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Kampa, das hat seit 1998 einen fast magischen Klang: Zwei Etagen, 80 Mitarbeiter, 23 Millionen Euro Budget, Fotos: Laurin Schmid

Norma-Markt und Wahlkampfindex

Auf den ersten Blick haben sie nicht viel gemeinsam: die Haustürtingelei der SPD und der Low-Budget-Wahlkampf der Piraten. Unterwegs mit den bisherigen Umfrage-Tieffliegern.

von Christina Bauermeister

15. August: Am Tierpark, ­Berlin‑Lichtenberg

Und wieder eine Tür. Klingeln, Lächeln aufsetzen, Flyer in die Hand nehmen. Aber wieder öffnet niemand. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles steht im 21. Stock eines Hochhauses in Berlin-Lichtenberg. Gemeinsam mit dem Direktkandidaten im Bezirk, Erik Gührs, macht sie Haustürwahlkampf in dem ehemaligen DDR-Plattenbau.
Es ist 18.40 Uhr und Nahles wird langsam unruhig. Gührs, Anfang dreißig, hohe Stirn, heller Stoffhut, bleibt gelassen und fragt, wie viele Türen bei einer solchen Tour in ihrem Wahlkreis in der Pfalz  aufgehen. „Viel mehr“, sagt die 43-Jährige mit betretener Miene. Im 19. Stock öffnet ein älterer Herr im Unterhemd die graue Wohnungstür. Er sei nur zu Besuch und habe nicht viel Zeit, weil es seiner Enkelin nicht gut gehe. „Es freut mich aber, Sie mal persönlich kennen zu lernen“, sagt der Mann und schüttelt der Generalsekretärin die Hand. Es ist 18.55 Uhr, als die Wahlkämpfer endlich den erhofften Satz hören: „Ja, ich wähle SPD.“
Die Genossen sind auf der Suche nach zehn Millionen Wählerstimmen – zehn Millionen, die bei der Bundestagswahl 1998 für die SPD gestimmt haben und die es 2009 nicht mehr taten. Wie ein Metalldetektor bei der Schatzsuche soll ihnen der Mobilisierungsindex dabei helfen, an den richtigen Haustüren zu klingeln. Das hört sich recht mathematisch an, ist es auch.


8. August: Willy-Brandt-Haus
Ausgehend vom Wahlergebnis von 2009 haben die Wahlkämpfer einen Koeffizienten berechnet, der aussagt, in welchen Stimmbezirken die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, einen ehemaligen SPD-Wähler anzutreffen. Das ist pauschal gesagt immer dort der Fall, wo die SPD 2009 zwar prozentual viele Stimmen bekam, aber nur wenige Menschen zur Wahl gingen, erklärt Jessika Wischmeier. Die Frau mit dem ansteckenden Lachen leitet den Bereich Mobilisierung in der Kampa. Es ist ein stressiger Tag im Willy-Brandt-Haus, morgens war Andrea Nahles schon im „Morgenmagazin“, nachmittags ist sie in Halle an der Saale, um den dortigen Direktkandidaten Karamba Diaby bei Hausbesuchen in einer Schrebergartensiedlung zu begleiten.

9. August: Berlin-Schöneberg
Salomon Reyes sitzt gegen Mittag an seinem Rechner und kümmert sich um die Organisation des Wahlwerbespots. Reyes ist das Piraten-Pendant zu Andrea Nahles. 8000 Euro darf der Spot kosten, mehr kann sich die klamme Partei nicht leisten. Von seinem WG-Zimmer aus managt Reyes für gewöhnlich den Wahlkampf der Freibeuter, ehrenamtlich, denn bei den Piraten arbeiten nur vier feste Mitarbeiter und der Wahlkampfkoordinator gehört nicht dazu.
Der 23-Jährige ist über seinen Mitbewohner zu den Piraten gekommen. Vorher hat sich der Maschinenbauabsolvent von der Politik nicht angesprochen gefühlt. Jetzt ist er mittendrin. Offiziell gewählt ist er als Wahlkampfmanager zwar nicht, aber irgendjemand müsse den Job ja machen, sagt Reyes, der sich momentan über „Zufälle“ finanziert. Letztens habe ihn ein Kumpel vom Dreh für einen „BiFi“-Werbespot erzählt, Reyes begleitete ihn und spielte gegen eine Gage mit.
Über seinem Bett hängt die Flagge der Dominikanischen Republik, sein Vater stammt von dort. Salomon ist ein entspannter Typ mit der Ausstrahlung eines Reggae-Musikers. Doch er kann sich auch fürchterlich aufregen.
Es geht um Gesche Joost, die Netz-Expertin im Kompetenzteam Steinbrück. Joost sagte in einem Interview, dass auf Twitter häufig die hochwertigeren Diskussionen stattfinden. Reyes lacht. „Eine hochwertige Diskussion in 140 Zeichen?“ Die Reaktion macht deutlich: Netzpolitik ist Piraten-Zone.
Zurzeit befinden sich die Piraten in der Post-Ponader-Periode. Die medialen Fehltritte des ehemaligen Bundesgeschäftsführers waren ganz sicher nicht gut für das Image der Partei, doch sie sorgten für eine regelmäßige Berichterstattung. Inzwischen ist es ruhig geworden, nun müssen die Piraten anders auf sich aufmerksam machen.


