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Foto: SPD Schleswig-Holstein/Susie Knoll
Praxis

Rhetorikcheck: Ralf Stegner

Bei Anne Will hat sich Ralf Stegner einen Schlagabtausch mit Wolfgang Kubicki geliefert. Wer hatte die besseren Argumente? Unser Rhetorikexperte Frank Hartmann analysiert Stegners Auftritt.

von Frank Hartmann

"Boomende Börsen, große Erbschaften. Werden nur die Reichen immer reicher?" Am Mittwochabend war Ralf Stegner, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD, zu Gast bei Anne Will. In der Talkshow können die Teilnehmer in ihrem ersten Statement ein Motto vorgeben oder eine Kernbotschaft formulieren. Anne Will befragt Ralf Stegner zu den Ausschreitungen anlässlich der Eröffnung des neuen EZB-Gebäudes in Frankfurt am Main. Der SPD-Vize punktet nicht mit einer Kernbotschaft, dafür aber mit Grundüberzeugungen: "Kritik muss in einer Demokratie immer möglich sein, solange man die Grenzen klar zieht und sich darüber einig ist: Keine Kritik rechtfertigt Gewalt… Wir leben nicht in einer absoluten Monarchie… Demokratie lebt vom Wettbewerb der Ideen!"

Dafür gibt’s Applaus. Der Wettbewerb der Ideen ist Grundvoraussetzung einer lebendigen Politik, doch nicht Stegners Kernbotschaft. Seine Vorschläge sollen später folgen. Die Pfeile bleiben im Köcher.

"Im Vergleich zu Dänemark sind wir Niedriglohnland“

Doch schnell wird in der Sendung aus dem Wettstreit der Ideen ein Wettkampf der Ideologien. Anne Will kommt zeitweise nicht mehr rein. Die hitzige Diskussion dreht sich um das Steuerthema. Angriffe und populistische Übertreibungen nehmen zu. Stegner: "Die Vermögensungleichheiten sind in Deutschland höher als in jedem anderen Land in Europa! …15 Millionen leben unter der Armutsgrenze." Und weiter: "Arbeit wird in Deutschland stärker besteuert als Kapital. Im Vergleich zu Dänemark sind wir inzwischen Niedriglohnland." Anne Will geht direkt darauf ein. Denn: "Wer hat’s gemacht? Der Steinrück hat‘s gemacht!" Sie zeigt Steinbrück als Finanzminister 2009: "Es ist besser, 25 Prozent Steuern von X zu bekommen, als 42 Prozent von nichts!" Stegner entgegnet: "Das war falsch. Das sagt er selbst." Will: "Wann?" Stegner: "In seinem neuen Buch."

Kubicki schaltet sich ein: "Und deshalb wollen sie anderen etwas wegnehmen?" Stegner antwortet: "Es geht nicht ums Wegnehmen, sondern um Solidarität… 20 Milliarden fehlen uns zum OECD-Durchschnitt bei den Bildungsausgaben." Stegner: "Reichtum verpflichtet!" - Aber wozu? Laut Kubicki verpflichtet ein erarbeiteter Wohlstand vor allem auch dazu, dass es den Kindern gut geht – während Stegner Vermögen im Erbfall zu einem größeren Teil als bisher für bessere Aufstiegschancen nutzen möchte. Kubicki poltert zurück: "40 Jahre SPD-Regierung in Schleswig-Holstein mit den schlechtesten Chancen für den Bildungsaufstieg!" Showdown:

Wer hat die besseren Argumente?

Stegner: "Es geht darum, im Notfall Unternehmensanteile dem Staat zu übertragen, wenn ein Unternehmenserbe die höhere Erbschaftssteuer nicht bezahlen kann!" Kubicki triumphiert: "So habe ich mir Sozialismus vorgestellt. Man erhebt Steuern, die die Leistungsfähigen nicht zahlen können und sagt dann, gib uns Anteile am Unternehmen." Stegner: "Es gibt kein Beispiel von einem Unternehmen, das durch die Erbschaftssteuer jemals in die Pleite gegangen ist. Das ist doch das Gespenst des Sozialismus, das die Herren hier an die Wand malen. Angst machen ist die Methode derjenigen, die nicht teilen wollen, sondern behalten wollen, was sie haben!"

Fazit

Guter Einstieg, schnelle Reaktionen, guter Schluss! Doch hochgezogene Augenbrauen, angespannte Nasenflügel und eine oft zurückgenommene Sitzposition lassen Ralf Stegner zeitweise lässig, dann wieder besserwisserisch wirken. Aber das gleicht er aus: mit vielen guten Gesten und markigen Worten! Kleines Manko: Im Wettbewerb der Ideen lässt sich der SPD-Vize zu gerne provozieren. Bitte noch mehr Nutzenargumente und anschauliche Erklärungen!

Mimik, Gestik, Körpersprache:
Lebendiger Ausdruck:
Redeaufbau: