitet. Sie hat mit dem Stasi-Spitzelsystem an ihrem Arbeitsplatz nichts zu tun gehabt und ich habe diesen Sachverhalt vor der Einstellung der Bundestagsverwaltung gemeldet. An dem ganzen Personalvorgang war wirklich gar nichts geheim“, sagt er.

Andererseits wird er selbst jahrelang vom Verfassungsschutz beobachtet. Er klagt dagegen und bekommt Recht. Im Oktober 2013 entscheidet das Bundesverfassungsgericht, dass die Überwachung nicht verhältnismäßig sei. In der Pressemitteilung dazu heißt es: „Die Fachgerichte haben ausdrücklich festgestellt, dass der Beschwerdeführer individuell nicht verdächtig ist, verfassungsfeindliche Bestrebungen zu verfolgen.“

2014 wird man von Ramelow wieder hören. Dann steht in Thüringen die nächste Landtagswahl an.

Christian Lipicki

arbeitet heute in einem Bundesministerium. Er war zuvor Pressesprecher und ­viele Jahre lang Journalist. Für p&k schreibt er privat.