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Foto: Marco Urban
Praxis

Rhetorikcheck: Thomas Strobl

Angst, Wut, Hass. Ist Tröglitz überall? Thomas Strobl, stellvertretender Parteichef der CDU, war zu Gast bei Maybrit Illner. Seinen Auftritt analysiert unser Rhetorikexperte Frank Hartmann.

von Frank Hartmann

Die Sendung läuft bereits seit 15 Minuten, als Maybrit Illner eine erste kritische Frage an Strobl richtet. Claudia Roth (Die Grünen) erinnert daran, dass inzwischen 23.000 Flüchtlinge im Mittelmeerraum gestorben sind. Daraufhin fragt Illner den stellvertretenden CDU-Parteichef: „Volker Kauder hat sich ja vor einigen Monaten mit dem Satz verewigt, dass diejenigen, die es zu uns schaffen, von uns auch aufgenommen werden. Nun sagt der Landrat Götz Ulrich, er kann für die Sicherheit der Flüchtlinge in seinem Landkreis nicht garantieren. Könnten Sie als Politiker ruhig schlafen, Flüchtlinge, die es nach Deutschland, nach Sachsen-Anhalt geschafft haben, ausgerechnet in solch einen Ort zu schicken? Können Sie da ruhig schlafen?“

Keine klare Positionierung

Nun ist der Ball für Thomas Strobl endlich auf dem Feld – doch mit Richtung auf das eigene Tor! Die Frage provoziert Widerspruch gegen den eigenen Fraktionschef. Illners Frage zielt drauf ab, Strobl dazu zu bewegen, uns zu sagen, was er politisch verantworten möchte. Kauder zu korrigieren – diese Falle lässt Strobl links liegen. Die Abwehr steht. Die Mimik ist stabil. Der Polit-Profi überwindet seine Sprachlosigkeit aber nur zum Teil, schüttelt kurz den Kopf und antwortet: „Wissen Sie, das ist ja nicht nur in Sachsen-Anhalt. Das hat Frau Roth ja ganz richtig gesagt...“ – diese nickt brav zurück – „…Deswegen müssen wir darüber sprechen. Deswegen müssen wir die Flüchtlingspolitik erklären. Sonst ist jedenfalls Tröglitz bald überall. Und das wollen wir ganz sicher nicht haben!“ Strobl gibt sehr früh eine Antwort auf die im Titel der Sendung gestellte Frage. Damit positioniert er sich einerseits und kann andererseits gut von der eigentlichen Fragerichtung und der an ihn persönlich adressierten Verantwortung ablenken.

Punkten kann Strobl im weiteren Verlauf mit seiner Kritik an Frauke Petry, Sprecherin des AfD-Bundesvorstands und Vorsitzende in Sachsen: „Frau Petry, selbst, wenn die Asylbewerberpolitik falsch wäre und wenn sie noch so falsch wäre, dann rechtfertigt das nicht, dass man Brandsätze auf Asylbewerberwohnheime wirft!“ Der Beifall im Publikum gibt Thomas Strobl Recht. Der Ball scheint nun im Tor der Populisten gelandet zu sein. Doch mit dem Angriff auf die AfD und dem politischen Grundkonsens aller Demokraten, dass Gewalt kein Mittel der Politik sein darf, gelingt es Strobl, der Frage nach der moralischen Verantwortung für das Schicksal der Flüchtlinge in Deutschland selbst auszuweichen.

Fazit

Wer sich von Thomas Strobl konkrete Antworten erhoffte, wurde enttäuscht. Dabei hätte der stellvertretende CDU-Parteichef mit einer klaren Formulierung seiner politischen Grundüberzeugungen viel gewinnen können. Immerhin werden diese von vielen Menschen geteilt. Konsensargumente allein bieten keine Lösungen. Die aber sind von Politikern gefordert. Und ob Thomas Strobl angesichts der zunehmenden Flüchtlinge und ihrer schwierigen Lebenssituation ruhig schläft, wissen wir immer noch nicht!

Mimik, Gestik, Körpersprache:
Lebendiger Ausdruck:
Redeaufbau: