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Foto: Marco Urban
Praxis

Rhetorikcheck: Niels Annen

Der Bundestag hat am Donnerstag über die Operation Atalanta vor der Küste Somalias beraten. Den Debattenbeitrag von Niels Annen (SPD) analysiert Rhetorikexperte Frank Hartmann.

von Frank Hartmann

Der Bundestag berät über die Fortsetzung der Operation Atalanta zur Bekämpfung der Piraterie vor der Küste Somalias. Niels Annen (SPD) spricht sich in seinem Debattenbeitrag klar dafür aus, die Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte zu verlängern. Doch warum? Immerhin gab es 2014 lediglich vier versuchte Angriffe. "Entführungen konnten seit 2012 komplett verhindert werden und aktuell befindet sich kein Schiff mehr in der Hand somalischer Piraten." Ist die Mission damit nicht erfüllt? Welche guten Gründe gibt es für den außen­po­li­tischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, die Operation Atalanta fortzusetzen? Und wie schlägt er sich am Rednerpult?

Niels Annen legt die rhetorische Messlatte gleich zu Beginn recht hoch: Die Messlatte für den längsten Satz im Deutschen Bundestag. Sage und schreibe 39 Wörter enthält der erste Satz, die Anrede nicht mitgezählt. Das ist rekordverdächtig. Was für viele gerade noch zu lesen ist, ist fürs Zuhören schwere Kost. Zu schwere Kost. Wie sagte schon Mark Twain: "Wenn der deutsche Schriftsteller in einen Satz taucht, dann hat man ihn die längste Zeit gesehen…" Reden werden selten gehalten. Sie werden geschrieben und dann abgelesen. Auch in der Politik. Lange Sätze sind die Folge. Doch nicht nur das. Zusätzliche Hürden entstehen durch Wortungetüme, wie "EU-Antipirateriemission", "Seerechtsübereinkommen", "Resolutionen des UN-Sicherheitsrats". Das sind nur einige Leckerbissen aus den ersten Sätzen der Rede. Die juristische Sprache scheint die Politik geentert zu haben.

Doch man staune. Niels Annen merkt es und reagiert: "Das klingt jetzt alles einigermaßen abstrakt. Wenn man sich dann aber vergegenwärtigt, dass das Mandatsgebiet, das wir dort festgelegt haben, etwa 24 Mal die Fläche der Bundesrepublik Deutschland umfasst, bekommt man auch eine Ahnung von der Größe und Komplexität der Aufgabe, die unsere Soldatinnen und Soldaten dort leisten. Und dafür möchte ich mich an dieser Stelle auch einmal herzlich bedanken!" Beifall im Saal. Der Vergleich erleichtert ein wenig das Verständnis.

Viel Blickkontakt und Betonung

Trotz der langen Sätze: Gute Pausen, viel Blickkontakt und die Betonung an den richtigen Stellen erleichtern das Zuhören. Daher folgen wir weiter seiner Rede und der Marine nach Afrika. Die Frage lautete ja: Sollte der Einsatz verlängert werden?

Niels Annen muss sich nicht am Rednerpult festhalten, er unterstützt seine Worte an den wichtigen Stellen durch genau die passenden Gesten, als er die Lage in Somalia beschreibt, die sich "nicht zu unserer Zufriedenheit entwickelt hat… im Jahre 2011 sind 250.000 Menschen in Somalia an Hunger gestorben… Meine Damen und Herren, für die Versorgung der somalischen Bevölkerung mit Lebensmitteln bleibt die Operation Atalanta zentral. Denn die Versorgung erfolgt überwiegend über den Seeweg. Alle Schiffe des Welternährungsprogramms (sind) sicher nach Somalia eskortiert worden. Das ist bei aller Sorge… ein wichtiger Erfolg!" Applaus bei den Abgeordneten im Saal.

Niels Annen nimmt sein Thema ernst. Das spürt man und das wirkt glaubwürdig. Einzig zu lange Sätze erschweren ein wenig das Zuhören. Doch obwohl das so ist, schafft es Annen durch viele gute Betonungen und passende Gesten, seine Worte zu unterstreichen und uns die Lage in Somalia eindringlich vor Augen zu führen.

 

Mimik, Gestik, Körpersprache:

Lebendiger Ausdruck:

Redeaufbau: