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Perfekt vernetzt

Offen, modern, im ständigen Austausch mit der Basis: Die neuen ­deutschen Think-tanks zeigen, wie die Zukunft der deutschen Politikberatung aussieht. Viele etablierte Denk­fabriken ­müssen sich umstellen. Sie wissen: Die Zeiten akademischer ­Elfen­beintürme sind vorbei.

Von Johannes Altmeyer

Hier also arbeitet die nächste Generation der deutschen Politikeinflüsterer: hoch über den Dächern Berlins, in lichtdurchfluteten Büroräumen mit kahlen, weißen Wänden; auch die obligatorischen Apple-Rechner dürfen nicht fehlen. In der achten Etage eines Bürohauses am Potsdamer Platz sitzt die Stiftung Neue Verantwortung (SNV). Schon mit dem Design ihrer Räume hat die SNV ein Zeichen gesetzt. Sie will zeigen, wie der Think-Tank arbeitet: offen für den gesellschaftlichen Wandel, und vor allem transparent. Die 2008 gegründete SNV ist eine von 30 in den vergangenen zehn Jahren gegründeten deutschen Denkfabriken, unter denen sich einige Institute mit unorthodoxen Beratungs-Ansätzen finden. Sie tragen Namen wie „Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“, „Brandenburgisches Institut für Gesellschaft und Sicherheit“ oder „Institut Solidarische Moderne“. Die Arbeitsschwerpunkte variieren, das Budget und die Zahl der Mitarbeiter auch. Doch haben sie eines gemeinsam: Sie stehen für einen Umbruch. Denn die Zeiten, in denen Politikberater öffentlichkeitsscheu arbeiteten und über Themen von vorgestern nachdachten, sind vorbei. Die Denkfabriken sind längst zu modernen Dienstleistern geworden – und ihr Einfluss auf die Politik wächst weiter.

Schöne Papiere reichen nicht

„Entschuldigen Sie bitte die Unordnung“, sagt SNV-Vorstandssprecher Lars Zimmermann. Mit „Unordnung“ meint er einen – mit Ausnahme eines Tischs und ein paar Stühlen – leeren Büroraum, in dem er sich mit seinem Laptop provisorisch eingerichtet hat. Die Stiftung bereite gerade eine Abendveranstaltung in ihren Räumen vor, da müsse er schauen, wo er arbeiten könne. Zimmermann sieht nicht aus wie ein grauer Theoretiker, eher wie ein McKinsey-Berater: sportliche Figur, eleganter Anzug, modische Kurzhaarfrisur und ein gewinnendes Lächeln. Als Gründungsgeschäftsführer war der 36-Jährige maßgeblich am Aufbau der SNV beteiligt, die heute von einer Gruppe von rund 20 Unternehmen und Stiftungen getragen wird. Die Motive für die Gründung der Stiftung sind auf deren Webseite zu lesen: „In Deutschland fehlt es an einem professionellen Think-Tank, der neue Ideen in den öffentlichen Diskurs über die Zukunft unseres Landes einbringt.“
Zimmermann sagt, dass die Gründung der SNV ein „Experiment“ gewesen sei. Eine Erkenntnis war für ihn damals ausschlaggebend: Die wichtigen Zukunftsthemen ließen sich nicht mehr auf einzelne Politikfelder begrenzen. Ein Beispiel sei die aktuelle Krise des Euro: Diese betreffe nicht nur die Finanz-, sondern auch die Außen- und Wirtschaftspolitik. Die SNV hat ihre Arbeitsweise an dieser Komplexität ausgerichtet. In ihren derzeit zwölf Forschungsgruppen bringt sie bereits etablierte Experten („Fellows“) und Nachwuchstalente („Associates“) aus Politik, Verbänden und Medien zusammen. Die Themen ihrer Projekte reichen von „Cybersecurity“ bis zum „Führungsverständnis in Deutschland“. Das Institut ermuntert die Fellows dazu, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren, es unterstützt sie dabei, Diskussionsrunden zu veranstalten, Netzwerke zu knüpfen und Forschungsergebnisse zu publizieren. Eine geschickte Strategie: Auf diese Weise werden die Fellows zu gefragten Gesprächspartnern – und zu Botschaftern der SNV. Zimmermann: „Wir zielen auf die Themen und auf die Führungskräfte von morgen.“ Der SNV-Sprecher sieht keinen Sinn mehr darin, dass Think-Tanks eine Gruppe von Wissenschaftlern in einen Raum sperren, um diese über ein Problem nachdenken zu lassen: „Die Zeiten akademischer Elfenbeintürme sind vorbei“, sagt Zimmermann. Moderne Denkfabriken müssten praxisorientiert arbeiten und sich überlegen, was die Politik wolle. „Schöne Papiere alleine reichen nicht mehr, es kommt auf verbindliche Ansagen und Angebote zur Partizipation an.“
Auch andere neue Denkfabriken wollen die Theorie stärker mit der Praxis verzahnen, zum Beispiel das Institut Solidarische Moderne, kurz ISM, das im vergangenen Jahr seine Arbeit aufgenommen hat.
Anders als die überparteiliche Stiftung Neue Verantwortung ist das ISM ein advokatorischer Think-Tank und politisch klar links positioniert. Auch das ISM setzt darauf, neue Ideen in Netzwerken zu erarbeiten und weiterzuverbreiten. Hier geschieht das allerdings nicht durch Fellows und Associates, sondern schlicht durch die „Mitglieder“. Mittlerweile haben sich rund 1500 Menschen in ganz Deutschland dafür entschieden, an dem Projekt mitzuarbeiten. Voraussetzung: Sie müssen bereits in einer anderen Institution aktiv sein, beispielsweise einer Partei, Gewerkschaft oder Nichtregierungsorganisation. „Wir wollen die Mitglieder unseres Instituts – samt ihrer Kompetenzen – miteinbeziehen“, sagt ISM-Vorstandsmitglied Andrea Ypsilanti im p&k-Interview. Dieser neue Ansatz brauche jedoch Zeit und neue wissenschaftliche Richtlinien. So soll ein eigener Verhaltenskodex, der „ISM-Code“, regeln, wie sich die 1500 Aktivisten mit ihren Ideen in Diskussionen einbringen können.