Darum setzt die Partei auf ungewöhnliche Aktionen mit einem „gewissen Boulevardeffekt“. In der NSA-Affäre etwa boten sie Whistleblower Edward Snowden die Piratenmitgliedschaft an. Außerdem empfingen Parteimitglieder symbolisch an mehreren Flughäfen einen imaginären Snowden.
Die Aktionen verpufften, anders als die Bootstour beim Wasserfest in Fürstenberg, bei der die jetzige Brandenburger Landesvorsitzende Anke Domscheidt-Berg im Piratenkostüm in einem Boot mit der Aufschrift NSA über die Havel schipperte und danach in den „Tagesthemen“ länger zu Wort kam. „Fernsehberichte sind für uns enorm wichtig, denn da müssen uns die Leute wahrnehmen“, sagt Reyes.
Doch der Coup mit der Bootstour ist eine Ausnahme. Am Wochenende des Bundesligaauftakts machte die Partei unter dem Slogan „Menschenrechte enden nicht vor dem Stadiontor“ mehrere Aktionen vor Fußballstadien. Nur die „taz“ und das „Neue Deutschland“ berichteten unmittelbar.

8. August: Willy-Brandt-Haus
Über zu wenig Medieninteresse kann Andrea Nahles nicht klagen. Die Generalsekretärin führt gern Journalisten durch die Räume der Kampa, hier kennt sie jeden mit Vornamen. Auf zwei Etagen im Nordflügel des Willy-Brandt-Hauses verteilen sich die 80 meist jungen Wahlkämpfer. Für sie gibt es sogar eine Bar, falls es abends mal wieder spät wird.
Um den Haustürwahlkampf zu stemmen, gibt es in jedem Wahlkreis einen Campaigner, der die Teams zusammenstellt. Vier Teams à zwei Personen pro Wahlkreis sollen reichen, um am Ende fünf Millionen Hausbesuche zu schaffen, so der Plan.


Schon in früheren Wahlkämpfen klingelten Direktkandidaten an den Haustüren. Neu ist die Idee, diese Aktionen bundesweit zu koordinieren. Außerdem gibt es nun auch Hausbesuche von Unterstützern ohne den jeweiligen Wahlkreiskandidaten. Abgeschaut haben sich die SPD-Wahlkampfstrategen das Konzept des Haustürwahlkampfs von der Obama-Kampagne 2012.
Eine Karte in der Kampa zeigt die 299 Wahlkreise, die grün ausschraffiert sind, doch es gibt auch einige wenige Kreise, die weiß geblieben sind. „Hier sind die Wahlkampfmanager zugleich auch Campaigner“, erklärt ein Mitarbeiter. Nahles daraufhin: „Macht das mal anders, das irritiert“.
Besonders stolz ist die Generalsekretärin auf die vier Dialog-Boxen, mobile begehbare rote Leuchttürme, knapp vier Meter hoch, mit Multimedia-Ausrüstung. Sie sollen zum Eye-Catcher auf den Marktplätzen der Republik werden. Um derart aufzufallen, gibt die SPD 50.000 Euro aus, pro Box. Man könnte meinen: Die SPD muss aufpassen, dass sie vor lauter Dialog den politischen Gegner nicht aus den Augen verliert.
In finanzieller Hinsicht könnten die Unterschiede zwischen der SPD und den Piraten kaum größer sein. Die SPD hat ein Budget von 23 Millionen Euro, die Piraten geben gerade mal 600.000 Euro für den Wahlkampf aus. Statt teurer Dialog-Boxen aus Beton gibt es billig produzierte Einkaufschips aus Plastik.
Doch Piraten und SPD eint die Situation, nahezu betonartig im Umfragetief festzustecken. Beide Parteien haben bis zum Wahltag noch ein gewaltiges Stück Arbeit vor sich. Sie sind auf der Suche nach dem Erfolgskoeffizienten, die Sozialdemokraten gehen dabei mathematisch vor, die Piraten organisch, möchte man meinen.