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Foto: Getty Images/Ponomariova_Maria
Frauenquote

Revolution statt Evolution

Die Frauenquote ist umstritten. Solange Auswahlprozesse im "Ökosystem Büro" Männer bevorzugen, führt aber kein Weg daran vorbei. Ein Gastbeitrag

von Anne Huning

"Die natürliche Auslese sorgt dafür, dass immer die Stärksten oder die am besten Angepassten überleben." Dieses Zitat stammt von Charles Darwin. Darwin war ein britischer Naturforscher – und wohl der bekannteste Vertreter der Evolutionstheorie. Seine These vom "survival of the fittest" ist Teil unseres allgemeinen Wissensschatzes. Darwins Theorie besagt, dass im Kampf um Nahrung und Lebensraum nur derjenige überlebt, der am besten an seine Umwelt angepasst ist. "Natürliche Auslese" nennt man dieses Prinzip auf Deutsch.

Grundlage von Darwins Theorie waren unter anderem Beobachtungen, die er auf den Galapagosinseln machte. Er bemerkte, dass Finken von Insel zu Insel leichte körperliche Unterschiede aufwiesen. Während die einen lange und schmale Schnäbel hatten, waren die Schnäbel der Finken auf der Nachbarinsel eher kurz und breit. Die Erklärung fand Darwin schnell: Die Finken mit den schmalen Schnäbeln lebten auf der Insel mit einem größeren Angebot an Samen: Nahrung, die sich leicht mit einem langen, schmalen Schnabel aufpicken lässt. Auf der Insel mit den breitschnäbligen Finken gab es dagegen mehr Nüsse als Samen. Nüsse lassen sich besser mit einem breiten Schnabel knacken. Entsprechend hatten sich auf der jeweiligen Insel diejenigen Merkmale durchgesetzt, mit denen man besser überleben konnte. 

Darwins Theorie löste – vor allem in Kirchenkreisen – eine Welle der Empörung aus. Für viele Gläubige waren seine Ideen Gotteslästerung. Auf Darwin und seine Theorie kommen wir später zurück. Zunächst einmal spulen wir 200 Jahre vor und kommen damit in unsere Zeit. Der Vorwurf der Gotteslästerung ist in unseren Breitengraden inzwischen selten geworden. Manche Themen und Ideen aber sorgen auch heute noch für wahre Empörungswellen wie zu Darwins Zeiten.

Triste Realität

Eines dieser kontrovers diskutierten Themen ist die Frauenquote. Nur wenige politische Vorhaben lösen derart starke Emotionen aus. Und manche sehen dann doch – wieder – die göttliche Ordnung in Gefahr. So war es auch Ende 2020, als klar wurde, dass die Bundesregierung eine gesetzliche Quote für Vorstände auf den Weg bringen würde. Der Gesetzentwurf wurde jüngst im Bundestag diskutiert. Er sieht unter anderem vor, dass der Vorstand eines börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmens, der aus mehr als drei Mitgliedern besteht, künftig mit mindestens einer Frau und mindestens einem Mann besetzt sein muss. Klingt erst mal gar nicht so wild.

Warum der Vorschlag trotzdem einen Aufschrei auslöste, erschließt sich, wenn man einen Blick auf die Zahlen wirft: In den Vorständen der 200 größten deutschen Unternehmen beträgt der Frauenanteil 11,5 Prozent. 58 dieser Unternehmen haben gar keine Frau im Vorstand. Heißt konkret: Die Quote bedeutet einiges an Arbeit. Schreien ist bei dieser Erkenntnis zwar nicht die beste Lösung, aber zumindest eine wenig überraschende Reaktion.

Zur Ehrlichkeit gehört auch, dass es jenseits der Wirtschaft nicht viel besser aussieht. In den Bundesbehörden liegt der Frauenanteil auf allen Leitungsebenen bei knapp über 30 Prozent. Im Parlament ist lediglich ein Drittel der Abgeordneten Frauen. An den Hochschulen haben wir einen Frauenanteil in der Professorenschaft von 25,6 Prozent. Und auch die Medien geben ein schlechtes Bild ab: Bei 100 Regionalzeitungen sind nur 8 Chefredakteursstellen mit Frauen besetzt. Bei zehn überregionalen Zeitungen beträgt der durchschnittliche Frauenanteil in Führungspositionen 25,1 Prozent. Die Zahlen sind eindeutig: Frauen sind in den Führungsetagen massiv unterrepräsentiert – und das in allen Gesellschaftsbereichen.

