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Foto: Gerrit Sievert
Praxis

Rhetorikcheck: Thomas Oppermann

Maybrit Illner diskutierte am Donnerstagabend mit ihren Gästen über Einwanderung. Wie sich SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann in der Runde schlug, analysiert Rhetorikexperte Frank Hartmann.

von Frank Hartmann

Moderatorin Maybrit Illner trifft bei der Eröffnung ihrer Sendung den Nerv der Zeit: "Wir müssen offen reden, welchen Nutzen Einwanderung für unser Land hat … Die erste Frage geht an Herrn Oppermann. Im letzten Jahr sind fast eine halbe Million Menschen nach Deutschland gekommen und Sie kämpfen für ein neues Einwanderungsgesetz. Warum?"

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann nimmt den Gesprächsfaden locker auf: "Nach den vielen Pegida-Demonstrationen brauchen wir eine Debatte für Einwanderung … Wir verlieren bis 2060 zwanzig Millionen Menschen!" Sagt‘s seelenruhig und wartet ab, was passiert. Oppermanns Blick in die Glaskugel kann einem am späten Donnerstagabend schon Angst machen, ist aber rhetorisch gut. Die Aufmerksamkeit ist ihm damit sicher. Selbst unbegründete Behauptungen, ruhig und besonnen vorgetragen, wirken souverän. Sein Ziel: "Flüchtlingsschutz und Wirtschaftsnutzen", sowohl als auch also. Applaus aus dem Publikum.

Die Frage der Sendung ist damit beantwortet! Wir könnten friedlich gestimmt den Abend beenden. Doch CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer nutzt als zweiter Redner die Chance zum Kontern: "Viele gut ausgebildete Deutsche verlassen unser Land, viele Gründer und Startups … deshalb brauchen wir kein Einwanderungsgesetz." Aha! Auch Scheuer spielt mit der Angst. Getreu dem Motto "Mein Haus, mein Auto, meine Yacht" schwingt sich der Abend wieder ein. Puh, das ist ja nochmal gut gegangen!

Fakten unterstreichen Fachkompetenz

Thomas Oppermann spielt sein gut sortiertes Blatt und präsentiert wieder Fakten aus der Demografie: "Wir brauchen mehr Zuwanderung, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Sechs bis sieben Millionen in den nächsten zehn Jahren." Und wieder schlottern mir die Knie, klappern die Zähne. Doch Bodo Ramelow aus Thüringen, erster linker Ministerpräsident Deutschlands, wandelt auf Luthers Pfaden und betont an diesem Abend versuchsweise einmal das, was ihn als Christ bewegt: "Wir müssen Menschen Ängste nehmen und nicht vor denen weichen, die Ängste schüren." Wir hören gebannt zu. Nun liefern sich Scheuer und Ramelow einen Schlagabtausch über die Anerkennung bayerischer Größe und Potenz. Oppermann klärt souverän: "Lassen Sie doch mal den parteipolitischen Streit!" Nun, so schnell lässt sich Maybrit Illner ihre Rolle aber nicht abjagen und fragt Scheuer: "Wo bekommen Sie denn die hochqualifizierten Fachkräfte her in Bayern?" Ramelow fix: "Aus Thüringen!" Lacher im Publikum. Scheuer setzt nach: "Wenn Sie die vertreiben mit ihrer linken Regierung …"

Geld für Schlepper oder Deutschkurse am Goetheinstitut?

Im weiteren Verlauf der Sendung spielt Oppermann wieder ruhig und sicher seine Trümpfe: "Die wichtigste Frage ist doch, bevor wir zusätzlich einwandern lassen, müssen wir diejenigen, die schon hier sind, qualifizieren und ausbilden … Darüber hinaus brauchen wir Fachkräfte nach dem kanadischen Modell. Wir brauchen geregelte Zuwanderung. Es wäre doch besser, wenn eine Familie in Afrika nicht ihr Geld für Schlepper ausgibt, um an einer Küste zu stranden, sondern für Deutschkurse am Goetheinstitut!"

Die Sendung hat Fahrt aufgenommen. Oppermann bringt sich immer wieder als jemand ein, der sein Konzept gut durchdacht hat. Er wartet auf seine Gelegenheiten, es zu erklären, bleibt besonnen und ausgleichend. Am Ende der Talkshow aber, nimmt er dann doch noch einmal der Moderatorin ihren Job ab:

Oppermann: "Ist Deutschland jetzt ein Einwanderungsland oder nicht?"

Scheuer: "Wir haben Einwanderung, aber wir sind kein Einwanderungsland!"

Oppermann: "Mögen Sie Einwanderer, Herr Scheuer?"

Scheuer: "Wenn Sie hierher kommen, um etwas zu leisten und unsere Sprache sprechen."

Oppermann: "Das wollte ich noch einmal hören. Danke, Herr Scheuer."

Fazit

Oppermanns Fakten, seine klaren Aussagen und plastischen Vergleiche bringen Ansichten rhetorisch auf den Punkt und sorgen für Anschaulichkeit und Souveränität. Die Rolle des Fragestellers und Moderators liegt ihm. Vielleicht eine Alternative zur Politik ab 2060?

Mimik, Gestik, Körpersprache:
Lebendiger Ausdruck:
Redeaufbau: