D

Ohne Vision geht es nicht

Gute Führung in der Politik – wie diese aussehen sollte, darüber machen sich inzwischen auch in Deutschland immer mehr Experten Gedanken.

Von Sebastian Lange

Angela Merkel ging nicht in die Falle: Als sie im Januar mit dem bosnischen Präsidenten Željko Komšić vor die Presse trat, fragte ein Journalist die Bundeskanzlerin, wie ernst sie die parteiinternen Kritiker wie Roland Koch nehme, die ein Machtwort von ihr forderten. Merkels Antwort: „Ich freue mich auf die Klausurtagung des CDU-Bundesvorstands.“ Punkt, Lächeln. Geschickt wich sie der Diskussion um ihre Person aus, wieder einmal, und vielleicht hatte sie dabei sogar das Willy-Brandt-Bonmot im Hinterkopf, nach dem das zuweilen von Chefs geforderte Auf-den-Tisch-Schlagen schmerzhaft sei, den Tisch aber wenig beeindrucke. Politisch und taktisch dürfte Angela Merkel gut daran getan haben, sich nicht auf die Diskussion einzulassen, hätte sie doch anderenfalls ihre Autorität zur Disposition gestellt. Allerdings offenbarte die Führungs-Diskussion in der Union etwas, das jenseits der Polit-Taktik liegt: ein Bedürfnis nach Orientierung, nach jemandem, der die Linie vorgibt. Nach dem, was Politikwissenschaftler als „Leadership“ bezeichnen.

Viele Vetospieler

Nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen vor etwa einem Jahr glauben über 80 Prozent der Deutschen, dass Demokratie auf Dauer nur möglich ist, wenn es eine „starke politische Führung“ gibt. In Zeiten von Globalisierung und Finanzkrise wachse der Wunsch nach durchsetzungsfähigen Führungspersönlichkeiten, meint Annette Zimmer, Politikwissenschaftsprofessorin in Münster: „Die Strukturen in Politik und Wirtschaft veralten heute sehr schnell, da entsteht der Wunsch nach ,Leadern‘, die sich vor Herausforderungen nicht fürchten“.
Da die Politik in einer Demokratie von Kompromiss und Konsens geprägt ist, haben die Akteure selten Gelegenheit, sich als durchsetzungsstark zu präsentieren. Der Bonner Publizist und Politologe Gerd Langguth verweist zudem darauf, dass es in der politischen Ordnung der Bundesrepublik viele „Veto-Spieler“ gebe: „Die Bundesregierung hat es mit dem Bundesrat, der Verfassungsgerichtsbarkeit, dem Koalitionspartner und mit Lobbygruppen zu tun, die oft auch mit Hilfe der Medien agieren.“ Das zwinge selbst die Bundeskanzlerin zu einem kooperativen Führungsstil. „Die Politik eines deutschen Kanzlers funktio­niert nicht nach dem Top-Down-Prinzip“, sagt Langguth. „Ein ,Basta‘ bewirkt da gar nichts, es dokumentiert allenfalls Ohnmacht, wenn sich niemand danach richtet.“ Führungsdebatten um die Person des Kanzlers habe es auch bei Merkels Vorgängern gegeben.

Unbekanntes Fach

Wie gute Führung in einer Demokratie aussieht, darüber diskutieren Experten in angelsächsischen Ländern weit unbefangener als solche in Deutschland, wo man aus guten Gründen empfindlich ist, wenn es um „Führer“ geht. Die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und seinem Führerprinzip, das die ganze Gesellschaft durchdrungen hatte, sorgten dafür, dass deutsche Politikwissenschaftler sich seit dem Krieg stärker mit dem institutionellen Gefüge der Republik auseinandersetzten – und weniger damit, wie eine Führungspersönlichkeit und guter Führungsstil aussehen. So herrscht denn in der langsam auch in Deutschland beginnenden Fachdiskussion der englische Begriff „Leadership“ vor. „Der anglo-amerikanische Raum hat ein ungestörtes Verhältnis zu einer starken Steuerung von Prozessen“, sagt Regina Jankowitsch, die in Wien als Coach für Führungskräfte in Politik und Wirtschaft arbeitet und als Schwerpunkt Leadership an der Graduate School of Political Management in Washington studiert hat. Ein Indiz dafür sei bereits, dass es in den USA um ein Vielfaches mehr an Literatur zu diesem Thema gebe als hierzulande. Jankowitsch hat versucht, für den deutschsprachigen Raum Abhilfe zu schaffen und im Jahr 2008 gemeinsam mit Annette Zimmer das Buch „Political Leadership“ herausgegeben.
Leadership sei kein wertneutraler Begriff wie das meist in einem eher technischen Sinne verwendete deutsche Wort „Führung“, sagt Jankowitsch. Leadership sei ein positiv besetzter Begriff, der voraussetze, was Altkanzler Helmut Schmidt angeblich für pathologisch hält: eine Vision. Nach der gängigen Definition von Leadership setzt der „Leader“ seine Vision um, indem er mit kommunikativen Mitteln Menschen gewinnt und eine Gefolgschaft aufbaut. Neben Vision und Kommunikation erfordert Leadership als drittes Element die Fähigkeit, Teams bilden und steuern zu können.
Dass Leadership wertegetrieben ist, macht den wesentlichen Unterschied zwischen einem Leader und einem Manager aus. „Bei Leadership geht es um mehr als die Anwendung von Techniken zum bloßen Machterhalt“, so Jankowitsch. Wenn sie einen Politiker berate, fordere sie ihn in einem ersten Schritt immer auf, sich darauf zu besinnen, was seine drei wichtigsten Ziele sind. „Dabei wird jedem schnell klar, dass nicht eines Tages auf dem Grabstein stehen soll: ,Es gelang ihm, bei der letzten Wahl zwei Prozentpunkte mehr Stimmen zu holen‘.“ Alle großen Leader der Geschichte hätten ein Lebensthema gehabt, Ziele, die sich nicht in der bloßen Karriere erschöpften. Ein Manager hingegen bedarf keiner Leit-Idee, es genügt, dass er das alltägliche Geschäft regelt. Für die Politik können Managementqualitäten durchaus ausreichen – dann aber eher für eine Funktion in der zweiten Reihe. „In guten Zeiten kommen Politiker mit Management hin“, sagt Annette Zimmer, „in Zeiten des Umbruchs sind Leader gefragt.“

Musterbeispiel Obama

Doch auch der größte Visionär bleibt am Ende erfolglos, wenn es ihm nicht gelingt, eine Gefolgschaft aufzubauen und beisammen zu halten. Das Musterbeispiel eines Leaders, der kraft seines Kommunikationstalents Anhänger gewinnt, ist – trotz seiner fortschreitenden Entzauberung – US-Präsident Barack Obama. Obama hatte im Wahlkampf eine klar umrissene Botschaft: „Change“, die Abkehr vom Amerika des George W. Bush. Diese Botschaft kommunizierte er landauf, landab in einfachen Schlagworten. Und er gab zumindest vor, in ständigem kommunikativen Austausch mit seiner Gefolgschaft zu stehen. „Indem er seinen Anhängern eine zentrale Rolle einräumte, verkörperte Obama am Schluss einen Wandel, dessen Akteur nicht er alleine, sondern das ganze Land war“, sagt Leonard Novy, der sich bei dem Berliner Think-Tank „Stiftung Neue Verantwortung“ mit dem Thema Leadership beschäftigt „Dieser neue Gesellschaftsvertrag bringt große Erwartungen mit sich, gerade was Transparenz und Dialog angeht. Doch gibt er Obama ein Mandat, das es ihm erlaubt, es auch einmal anders zu machen, als seine Anhänger es sich wünschen“, so Novy. Dieser Politikstil sei im politischen System der USA allerdings viel leichter zu praktizieren als beispielsweise in Deutschland, da der US-Präsident eine viel herausgehobenere Position habe.
Obama versprach den Amerikanern politische Partizipation auch nach der Wahl; bloß ist manch ein Anhänger heute enttäuscht darüber, nicht ein klein bisschen mitregieren zu dürfen, und inzwischen diskutieren US-Blogger und Journalisten, ob der Präsident sich nicht von seiner Anhängerschaft „entkoppelt“ habe.
Die Botschaft, die eine Führungspersönlichkeit vermittelt, verstärkt sich noch, wenn er mit seiner ganzen Persönlichkeit für die Werte steht, die er vermittelt. Und auch hier ist Barack Obama ein Musterbeispiel, steht er doch für Integrität und Ehrlichkeit, gilt er doch als einer, der zuhören kann und den Dialog will. Noch über die Integrität hinaus kann dem US-Präsidenten auch das zugeschrieben werden, was der Soziologe Max Weber zu Beginn des vorigen Jahrhunderts als eine mögliche Basis von Führung bezeichnete: Charisma, das gewisse Etwas. Ursprünglich meint der aus dem Griechischen stammende Begriff eine von Gott gegebene Gabe, und so ist auch in der Bibel die Rede davon: Laut Apostel Paulus verfügt derjenige, der vom Heiligen Geist erfüllt ist, über Charisma. Weber legte die Messlatte ein bisschen tiefer und bezeichnete den Charismatiker als jemandem mit „außeralltäglichen Qualitäten“.

Gefühle zählen

Ein Mensch mit Charisma dient als Projektionsfläche für Sehnsüchte und Hoffnungen seiner Anhänger. Er bringt zwar Ausstrahlung und Kommunikationstalent mit, doch „funktioniert“ das Charisma erst, wenn es Menschen gibt, die dafür empfänglich sind. „Wir sollten beim Charisma von einem semi-realen Phänomen sprechen“, sagt der Soziologe und Management-Coach Johannes Steyrer, der an der Wirtschaftsuniversität Wien lehrt. Es hänge zu einem guten Teil von der Bewertung durch die Anhänger ab, ob eine Führungsperson charismatisch wirke; auch würden die Medien ihren Teil beisteuern und den Effekt verstärken. In jedem Fall gehöre ein „affektiver Kommunikationsstil“ dazu, sagt Steyrer, also ein Kommunikationsstil, der starke Gefühle vermittelt. So soll der ebenfalls als charismatisch geltende ehemalige US-Präsident Bill Clinton geradezu ein starkes Bedürfnis nach Kontakt zu Menschen haben und über die Gabe verfügen, Gesprächspartnern stets das Gefühl von Nähe zu vermitteln, wie seine frühere Mitarbeiterin Betsy Myers im Gespräch mit p&k verriet.
Charisma führt zu einer „Heroisierung von Einzelpersonen“, sagt Steyrer, und wie Leadership zeigt es sich vor allem in der Krise: Als Oskar Lafontaine im November 1995 nach einer kämpferischen Rede auf dem SPD-Parteitag in Mannheim Rudolf Scharping den Parteivorsitz entriss, befand sich die Partei in einer Führungskrise. Scharping agierte damals als Vorsitzender glücklos, es gelang ihm nicht, den immer wieder gegen ihn stichelnden Gerhard Schröder in die Schranken zu weisen. Nach den Umfragen sah es so aus, als würde es mit dem Machtwechsel 1998 wieder nichts werden. Doch Lafontaine appellierte an das Wir-Gefühl der Genossen und rief den Delegierten zu: „Nur wenn wir selbst begeistert sind, können wir auch andere begeistern“. Da war er, der Appell an die Emotionen, der so wirkmächtig sein kann. Die Genossen dankten es Lafontaine, der die Kampfabstimmung gegen Scharping gewann und die Parteiführung übernahm.

„Charisma ist überbewertet“

Und dennoch steht manch einer in Deutschland dem starken „Führer“ und dem Charismatiker weiter eher reserviert gegenüber: „Man darf nicht vergessen, dass Charisma noch keinen guten Politiker ausmacht“, sagte Helmut Schmidt 2008 im Interview mit der „Bild am Sonntag“, und er fuhr mit einer Spitze gegen die heutige „Persona non grata“ der SPD fort: „Adolf Nazi war ein charismatischer Redner, Oskar Lafontaine ist es auch.“ Politikwissenschaftlerin Annette Zimmer meint ebenfalls, Charisma werde in der aktuellen Diskussion um Führung überbewertet: „Wenn Sie eine Rede von Barack Obama nur hören und ihn dabei nicht sehen würden, würde Sie die rhetorische Qualität der Rede vermutlich genauso überzeugen.“ Ohne die in der Politik erforderlichen technischen Fertigkeiten und Fachkenntnisse dürfte kein Charismatiker weit kommen, und ein Leader dürfte seine Führungsposition schnell verspielen. So ist auch nicht zu vergessen, dass Barack Obama Harvard-Jurist und Verfassungsrechtsdozent war, bevor er in die Politik ging oder Oskar Lafontaine, Physiker wie die Bundeskanzlerin, vermutlich einer der intelligentesten deutschen Politiker ist.
Schließlich sollte ein „Leader“ die Bedeutung eines guten Teams nicht verkennen: „Gute Führung bedeutet in unserem System immer: gute Führung im Team“, sagt Zimmer. „Angela Merkel hatte zu Zeiten der Großen Koalition zum Beispiel jemanden wie Peer Steinbrück im Kabinett, der zuvor schon in Nordrhein-Westfalen große Sparanstrengungen durchsetzen musste.“ Mit Steinbrück arbeitete Merkel gerade in der Finanzkrise eng zusammen.
Ob ein Politiker die Rolle eines „Leaders“ wirklich ausfüllt oder nicht – darüber urteilt in der Regel erst die Geschichte. Und ob die Bürger ein Bedürfnis nach einem charismatischen Anführer haben, richtet sich ebenso nach den Zeitläuften. Die Krise ist jedenfalls da, doch ob die Bundeskanzlerin diese Herausforderung wirklich annehmen will, das verschweigt sie noch immer.
In Punkto Charisma kommt sie allerdings nicht bei jedem schlecht weg: „Das Amt einer Bundeskanzlerin verleiht Angela Merkel durchaus so etwas wie eine charismatische Ausstrahlung“, meint Gerd Langguth, der eine Biographie über sie verfasst hat, „als eine kraftvolle Führerin wird sie aber nicht wahrgenommen“. Doch immerhin werde sie vom Volk verstanden – und das kann schließlich nicht jeder Politiker von sich behaupten.