Die „Think-Tanker“ kommen

Neben der alltäglichen Arbeit will das Institut, in dessen Vorstand neben Ypsilanti auch der Grünen-Politiker Sven Giegold und die Linken-Bundestagsabgeordnete Katja Kipping sitzen, vor allem mit seiner jährlichen „Summer Factory“ punkten. Das Ziel der dreitägigen Sommerakademie ist es, in Workshops Ideen zu entwickeln – und diese im Anschluss der Öffentlichkeit zu präsentieren.
„Dem ISM ist die Quadratur des Kreises gelungen“, sagt Dieter Plehwe vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Plehwe beschäftigt sich seit Jahren mit dem Einfluss der Denkfabriken und hat Ende August die Webseite „Think Tank Network Research“ gestartet. Mit dieser will er Wissenschaftler und Journalisten über die Netzwerke informieren, in denen sich deutsche und europäische Think-Tanks austauschen. Der WZB-Forscher sagt, dass es das ISM geschafft habe, eine üblicherweise elitäre Organisationsform mit demokratischer Partizipation zu verbinden. „Was die Arbeitsstruktur, die Beteiligung der Mitglieder und die mediale Strategie angeht, hat das ISM einen spannenden und neuen Weg eingeschlagen“, sagt Plehwe. Das Hineinwirken in die Öffentlichkeit ist für den Politikwissenschaftler eines der Erfolgsgeheimnisse der Think-Tanks neuen Typs. Als genauso wichtig schätzt er aber auch die einzelnen Mitarbeiter der Denkfabriken ein: die „Think-Tanker“, wie Plehwe sie nennt.
„Das Anforderungsprofil an die Mitarbeiter in politikberatenden Stiftungen und Instituten hat sich in den vergangenen Jahren radikal verändert“, sagt der Kommunikationsberater Daniel Florian, der die Entwicklung der deutschen Denkfabriken mit seiner Webseite „Think Tank Directory“ verfolgt. Letztlich sei hier ein neuer Berufszweig entstanden. Florian: „Die ‚Think-Tanker’ sind mittlerweile hochspezialisierte Politikberater. Sie können wissenschaftlich arbeiten, schwierige Materie in leicht verständliche Sprache übersetzen und sie wissen, wie sie in den Medien auftreten müssen.“ Für Florian ist die neue Profession ein Beleg seiner These, dass die „Think-Tanks“ längst zu „Do-Tanks“ geworden sind, zu praxisnahen Akteuren, die offensiv für ihre Ideen eintreten. Was aber hat sich verändert in den vergangenen Jahren? Was hat die Institute zum Umdenken veranlasst?

Neue Themen, neue Denker

„Die Think-Tanks haben sich mit der digitalisierten Gesellschaft, in der wir mittlerweile leben, lange Zeit schwer getan“, sagt Florian. Zugespitzt bedeutet das: Sie mussten schlichtweg Angst haben, als veraltet zu gelten, als wissenschaftliche Dinosaurier. Doch die Denkfabriken haben die Zeichen der Zeit erkannt. „Früher haben sie dicke Studien verschickt, die jeder sofort weggelegt hat.“ Mittlerweile setzten die Stiftungen und Institute auf E-Mail-Newsletter und kurze, verständliche Politikbriefe, die man schnell durchlesen könne. „Ideal für die Taxifahrt zum Flughafen“, sagt Florian.
Die Denkfabriken profitieren davon, dass die Gesellschaft sich immer stärker beschleunigt. In den vergangenen Jahren wichtiger gewordene Fragen der digitalen Kommunikation wie Urheberrecht, Open Government oder Informationsfreiheit standen gerade bei den parteinahen Einrichtungen lange Zeit nicht auf der Agenda. Die Think-Tanks nutzten das aus, verstärkten sich gezielt mit jungen Experten und können sich nun als versierte Berater für Ministerien und Fraktionen präsentieren. Auch das neue „Institut für Internet und Gesellschaft“, das vom Suchmaschinengiganten Google finanziert und im Oktober seine Arbeit aufnehmen wird, will sich auf eine von der Politik lange ignorierte Frage konzentrieren: Welche Konsequenzen hat die weltweite digitale Vernetzung für unsere Gesellschaft? Das neue Institut will Antworten finden, die Voraussetzungen dafür sind bestens: Google finanziert das auf drei Jahre angelegte Projekt mit 4,5 Millionen Euro und konnte zum Start gleich vier renommierte Partner gewinnen: die Humboldt-Universität, die Universität der Künste, das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und das Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg.
Ein von Google gegründetes Institut forscht über die Auswirkungen der modernen Technologien auf die Gesellschaft? Kritiker befürchten, dass die neue Denkfabrik Studien erarbeiten soll, die vor allem ein Ziel haben: die Interessen des Internetriesen in Deutschland zu stärken. Google versucht, diesen Vorwurf zu entkräften: Als die am Institut beteiligten wissenschaftlichen Einrichtungen Mitte Juli über die zukünftige Arbeit des Think-Tanks sprachen, betonte Googles Verwaltungsratschef Eric Schmidt via Video-Botschaft, dass das Institut eine komplett eigenständige und unabhängige Forschungseinrichtung sei.
Im Forschungsalltag will das Institut jedenfalls ganz auf eines der wichtigsten Merkmale der neuen Denkfabriken setzen: die Kooperation. Die Wissenschaftler haben vor, sich nicht allein auf die akademische Welt zu beschränken, sondern gezielt mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu treten. Unter anderem wollen sie Workshops und öffentliche Seminare anbieten sowie alle Ergebnisse im Internet veröffentlichen. Auch die „Weisheit der Massen“ will der neue Think-Tank nutzen: Das Institut plant Projekte, bei denen sich Internet-Nutzer für einen begrenzten Zeitraum zusammenschließen und an der Forschung beteiligen können.
Der „Schwarm“ als ultimatives Think-Tank-Netzwerk. Gut möglich, dass Google, der Konzern, der ein Gros der gesellschaftlichen Veränderungen durch das Internet ausgelöst hat, nun auch den deutschen Denkfabriken vormacht, wie vernetztes Denken aussieht.