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Parteitag ohne Partei

Im Offline-Leben zunächst unsichtbar, hat sich über das Web 2.0 eine Bewegung gebildet, die sich zunehmend politisiert. Immer öfter treffen sich die Akteure dieser Bewegung jetzt auch im „echten Leben“ und konferieren in Bar-Camps.

Christoph Bieber

Neben dem prominenten Auftreten neuer Köpfe mit für den Politikbetrieb ungewöhnlichen Biografien hat sich in den vergangenen Jahren weitgehend unbemerkt eine relativ breite Szene formiert, die durchaus Züge einer sozialen Bewegung trägt. Genau an dieser Stelle findet sich auch eine Verbindung zu den immer wieder bemühten Vergleichen zwischen der Piratenpartei und den Grünen.
Während der Erfolg der Piraten nur als elektorales Strohfeuer gilt, weil eine Verankerung in einer lebhaften Bewegungskultur fehle, werden Entstehung und Nachhaltigkeit der Grünen häufig mit deren Verwurzelung in einer multiplen Bewegungslandschaft mit den Vektoren Umwelt, Frieden und Emanzipation erklärt. Bislang fehlt die Wahrnehmung, dass auch hinter der politischen Formation der Piratenpartei eine in der Gesellschaft verankerte Basis stehen könnte. Und an genau dieser Stelle lohnt ein Blick auf die „Bar-Camp-Bewegung“.

Ganz ohne feste Strukturen geht es nicht

Bar-Camps sind eine relativ junge Veranstaltungsform, die ihre Entstehung zunächst dem Aufkommen des Web 2.0 und den darin aufgehenden Anwendungen aus dem Bereich der Social Software verdankt. Die Wortbestandteile verweisen auf den Ursprung in IT- und Programmiererkreisen („Bar“ ist eine Platzhalter-Variable im Programmiercode) und die räumlich-zeitliche Struktur des Camping (bei den ersten Veranstaltungen dieser Art wurde tatsächlich gemeinsam übernachtet). Wesentliches Merkmal der Bar-Camps ist die Organisation und Durchführung nach dem Open-Source-Prinzip. Im Gegensatz zu üblichen Konferenzen, Workshops oder Messen, die von kommerziellen oder wissenschaftlichen Trägern veranstaltet werden, stehen Planung und Vorbereitung für alle Interessenten offen.
Völlig losgelöst von festen Strukturen können jedoch auch Bar-Camps nicht existieren, sodass zumindest die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten und die Bereitstellung einer Infrastruktur vorab meist von einer kleinen Steuerungsgruppe sichergestellt werden. Hier kommen häufig Sponsoren ins Spiel, die Teile der Konferenzinfrastruktur übernehmen, indem sie etwa ein W-Lan für den drahtlosen Online-Zugang der Bar-Camp-Teilnehmer oder Beamer für die Prä­sentatoren bereitstellen. Die Möglichkeit zur permanenten Internet-Nutzung ist ein essenzieller Bestandteil solcher Veranstaltungen – nicht umsonst lautet die zweite Regel zur Durchführung: „Man bloggt über das Bar-Camp.“ Deutlich wird hier die Verbindung mit den Möglichkeiten der Echtzeit-Kommunikation, denn Bar-Camps lösen parallel zur Offline-Veranstaltung stets auch eine lebhafte Online-Diskussion aus. Durch Livestreams und Liveblogs von Bar-Camp-Teilnehmern oder das Twittern unter einem vorab bekannt gegebenen „Hashtag“ erhält das Geschehen vor Ort eine zusätzliche Internet-Komponente.
Aufgrund ihres Ursprungs im IT-Bereich steht oft die intensive Auseinandersetzung mit neuen Techniken der Online-Kommunikation im Vordergrund, doch sind Bar-Camps keineswegs auf bestimmte Themen und Inhalte festgelegt. Durch die Vorgabe konkreter Schwerpunkte wird das Format immer öfter auch auf technikfernem Terrain eingesetzt, zum Beispiel haben in Deutschland bereits Bar-Camps mit Fokus auf Bildung oder Politik stattgefunden – und sogar ein „Church Camp“ als „Bar-Camp zu Kirche und Glauben“. Als Leitsatz dieser neuen Konferenzkultur gilt: „Eine Agenda gibt es erst, wenn die Teilnehmer eine erarbeitet haben.“ Vorab eingeladene Sprecher sind die Ausnahme, prinzipiell sollte sich jeder Bar-Camper aktiv einbringen. Ein konkreter Ablaufplan entsteht deshalb erst zu Beginn der Veranstaltung, wenn die Ideen vorgestellt werden und sich die Teilnehmer für verschiedene, meist parallel stattfindende Sessions melden.
Angesichts der Debatte um „Digitale Bürgerrechte“ und die eifrigen Bemühungen der Parteien im Online-Wahlkampf überrascht eine Politisierung des Bar-Camp-Formats nicht. Vor allem das im Mai 2009 in Berlin organisierte „Polit-Camp“ und das am Wochenende der Bundestagswahl ebenfalls in der Hauptstadt durchgeführte „Atoms&Bits“-Camp haben das allmähliche Entstehen einer interessierten Community bewiesen.
Bei den Diskussionen standen verschiedene Formen des Netzaktivismus, die Durchführung von Online-Kampagnen oder die Ereignisse rund um die E-Petition gegen das Zugangserschwerungsgesetz im Mittelpunkt. Gerade weil Bar-Camps professionelle Politik und Vertreter der Netzgemeinde ins Gespräch bringen können, haben sie einen Beitrag zur gemeinschaftlichen Verarbeitung der netzpolitischen Ereignisse im Superwahljahr geleistet. Bar-Camp-Organisator Peter Bihr sieht in der „Kultur des Selbermachens“, die durch die offene Struktur des Internet gefördert wird, einen wichtigen Grund für den Erfolg dieser Veranstaltungen. „Vergleichbar mit der ,Open-Source‘-Bewegung im Bereich der Softwareentwicklung entstehen auch im politischen Umfeld Netzwerke, die politische Partizipation vorantreiben – parallel zu bereits etablierten Institutionen und Prozessen. Diese neuen Strukturen und Ad-hoc-Netzwerke organisieren sich häufig online. Gefestigt werden sie aber zunehmend im realen Leben, wie bei den neuen Konferenz-Formaten.“
Auch der Soziologe Kai-Uwe Hellmann versteht die neue Konferenzkultur nicht als kurzlebigen Trend, sondern stellt eine Nähe von Bar-Camps zu sozialen Bewegungen fest. Insbesondere durch die Funktion als „Netzwerke zwischen Latenz und Mobilisierung“, einer Klassifizierung, die Hellmann vom italienischen Soziologen Alberto Melucci übernimmt, verweist er auf die Überbrückungsleistung der Bar-Camps in einem ansonsten flüchtig und dezentral organisierten Milieu: „Bar-Camps fungieren somit als regelmäßige Treffpunkte der Bar-Camp-Szene, sie repräsentieren eine sehr beliebte, ausschließlich durch diese Szene geprägte Veranstaltungsform, die nicht nur als Begegnungschance, Diskussionsforum und Messe dient, sondern dadurch auch zur Bildung und Stabilisierung der kollektiven Identität dieser Szene beiträgt.“ Die Veranstaltungen verleihen einer sonst für die breite Öffentlichkeit nicht wahrnehmbaren Gemeinschaft punktuelle Sichtbarkeit. Hiervon profitiert auch die Szene selbst, da ein konkretes Identifikationsangebot vorliegt, das über die Standardformen interner Verständigung hinausgeht.

