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Foto: Falk Hartig
Politik

Peking-Propaganda im Big Apple

Mit seinen zahllosen digitalen Werbeflächen gilt New Yorks Times Square als Dorado der Reklamewelt und Symbol des Kapitalismus. Auch das offiziell immer noch kommunistische China verbreitet seine Botschaften im Herzen Manhattans, richtet sich damit aber nicht nur an New York und seine Besucher.

von Falk Hartig

Über den "China-Screen" am Times Square bewirbt die Nachrichten­agentur Xinhua chinesische Produkte, Städte und Regionen. Im Gegensatz zu anderen Ländern wie Indonesien oder Indien beschränkt sich Peking allerdings nicht auf Tourismuswerbung. Über den "China-Screen" flackern auch politische Botschaften. Anfang September vergangenen Jahres wurden zwei Video­clips, mit denen das G20-Treffen im chinesischen Hangzhou beworben wurde, chinesischen Medien zufolge 96-mal am Tag gezeigt. In einem der 90-sekündigen Clips, produziert vom chinesischen Staatsfernsehen CCTV, waren Straßen- und Panorama­szenen aus Peking und Shanghai mit animierten Einspielern zu sehen. Auf Englisch wurde im Film erklärt, wie China durch die Entwicklung der einheimischen Wirtschaft zu einer "einschließenden, vernetzten, gestärkten und innovativen" Weltwirtschaft beitrage. In einem zweiten Spot betonten ausländische Wissenschaftler und Experten Chinas Rolle für die Weltwirtschaft. So erklärte ein Wissenschaftler der London School of Economics, dass China zahlreiche innovative Ansätze zur Lösung globaler Wirtschaftsprobleme beisteuern könne, während ein US-amerikanischer Hedgefonds-Manager feststellte, dass China das Modell für alle Entwicklungsländer weltweit sei.

Am Gebäude 2 Times Square am nördlichen Ende des Platzes gibt es vier riesige LED-Leinwände. Eine davon wurde zunächst von der international agierenden Großbank HSBC genutzt. Seit 2011 mietet Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua die inzwischen als "China-Screen" bekannte Digitalleinwand an. Sie ist 18 Meter hoch und zwölf Meter breit. Schätzungen zufolge beträgt die monatliche Miete der LED-Screens etwa 200.000 bis 300.000 Dollar. (c) Falk Hartig

Weltpolitik in drei Minuten

Es ist ein beliebter Ansatz, Ausländer mit chinafreundlichen Ansichten einzubeziehen. Mitunter geht das allerdings schief. Vom 23. Juli bis zum 3. August 2016 war ein drei-Minuten-Spot zu sehen, der Chinas Sicht zum Konflikt im Südchinesischen Meer darstellte (auf www.youtube.com verfügbar, Titel "The South China Sea propaganda video"). In der rohstoff- und fischreichen Region beanspruchen die Volksrepublik China, Taiwan, Japan, Südkorea, die Philippinen, Indonesien und Vietnam teilweise dieselben Seegebiete und Inseln, wobei die Grenzen zwischen den Anrainerstaaten in vielen Fällen nicht geklärt sind. Das Video, das am Times Square 120-mal am Tag abgespielt wurde, zeigte beeindruckende Aufnahmen vom Südchinesischen Meer und erläuterte Chinas Standpunkt. In Untertiteln erfuhr man, dass die Region schon seit Menschengedenken Bestandteil des chinesischen Territoriums sei und daher Chinas heutige Gebietsansprüche gerechtfertigt seien.

Da die Situation im Südchinesischen Meer überaus umstritten ist, wurde der chinesische Spot von Medien wie dem "Guardian" oder der "New York Times" als chinesisches Propaganda-Material kritisiert; teilweise sprachen Beobachter wie Taylor Fravel, Politikwissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology, in sozialen Medien gar von einem "Krieg um die öffentliche Meinung".

Für Aufsehen sorgte das Video außerdem, weil sich Catherine West, Schatten-Außenministerin der britischen Labour-Partei, im Video falsch wiedergegeben sah. Wie einige andere Politiker und Experten wird sie im Film gezeigt und mit den Worten zitiert, ein "erwachsener" Dialog sei nötig, um die Situation vor Ort zu klären. Diese Aussage war ganz im Sinne Chinas, das die Probleme bilateral mit den jeweiligen Anrainern und nicht auf internationaler Bühne lösen möchte. Mitte Juli, also vor Ausstrahlung des Films, hatte das internationale Schiedsgericht in Den Haag entschieden, China habe keine Hoheitsansprüche auf Inseln im Südchinesischen Meer. Da passte die vermeintliche Unterstützung einer westlichen Politikerin gut ins (Kommunikations-)Konzept.

Flankiert wurde der Spot von einem Video über Chinas „One Belt, One Road“-Strategie. Gemeint sind damit der "Seidenstraßen-Wirtschaftsgürtel" und die "maritime Seidenstraße des 21. Jahrhunderts", womit China ein eurasisches Infrastrukturnetzwerk bis hin nach Afrika schaffen möchte. Dieser Clip zeigt unter anderen chinesische Arbeiter, die mit afrikanischen Kollegen an einer Eisenbahnstrecke bauen. Dazu wird, ebenfalls in Untertiteln, erklärt, wie diese Strategie zur Prosperität aller beteiligten Staaten beitrage. Schließlich wurden diese politischen Filme von einem Clip ergänzt, der mit atemberaubenden Landschaftsaufnahmen die chinesische Provinz Shandong, Heimat des Konfuzius, als Ziel für die nächste Fernreise schmackhaft machen sollte.

Botschaften auch fürs chinesische Publikum

Bleibt die Frage, ob Chinas Botschaften bei den geschätzten 25 bis 50 Millionen jährlichen Besuchern des Times Square auch ankommen? Zahlen gibt es dazu nicht und allzu groß dürfte die Wirkung wohl auch nicht sein. Der Clip zum Südchinesischen Meer zum Beispiel war mit drei Minuten schlicht zu lang und behandelte ein überaus komplexes Thema, das für einfache Botschaften nicht geeignet ist. Erschwerend kommt hinzu, dass am Gebäude 2 Times Square drei weitere Digitalleinwände mit knallbunten Clips um Aufmerksamkeit buhlen und auch alle anderen Gebäude des Platzes mit Reklame gepflastert sind. Diese Reizüberflutung führt dazu, dass die meisten Fußgänger den "China-Screen" in geschätzten 50 Metern Höhe nicht wahrnehmen.

Der praktische Nutzen vor Ort scheint für China somit eher gering. Wichtiger dürfte etwas anderes sein: Peking möchte seine Sichtweisen selbst verbreiten und die Deutungshoheit darüber, was China heutzutage ausmacht, nicht mehr westlichen Medien überlassen. Dabei spielt die digitale Werbefläche im Herzen des weltpolitischen Rivalen eine symbolisch wichtige Rolle, vor allem auch im Hinblick auf das chinesische Publikum. Chinas Staatsmedien berichteten vor allem in den sozialen Medien über das Video zum Südchinesischen Meer und vergaßen da­bei auch nicht, dem chinesischen Publikum einige Sequenzen mitzuliefern, in denen Besucher des Times Square Zustimmung äußern.

Die chinesische Botschaft aus New York zielt somit schlussendlich auch auf die Chinesen daheim und lautet: Wir setzen dem westlichen Meinungsmonopol etwas entgegen und lassen uns von westlichen Medien nicht mehr bevormunden.

Falk Hartig

forscht an der Goethe-Universität Frankfurt zu Chinas internationaler politischer Kommunikation. (Foto: privat)