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Provokateur vom Boulevard

Andreas Theyssen leitet die Berliner Redaktion der „Financial Times Deutschland“. Teil 6 der p&k-Serie über die Hauptstadtchefs der deutschen Leitmedien.

Von Sebastian Lange

Eines fällt auf an der Karriere von Andreas Theyssen: Er ist meist da, wo die journalistische Avantgarde ein Experiment wagt – und das ist zugleich der Grund dafür, dass diese Karriere so manchen Bruch aufweist. Ob es die Zeitschrift „Tango“ war, die Wochenzeitung „Die Woche“, der Nordrhein-Westfalen-Teil der „Süddeutschen“: Sie alle wurden eingestellt. Heute ist Theyssen Politikchef bei der „Financial Times Deutschland“ („FTD“), und die lebt noch, auch wenn zumindest der wirtschaftliche Erfolg weiter auf sich warten lässt. Theyssen geht eben gerne da hin, wo es spannend wird. Er ist keiner von den Zimperlichen, sondern einer, der „in den Gully steigen und die Ärmel hochkrempeln“ kann; zumindest hat Ex-„Bild“-Chef Hans-Hermann Tiedje ihn 1994 bei „Tango“ eingestellt und einmal mit diesen Worten seine Vorstellung von einem guten Journalisten umschrieben.
Wer Andreas Theyssen in der Berliner „FTD“-Redaktion besucht, der muss zunächst durch die riesige Eingangshalle des „Atriums“ gehen, eines Bürogebäudes an der Friedrichstraße in Berlin. Mit dem Aufzug geht es zur Redaktion. Theys­sen setzt sich mit dem Besucher lieber nicht in sein Büro, denn sein Schreibtisch ist der Albtraum aller Feng-Shui- und Ordnungsfetischisten – wie ein kurzer Blick ins Büro verrät: Papier, sehr viel Papier. Nach einem Rundgang durch die Redaktion also ein Gespräch im Konferenzraum, an dessen Wand die aktuelle „FTD“-Ausgabe hängt. Theyssen hat eine sonore Stimme, die ihn auch zum Radiosprecher qualifiziert hätte.