Viel passiert?

Dabei wurde in den vergangenen 15 Jahren einiges für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie getan. Viele, die eine Quote kritisieren, sehen hier die wichtigste Stellschraube für mehr Frauen in Führungspositionen. Gleichzeitig sind mehr Frauen gut ausgebildet als Männer. Es sollte also auch nicht an qualifizierten Kandidatinnen mangeln. Warum tut sich also nichts?

Kommen wir zurück zu Darwin und seiner Theorie vom "survival of the fittest". Zur Erinnerung: Die Theorie besagt, dass sich im Kampf um Nahrung und Lebensraum vor allem behauptet, wer am besten an seine Umwelt angepasst ist. Stichwort: natürliche Auslese. In diesem Sinne lässt sich auch das Büro als "Ökosystem" verstehen: Als Arbeitskräfte sind wir die Finken, die darum kämpfen, satt zu werden und an noch größere Futtertröge zu kommen. Unser Futter besteht dabei nicht aus Samen oder Nüssen, sondern aus Einstellung, Aufstiegschancen und Führungsposten. Wie bei den Darwin-Finken ist auch bei uns entscheidend, ob unsere Schnäbel zum Futter passen. Heißt konkret: ob meine Eigenschaften die sind, die mir bei der Futterbeschaffung einen Vorteil bringen. 

Welche Eigenschaften das sind, wird – bewusst wie unbewusst – von der bestehenden Führungsetage festgelegt. Sie entscheidet über die Regeln und Mechanismen des menschgemachten Ökosystems Büro. Die Natur hat es nun so gefügt, dass wir tendenziell die Eigenschaften positiver bewerten, die wir selbst in uns vereinen. So bevorzugen wir Personen, die uns ähneln. Die Wissenschaft bezeichnet dieses Verhalten als homosoziale Reproduktion.

Thomas-Prinzip

Für das Ökosystem Büro bedeutet das, dass die Führungsetage gerade jene Eigenschaften bei Beschäftigten als relevant und wichtig einschätzt, die sie selbst besitzt. Wenn die Führungsetage männlich ist (und das ist sie meistens), sind das Eigenschaften, die häufiger bei Männern zu beobachten sind – wie zum Beispiel Angriffslust, Lautstärke und eine raumgreifende Präsenz. Wesenszüge, die hingegen als typisch weiblich gelten – ein moderates Auftreten, Zurückhaltung und Zuhören – werden als weniger positiv bewertet.

Deshalb stellen männliche Chefs häufiger Männer ein und sind eher geneigt, diese zu befördern oder für Führungspositionen zu empfehlen. Flapsig nennt man die homosoziale Reproduktion in diesem Kontext auch das "Mini-Me"- oder "Thomas"-Prinzip. Frauen befinden sich in solch einem Ökosystem, das sich selbst reproduziert, im klaren Nachteil. Das Leistungsprinzip, auf das viele Gegner der Quote pochen, ist dort ausgehebelt.

Im Ergebnis bedeutet das: Solange das Ökosystem Büro so gestaltet ist, dass sich vermeintlich männliche Eigenschaften tendenziell besser durchsetzen, werden wir nicht ausreichend Frauen in Führungspositionen sehen. Und solange wir nicht ausreichend Frauen in Führungspositionen haben, wird sich auch das Ökosystem Büro und damit dessen Bedingungen für Erfolg nicht ändern. Deshalb braucht es eine Quote.

Ein erster Schritt

Die natürliche Auslese funktioniert nämlich nicht befriedigend. Im Kleinen wie im Großen ist schon lange klar, dass Diversität massive Vorteile bringt. Nicht nur die einzelne Organisation, auch das Wirtschaftssystem im Ganzen würde von mehr Vielfalt enorm profitieren. Sollen wir wirklich darauf warten, dass die Evolution uns irgendwann vielleicht mehr Frauen in Führungspositionen beschert? 

Meine Antwort: Ein klares Nein. Unsere Wirtschaft muss schon jetzt ihr volles Potenzial ausschöpfen. Nur so kann sie im weltweiten, übergeordneten Wettbewerb der Ökosysteme bestehen. Deshalb bin ich überzeugt: Manchmal ist Revolution besser als Evolution. Die Frauenquote wäre ein erster Schritt.

Anne Huning

ist Direktorin für Presse und Kommunikation bei einem Verband. Dieser Beitrag gibt allein ihre persönliche Ansicht wieder.