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Foto: www.oliver-krischer.eu / Stefan Kaminski
Praxis

Rhetorikcheck: Oliver Krischer

Europarechtswidrig, bürokratisch, diskriminierend: Oliver Krischer (Grüne) hält von den Maut-Plänen der Großen Koalitionäre in etwa so viel wie vom Betreuungsgeld. Rhetorik-Experte Frank Hartmann analysiert für p&k seine Rede.

von Frank Hartmann

Endlich. Kurz vor Jahresende spricht Oliver Krischer (Bündnis90/Die Grünen) im Bundestag aus, was viele denken: Die Maut ist absurd. Sie ist unseriös, bringt keine zusätzlichen Einnahmen und schadet sogar, weil Nachbarländer dem Modell folgen werden. Doch der Reihe nach. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat 2013 als Generalsekretär seiner Partei zum Wahlsieg verholfen. Das geht am besten, indem man die ländlichen Gebiete Bayerns für sich gewinnt. Das lässt sich ganz einfach erreichen, mag sich Dobrindt gedacht haben und spielte den immer gleichen Song: Wir brauchen eine Maut für Ausländer! Straßen und Brücken sind marode, jetzt ist payday! Der Song eroberte das Alpenvorland wie die Kastelruther Spatzen die Hitparade der Volksmusik. Heute ist Dobrindt Verkehrsminister und muss Wort halten.

Halbsätze steigern sich über die Anapher zum Klatschsatz

"Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen, es gibt in der Verkehrs- und Mobilitätspolitik unglaublich große Herausforderungen. Aber leider muss man feststellen, nach einem Jahr große Koalition haben sie nicht einmal angefangen, sich diesen Herausforderungen zu widmen. Stattdessen beschäftigen Sie, der Minister, die gesamte Bundesregierung sich mit einer Ausländermaut, die Besucher aus dem Ausland diskriminiert, die europarechtswidrig ist, die verfassungsrechtlich fragwürdig ist, die keine ökologische Lenkungswirkung hat, die ein Bürokratiemonster irrsinnigen Ausmaßes ist und die auch noch riesige Datenschutzprobleme aufwirft, meine Damen und Herren. Das ist die Fortsetzung des Betreuungsgeldes in der Verkehrspolitik, das ist Verkehrspolitik absurd. Das sollte sich eine große Koalition schämen, hier so etwas vorzulegen."

Zu Beginn seiner Rede benennt Oliver Krischer die eigentlich zu lösenden Aufgaben. Dann attestiert er der Bundesregierung mangelhafte Aufgabenerfüllung und forscht nach der Ursache. Wie konnte es zu dieser schlechten Arbeit in der Verkehrspolitik kommen? Und schon sind wir wieder beim Polit-Hit aus dem Sommer 2013: die Maut für ausländische Verkehrsteilnehmer. Die Redefigur Anapher hilft ihm dabei. Bei der Anapher werden Satzanfänge oder Satzteilanfänge wiederholt, sodass sich Redner und Zuhörer gleichermaßen gut auf das jeweils Neue konzentrieren können. Bei der Anapher verbessert sich die freie Rede und sie ermöglicht stärkere Betonungen. Bei der Anapher verstärkt sich insgesamt die sprachliche Ausdruckskraft. So auch bei Oliver Krischer, der sie gleich zweimal nacheinander einsetzt und mit passenden, nachdrücklichen Gesten unterstützt.

Der emotionale Funke springt rüber.

Fazit: Aus dem Wahlkampfsong bajuwarischer "Bierzeltjunkies“ ist durch Mitwirkung von CDU und SPD ein absurdes Theaterstück geworden, das von den eigentlich zu lösenden Aufgaben ablenkt. Endlich spricht es einer aus. Danke, für eine leidenschaftliche Rhetorik, die Realitätssinn einfordert, die zum Anliegen und zum Thema passt! Was lernen wir für die Rhetorik? Alle Aussagen verstärken sich durch die Anapher, das Aspirin aus der Hausapotheke der rhetorischen Wirkungsmittel. Sie wirkt schnell, ist frei von Nebenwirkungen und immer einsetzbar. Danke, Herr Krischer!

Mimik, Gestik, Körpersprache:
Lebendiger Ausdruck:
Redeaufbau: