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Ohne Netz bist Du nichts

Wer in Politik oder Wirtschaft etwas werden will, sollte unbedingt Kontakt-Netze knüpfen. Sobald sich jedoch Gefälligkeiten gegenseitig bedingen, ist es zur Korruption nicht mehr weit.

Von Frank Überall

Komplexe Netzwerke sind die Verbindung zwischen einer Gruppe von Menschen, die jeder für sich selbst organisieren muss, und das ist eine Aufgabe, die immer wieder im Alltag absolviert werden will. Wir denken vernetzt, wir handeln vernetzt, alles hat auch eine Folge, und diese Folge hat wiederum eine. Networking ist der Modebegriff, wenn es um die Bewältigung kom-plizierter Strukturen geht. In Parteien, in Wirtschaftkreisen, aber auch im Privatleben ist ein Leben ohne Vernetzung nicht mehr denkbar. Wir tummeln uns auf virtuellen Marktplätzen wie Facebook, Xing oder Linkedin und fühlen uns darin einer Community zugehörig. Wer als „Freund“ oder „Kontakt“ bestätigt wird, gehört zu unserem virtuellen Netzwerk, macht sich ansprechbar für Projekte und Vorteilsgewährungen. Das ist moderne Beziehungsarbeit, die Beteiligten sind nicht nur Netz-, sondern vor allem auch Nutzenwerker. Einen entscheidenden Vor-teil immerhin hat das digitale Kontaktsammeln: Es geschieht nicht im Geheimen. Zumindest die, die einem solchen Personennetzwerk angehören, können sehen, wer noch mit wem verbunden ist.

Kleine Welt

Die Idee geht zurück auf das „Small World Phenomenon“, das der Psychologe Stanley Milgram bereits im Jahr 1967 beschrieben hat. Seiner Überzeugung nach ist jeder Mensch auf diesem Planeten mit jedem anderen Menschen um sechs Ecken bekannt. Das bedeutet, über sechs verschiedene Kontaktleute würde man jeden beliebigen Prominenten, Obdachlosen oder Langweiler ansprechen können. Man sieht, schon geringe Aufwendungen in ein tragfähiges Netzwerk zu investieren, kann sich durchaus lohnen. Netzwerke zeichnen sich dadurch aus, dass sie ohne feste Hierarchien auskommen, auch wenn es an den Knotenpunkten sicher mächtigere Netzmitglieder gibt. Sie leben davon, dass Individuen ernst genommen werden und jeder seinen Nutzen in das Netz einbringt. So entsteht eine kollektive Intelligenz, die sonst nur mit sehr viel strukturell-bürokratischem Aufwand herzu-stellen wäre. Ein Beispiel dafür sind die „Open-Source“-Netzwerke zur Erarbeitung und Weiterentwicklung von Computerprogrammen oder die freie Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Wer mitmachen möchte, kann etwas Sinnvolles zur digitalen Gesellschaft beitragen. Als Belohnung warten lediglich beschränkter Ruhm und vielleicht begehrte Kontakte für Geschäfte in der realen Welt.
Wie aber soll man als Mitarbeiter an einem Online-Projekt an lukrative Aufträge kommen? Sind die „sozialen Netzwerke“ der digitalen Welt tatsächlich so tragfähig? Die fachliche Diskussion unter Gleichgesinnten kann durchaus dazu führen, dass man weiterempfohlen wird oder – ohne es zu wissen – womöglich ge-rade mit einem Geschäftsmann ein technisches Problem erörtert oder sich durch sachkundige Äußerungen als Experte für eine bestimmte Arbeit empfiehlt. Der andere merkt schnell, dass er es mit einem Profi zu tun hat, den er beispielsweise zur kommerziellen Entwicklung von Projekten gebrauchen könnte. Hier kommt das Netzwerk auf seinen Ursprungsgedanken zurück: Denn Netze sind historisch gesehen technische Gebilde. Sie bestehen aus Schienen oder Strom- sowie Telefonleitungen und sorgen dafür, dass Kontakte, Kommunikation und Vorteile (im Sinne von Annehmlichkeiten für die Netzteilnehmer) gefördert werden.

Undurchschaubar

Der US-amerikanische Mathematik-Professor Fred Luthans beschäftigt sich mit dem Organisationsverhalten von Managern. Je höher sie auf der Karriereleiter steigen, so fand der Wissenschaftler heraus, umso mehr Zeit investieren sie in die Pflege ihrer Netzwerke, anstatt in das Knüpfen neuer Kontakte zu investieren. Wie einflussreich die Ideen- und Einstellungswelten solcher Personennetzwerke sein können, veranschaulichten die Forscher Nicholas A. Christakis und James H. Fowler. Sie beschreiben den Fall einer Frau, die bei einer guten Freundin eine deutliche Veränderung beobachtet. Die fängt plötzlich an, keinen Sport mehr zu treiben und dick zu werden. Da die Betreffende diese Freundin sehr mag, ändert sie ihre Einstellung und hält dicke Menschen für akzeptabler, als sie das vorher getan hatte. Mit ihrem wissenschaftlichen Ansatz zeigen Christakis und Fowler einen neuen Weg zwischen individualistischen und kollektivistischen Theorien auf, der der Realität besser gerecht wird.
Nicht jeder ruft zu jedem Zeitpunkt die (potenziellen) Leistungen des Netzes ab. Das war in der Zeit der technischen Gebilde so, und das gilt auch heute noch. Es werden nicht direkt verbindliche „Dankesschulden“ angehäuft, wie der Soziologe Erwin Scheuch die Korruptionsgefahr zum Beispiel in Parteien beschrieben hat. Durch zeitliches Auseinanderziehen von Leistung und Gegenleistung wird immer undurchschaubarer, welche Handlungen auf welchen Beziehungen und Abhängigkeiten beruhen. Das macht die Kooperation im Netz einerseits spannend, andererseits aber auch intransparent.
Manchmal geht es in Netzwerken „nur“ um die gemeinsame Reflexion über die aktuelle gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Lage. So treffen sich mehr als 100 mächtige Menschen aus aller Welt einmal im Jahr zu einer „Bilderberg-Konferenz“: Geheimdienstler, Politiker, Manager und Medienleute. Über die Inhalte der Tagung wird striktes Stillschweigen bewahrt. Das wiederum wirft die Frage auf, ob es sich um einen bloßen Debattierclub oder – wie Kritiker meinen – um eine „Welt-Schattenregierung“ handelt.
Es gibt viele Organisationen, die sich das Networking bewusst auf die Fahnen geschrieben haben. So knüpft der Verein „Westwind“ in Berlin Kontakte zwischen Menschen aus Nordrhein-Westfalen, die es ins Exil an die Spree verschlagen hat. Viele Universitäten versuchen, Alumni-Netzwerke zu aktivieren, also Ehemalige, die sich gegenseitig weiterempfehlen und ihrer alten Hochschule kollektiv verbunden bleiben. Wohltätigkeitsvereine wie der Lions Club, die Freimaurer oder Rotary haben ähnlich kommunikative Ziele. „,Tragen Sie Ihre Rotary-Anstecknadel, um Gespräche auf Ihr Engagement bei Rotary zu bringen’, heißt es in den Hinweisen der Organisation zum Thema ,Wie werbe ich Mitglieder?’“, berichtete Marc Beise 2009 in der „Süddeutschen Zeitung“: „Einmal in der Woche treffen sich die Rotarier bei Essen und Vorträgen, sie rücken zusammen und sprechen sich gegenseitig als ,Freund’ an. Ist daran etwas auszusetzen?“ Ist es natürlich nicht, solange hier keine geheimen Tauschhandel zu Lasten Dritter vereinbart werden. Netzwerke sind zunächst wertneutral. Ob sie mit positivem oder negativem Leben gefüllt werden, liegt an den Teilnehmern. Gleichzeitig ist es aber schwierig, von außen zu beobachten, welche Ziele ein Netz (tatsächlich) verfolgt, inwieweit sich alle Mitglieder mit diesem Ziel identifizieren und ob womöglich Korruption eine Rolle dabei spielt. Bereits im Jahr 1994 hat der damalige Chefredakteur des Magazins Wired, Kevin Kelly, die gesellschaftliche Revolution, die durch den Netzwerkgedanken nicht nur ins Internet getragen wird, mit dem Stichwort „Out of Control“ beschrieben: „Das Ende der Kontrolle“ lautet der Titel seines Buches auch hierzulande. Die ständige Beobachtung von Netzwerken wäre daher eine denkbare Lösung. Doch da steht der Datenschutz vor.

Frank Überall

lebt als freier Journalist in Köln und ist als Schatzmeister Mitglied im Bundesvorstand des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV). Er lehrt Politikwissenschaft und Journalismus an der Fachhochschule Düsseldorf und an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln. Im Lübbe Verlag ist kürzlich sein aktuelles politisches Sachbuch „Abgeschmiert – Wie Deutschland durch Korruption heruntergewirtschaftet wird“ (19,99 Euro) erschienen. Dieser Text ist ein leicht bearbeiteter Auszug aus dem Buch.