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Politischer Quasi-Journalismus

Wahlkampfzeit – das ist die Hochzeit des politischen Journalismus. Ihrer Meinungsmacht sind sich die klassischen Medien wohl bewusst. Doch die alleinigen Gatekeeper sind sie nicht mehr.

von Nicole Alexander

Wahlkampf? „Dafür interessiert sich doch zurzeit noch niemand“, sagt „Stern“-Autor Andreas Hoidn-Borchers. Auch Nico Fried, Leiter der Hauptstadtredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ winkt ab. Ein bisschen Geplänkel hier, ein paar Positionierungsversuche da – heftiges Ringen um die Gunst des Wählers sieht anders aus. Wahl-Experte Karl-Rudolf Korte hat auch gleich die Erklärung dafür parat: Die Hälfte der Wähler entscheide sich erst in den letzten zehn Tagen vor der Wahl, welcher Partei und welchem Kandidaten sie ihre Stimme geben. Der Grund: Die Bindung vieler Wähler an eine bestimmte Partei nimmt deutlich ab, die Bedeutung von Ereignissen und Themen kurz vor der Wahl dagegen zu. „Das führt dazu, dass die eigentliche Wahlkampfphase im Vergleich zu früher kürzer und wichtiger geworden ist“, so der Politologe.

"Der Wahlkampf wird kürzer und wichtiger" - Karl-Rudolf Korte


Gleichwohl laufen die Vorbereitungen für den Wahlkampf bereits auf Hochtouren – nicht nur bei den Parteien, sondern auch bei den Medien. „Wir arbeiten seit dem Frühjahr an unserer Wahlkampf-Berichterstattung“, so „Zeit Online“-Chefredakteur Jochen Wegner. Nico Fried berichtet, dass die aus einem Kollegen bestehende Online-Redaktion der SZ in Berlin eigens für den Wahlkampf um einen weiteren Onliner verstärkt wurde. Und auch das Politikressort der „Welt“ bekommt mit der Journalistin Claudia Kade rechtzeitig vor der Wahl einen Neuzugang, erzählt Ulf Poschardt, stellvertretender Chefredakteur der „Welt“-Gruppe.
Bei aller demonstrativen Gelassenheit – dem Kampf darum, wer ab dem 22. September Deutschland regiert, widmen die Medien heute also genauso viel Aufmerksamkeit wie früher. Doch wie sieht es umgekehrt aus? Sind die traditionellen Medien in Zeiten der digitalen Revolution für die Politik als Kommunikationskanal zum Bürger noch genauso wichtig wie früher? Oder haben sie ihr Deutungsmonopol über das politische Geschehen  verloren – an Politiker und Parteien, die munter twittern, posten und auf ihren Internetseiten zu Tele-Townhalls samt Moderator einladen und so über einen direkten Zugang zum Wähler verfügen?
Die Antworten auf diese Fragen fallen – wie so oft – etwas unentschieden aus. Fakt ist: Politik wird nach wie vor maßgeblich über die klassischen Medien vermittelt; eine wirkliche Marginalisierung des professionellen Politik-Journalismus durch die Möglichkeiten, die die neuen Medien Bürgerjournalisten und politischen Akteuren bieten, hat – bislang jedenfalls – nicht stattgefunden.
Doch kein Grund für Journalisten, sich zurückzulehnen. Denn ihre Rolle als Gatekeeper, an denen kein Weg vorbeiführt, haben die traditionellen Medien ein Stück weit verloren. „Die Parteien versuchen sehr viel stärker, über ihre eigenen Plattformen an die Leute heranzukommen“, erklärt Hoidn-Borchers. „Dort laufen oft die eigentlichen Nachrichten, aus denen die traditionellen Medien dann die Schlagzeile machen.“
Als Beispiel führt er einen Artikel im „Handelsblatt“ an. Die Zeitung hatte am 28. Mai auf der CDU-Webseite Merkels Telefonkonferenz mit Parteimitgliedern verfolgt, in der die Kanzlerin unter anderem die Erhöhung von Kindergeld und Kinderfreibetrag versprochen hatte, und mit der folgenden Schlagzeile „Merkel kündigt Wahlgeschenke in Milliardenhöhe an“ eine lebhafte Debatte ausgelöst.
Der Politologe Christoph Bieber sieht darin einen Trend bestätigt, der ihm gar nicht gefällt: „Seit einiger Zeit produzieren politische Akteure quasi-journalistische Formate wie Interviews und Features“, moniert der Internetexperte. „Und die alten Medien berichten darüber, was die Parteien an quasi-journalistischen Inhalten zur Verfügung stellen.“

"Was wie Journalismus aussieht, ist Werbung" - Christoph Bieber


Wie so oft standen bei der Etablierung solcher Formate die USA Pate; vor allem Obama setzte im US-Präsidentschaftswahlkampf 2008 auf Tele-Townhalls und Video-Podcasts – wie wir wissen, mit Erfolg. Was Bieber stört: Was auf den ersten Blick wie ein journalistisches Format aussehe, sei einfach nur Polit-Werbung.
Bieber sieht in diesem Quasi-Journalismus politischer Akteure den Ausdruck einer bedenklichen Symbiose von medialem und politischem System – und schlägt den Bogen gleich zu Ex-ZDF-Mann Steffen Seibert: Es sei vielleicht kein Zufall, dass sich Merkel einen TV-Moderator als Regierungssprecher gewählt habe. „TV-erfahrene Journalisten scheinen für die Parteien immer wichtiger zu werden, sowohl als Vermittler in Richtung des Leitmediums Fernsehen wie auch als Gestalter einer zunehmend fernsehorientierten Selbstdarstellung im Netz.“
Enttäuscht ist Bieber von denen, die seiner Meinung nach über den politischen Quasi-Journalismus kritisch berichten sollten: die echten Journalisten. Bislang habe er noch keinen Artikel gelesen, der sich damit ernsthaft auseinandergesetzt habe. Eigentlich erstaunlich. Denn Mangel an kritischem Bewusstsein gegenüber der Politik kann man der Presse eigentlich nicht vorwerfen.
Bestes Beispiel ist die SZ. Laut Nico Fried wird das Blatt in diesem Jahr in den Wochen vor der Wahl voraussichtlich keine Interviews mit den Spitzenkandidaten der Parteien führen. Denn Interviews in Wahlkampfzeiten würden so autorisiert, dass sie mit dem wirklichen Gesprächsverlauf nichts mehr zu tun hätten.

 

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