Erste Schritte im Boulevard

Sein Handwerk lernte der gebürtige Aach­ener in den 80er Jahren auf der Deutschen Journalistenschule in München, die er parallel zum Studium besuchte. Da die Journalistenschüler keine Vergütung erhielten, musste er schauen, wie er nebenher sein Geld verdient: Theyssen fing bei der Münchner „Abendzeitung“ an. Der Job bei dem Boulevardblatt, so sieht er es heute, war eine „hervorragende Schule“. „Im Boulevard lernt man, auf den Punkt zu schreiben und nicht rumzulabern“, sagt Theyssen. Lehrreich war die Zeit bei der „Abendzeitung“ aber auch, weil er dort als Polizeireporter arbeitete. Da lernte der angehende Journalist, dessen Vater Chefredakteur einer katholischen Missionszeitung war, zwangsläufig, wie man Hemmungen überwindet, innere wie äußere: „Als ich mit einem Fotografen den Großvater eines ermordeten Kindes aufsuchen mus­ste, zeigte ich zwar Anteilnahme – kam mir aber verlogen vor, weil ich wusste, dass ich jetzt noch diese und jene Information aus dem Mann rausholen mus­ste.“ Das Boulevard-Geschäft machte ihn nachdenklich: „Ich merkte, dass ich mit der Zeit immer zynischer wurde.“
Die griffigen Formulierungen jedenfalls hat er sich bis heute nicht mehr abgewöhnt, und dazu gesellt sich Spaß an der Provokation. In seiner Kolumne, in der der Blattmacher Theyssen sich alle zwei Wochen ein wenig austoben kann, teilt er gerne aus und begibt sich auch auf das glatte Eis der Ironie – von der er eigentlich weiß, dass „nur die Hälfte der Leser sie versteht“. Darum rate er seinen Redaktionskollegen an sich auch von Ironie ab, sagt er. Aber er kann offenbar nicht anders, diese kleine Inkonsequenz muss sein. Die Kanzlerin, so schrieb er denn kürzlich, verdiene „unser Verständnis, wenn nicht unser Mitleid“. Und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sei „privat recht nett, bei öffentlichen Auftritten aber ein klarer Fall für einen Rhetorikgrundkurs an der VHS Neukölln.“ Auf seine Kolumne hin gab es schon Abo-Abbestellung­en, was keinen Verlag freut, aber auch ein positives Zeichen sein kann: dafür, dass da einer den wunden Punkt trifft. Ein Journalist, der früher mit Theyssen zusammengearbeitet hat, sagt, dass dieser übrigens nicht nur beim Schreiben gerne mal einen Spruch bringe. Er gebe sich ein wenig kaltschnäuzig; unter der harten Schale stecke jedoch ein „angenehmer Mensch“ – und mehr noch: ein Kollege, der sich auch für andere einsetze.   
Nach seinem Studium arbeitete Theyssen, zu dessen Fächern auch Sinologie gehörte, ein Jahr lang für die Zeitschrift „China im Aufbruch” in Peking. Das Blatt wurde vom Auswärtigen Amt herausgegeben. Die Hoffnung, sich vielleicht als Asien-Korrespondent etablieren zu können, erfüllte sich nicht: Seine Sechs-Tage-Woche, in der er Texten, die von Chinesen ins Deutsche übersetzt worden waren, den nötigen Schliff verlieh, ließ ihm kaum Zeit, nebenher noch für deutsche Zeitungen zu schreiben. Also ging er nach dem Jahr zurück nach München, wieder zur „Abendzeitung“.
Und dann: fiel die Mauer, und das Blatt wollte erstmals einen Korrespondenten nach Ost-Berlin schicken. „Da habe ich heftig ,Hier!‘ gerufen“, sagt Theyssen. Er bekam den Job und bezog Anfang 1990 ein Büro in einem Plattenbau in Berlin-Lichtenberg. Die letzten Tage der DDR waren die bislang spannendste Zeit in seinem Journalistenleben, die Arbeitsbedingungen abenteuerlich. Die Telefonleitung­en waren völlig überlastet, und als „Nachrichtenagentur“ diente der Radiosender Rias. Theys­sen: „Die Ereignisse überschlugen sich jeden Tag von neuem, und immer, wenn ich den Nachrichten-Jingle von Rias 2 hörte, bekam ich Magenschmerzen. Wer wurde jetzt wieder als Stasi-Spitzel enttarnt? Was haben die jetzt wieder beschlossen?“     
Wenige Jahre später kam dann „Tango“: Zwei seiner Kollegen von der „Abendzeitung“ gingen dahin und waren von dem Projekt „kolossal begeistert.“ Hans-Peter Junker und Thomas Tuma waren diese Kollegen, der eine inzwischen Chefredakteur von „Stern View“, der andere Wirtschaftschef des „Spiegel“. Theyssen wechselte mit in die Redaktion der Illustrierten in Berlin-Kreuzberg. Auf den Ort war Chefredakteur Tiedje besonders stolz; denn das war neu, geradezu avantgardistisch, war es bis dahin doch fast undenkbar, dass ein solches Magazin nicht in Hamburg beheimatet ist. Und dann gleich Kreuzberg. „Tango“ war ein Projekt von Gruner&Jahr, in das der Verlag große Hoffnungen setzte. Es sollte rechter und boulevardesker sein als der ebenfalls bei Gruner&Jahr erscheinende „Stern“. Doch das Magazin floppte, und nach nicht einem Jahr war Schluss. Theyssen stand an einer Weggabelung: „Wäre ich nun wieder zu einem Boulevardblatt gegangen, hätte ich mich endgültig auf diese Schiene festgelegt.“ Das aber wollte er nicht, er arbeitete zunächst zwei Jahre als freier Journalist von Berlin aus, unter anderem für die „Woche“. Diese hatte 1993 als jüngere Konkurrenz der „Zeit“ den Kampf angesagt. Bei der „Woche“ fing er schließlich als stellvertretender Politikchef an, wurde später Parlamentskorrespondent – bis zum Ende im Jahr 2002.
Auch die „Woche“ war so ein Blatt, das journalistisch gut gemacht war, doch fuhr sie Jahr für Jahr Verluste ein. Nachdem Verhandlungen über einen Einstieg der WAZ-Mediengruppe scheiterten, wurde die Redaktion dichtgemacht. Theyssen stand zum zweiten Mal ohne Job da, bekam jedoch bald einen Anruf von Hans-Werner Kilz. Der Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ holte ihn in seine neue Nordrhein-Westfalen-Redaktion. Und hier erlebte Theyssen ein Déjà-vu, nur dass die Folgen diesmal gravierender waren: Auch der erfolgreich gestartete NRW-Regionalteil wurde aus wirtschaftlichen Gründen wieder eingestellt. „Da war meine Situation plötzlich äußerst unerquicklich, denn die damalige Medienkrise war auf ihrem Höhepunkt“, sagt der Journalist. „Es gab keine, aber wirklich gar keine Jobs.“

Unglückliche acht Monate

Und so wechselte er die Seiten: Es folgten acht Monate als Pressesprecher der FDP-Landtagsfraktion in Düsseldorf. Nur acht Monate, denn glücklich wurde er in dem Job nicht. Dass er die Stelle angetreten hatte, sei die „blanke Not“ gewesen. „Ich war über 40 und hatte mit dem Journalismus abgeschlossen. Ich dachte, dass ich das jetzt bis zur Rente mache.“ Vorher hatte er für die „SZ“ die FDP-Spendenaffäre gecovert – und plötzlich war er von der anderen Seite her damit befasst.
Man habe dem neuen Pressesprecher angemerkt, dass er nicht ganz glücklich war, erinnert sich ein Liberaler aus NRW. „Andreas Theyssen ist ein Vollblutjournalist und ein unabhängiger Kopf. Das war, als würde man ein Rennpferd als Ackergaul einsetzen.“ Zum Glück hatte der neue Mann Ideen, zum Glück auch für ihn selbst: Er veranstaltete für die Fraktion einen Kongress zur Zeitungskrise, zu dem er telefonisch auch den designierten „FTD“-Chef Steffen Klusmann anfragte. Klusmann musste absagen, fragte ihn aber, ob er eigentlich keine Lust hätte, irgendwann wieder in den Journalismus zurückzukehren. Na ja, das Schreiben würde ihm schon fehlen, sagte Theyssen. Einige Monate später rief Klusmann zurück – und holte das Rennpferd vom Acker.

Andreas Theyssen

leitet seit 2006 die Politikredaktion der „Financial Times Deutschland“. Die Politikredaktion ist zugleich die Hauptstadtredaktion des Blatts, seit kurzem sogar aller Gruner&Jahr-Wirtschaftstitel. Zuvor war Theyssen verantwortlich für die Seite Eins. Der 48-Jährige arbeitet seit 2004 für die Wirtschaftszeitung. Er wurde in Aachen geboren und ist Vater eines vier Jahre alten Sohns.