Co-Working: logische Fortsetzung der Bar-Camps

Und diese Szene kennt durchaus noch weitere Modi von Stabilisierung und Identitätsbildung, denn Bar-Camps sind bei Weitem nicht die einzige Veranstaltungsform im Umfeld des Web 2.0. In ganz ähnliche Richtungen zielen auch Formate wie die „Social Media Week“, „Likemind“ oder die „Global Ignite Week“, bei denen es sich um Veranstaltungs-Netzwerke handelt, die sich zeitgleich an verschiedenen Orten mit Themen aus dem Umfeld digitaler Mediennutzung befassen.
Für den formalen Zusammenhalt sorgen  meist mehrere Sponsoren, die den Rahmen für eine Vielzahl heterogener Einzel-Aktivitäten aufspannen – nicht zuletzt deshalb sind sie für Bewegungsforscher Hellmann eine Form der von ihm so bezeichneten „Commercial Communities“.
Eine logische Fortsetzung erfährt die digitale Konferenzkultur nämlich auch in der Praxis des Co-Working. Dieses setzt an der Etablierung nachhaltigerer Kooperations- und Kollaborationsstrukturen an, ohne jedoch in die formalen Bindungen einer typischen Unternehmenskultur eingebettet sein zu müssen. Ausgehend von den USA ist hier eine ganz ähnliche Bewegung entstanden, die zur Einrichtung sogenannter Co-Working-Spaces geführt hat. Hinter diesem Begriff steckt zunächst einmal so etwas wie die Aktualisierung der herkömmlichen Bürogemeinschaft, allerdings mit Angeboten, die auf die Bedürfnisse von hochvernetzt und extrem flexibel arbeitenden Internet-Nutzern zugeschnitten sind. Wichtig ist – ähnlich wie bei den Bar-Camps – das Vorhandensein eines belastbaren Online-Zugangs und der freie Zugang zu Steckdosen, um das  Notebook mit Strom versorgen zu können. Dazu noch etwas Schreibtischfläche, eine Postanschrift und ein Besprechungszimmer für Kundengespräche oder Meetings – so sehen heute „offene, digital vernetzte und kollaborative Arbeitsorte aus, die flexibel sind und als Inkubationsplattform für Netzwerk, Innovation und Produktion dienen“. Dieser Satz steht auf der Webseite des „Betahaus Berlin“, dem in Deutschland bekanntesten Standort dieser Art. Mit dem Co-Working gewinnt ein soziokultureller Bewegungsraum an Konturen, dessen Wurzeln in den spezifischen Formen der internetbasierten Erwerbsarbeit liegen, und der sehr wohl eine ganz konkrete politische Dimension annehmen kann.

Christoph Bieber

ist Politikwissenschaftler an der der Justus‑Liebig-Universität Gießen, wo er am Zentrum für Medien und Interaktivität tätig ist. Bieber ist Autor des Blogs „Internet und Politik“. Dieser Beitrag ist ein exklusiver Auszug aus seinem­ neuem Buch „politik digital – ­Online zum Wähler“, das am 1. Oktober im Blumenkamp-Verlag erscheint.