D

„Niemand geht damit hausieren“

Elitenforscher Stephan ­Peters über Rituale von Studenten­verbindungen und wie sie als politische Netzwerke ­funktionieren.

Interview: Felix Fischaleck und Benjamin Vorhölter

Herr Peters, viele halten Burschenschaften für antiquiert. Sie auch?
Nein, als antiquiert würde ich sie nicht bezeichnen. So gesehen wären auch  Schützen- oder Karnevalsvereine, die ja ebenfalls schon über 100 Jahre alt sind, nicht mehr zeitgemäß. Zudem bietet die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft gerade jungen Leuten auch heute noch einige Vorteile.
Welche denn?
Nun, stellen Sie sich einen konservativen, autoritär denkenden jungen Mann vor, der zum Studium an eine große, anonyme Universität in einer fremden Stadt geht. So jemand findet in einer Burschenschaft sofort einen Freundeskreis, eine Art Mutterersatz. Aber das Ganze hat auch seinen Preis: Man muss sich dem größeren Ganzen, der Gemeinschaft, unterordnen und individuelle Rechte abgeben.
Möglicherweise liegt es an martialischen Ritualen wie der Mensur, dass viele die Burschenschaften für nicht mehr zeitgemäß halten. Welche Bedeutung hat der traditionelle Fechtkampf heute noch?
Das Fechten ist ein Ritual, das zusammenschweißen soll. Zudem ist die Mensur ein Erziehungsmittel: Ich kann sie nur dann bestehen, wenn ich die Regeln beherrsche. Die Unterwerfung unter diese Regeln bedeutet, dass ich meine natürlichen Reflexe unterdrücken muss: Ich sehe den Säbel auf mich zukommen, darf aber nicht ausweichen, da ich sonst disqualifiziert werde. Sehenden Auges, gegen meinen Fluchtreflex, muss ich eine Verletzung – den Schmiss – in Kauf nehmen.
Ist der Schmiss immer noch ein Statussymbol unter Burschenschaftlern?
Früher war das sicherlich so. Es gab sogar Ärzte, die auf Wunsch einen Schmiss in die Wange operiert haben. Heute ist das anders: Wenn man eine riesige Narbe im Gesicht hat wie etwa der frühere Aufsichtsratsvorsitzende der Allianz Henning Schulte-Noelle, gilt das nicht mehr als chic. Das sieht man heutzutage nur noch ganz selten.
Welche Ziele verfolgen Burschenschaften und andere Studentenverbindungen?
Das ist sehr unterschiedlich. Die katholischen Studentenverbindungen wollen ihren Glauben verbreiten, die Corps möchten unter traditionellen Gesichtspunkten mitmischen. Der frühere Bundesinnenminister Manfred Kanther, „Alter Herr“ beim Corps Guestphalia et Suevoborussia Marburg, hat das einmal auf den Punkt gebracht mit den Worten: „Wir wollen auch weiterhin national gesinnte Menschen in alle führenden Berufe unserer Gesellschaft entsenden.“
Gelingt ihnen das denn? Wie groß ist ihr Einfluss etwa auf die Politik?
Was das genaue Ausmaß der Verflechtungen zwischen Politik und Studentenverbindungen betrifft, gibt es keine verlässlichen Zahlen. Auffällig ist, dass etwa zehn bis 15 Prozent der Abgeordneten der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag dem Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) angehören. Das ist bei einem Verband mit rund 30.000 Mitgliedern nicht wenig.
Ist die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft aufgrund des negativen Images heutzutage eher ein Nachteil für einen ambitionierten Politiker?
Sagen wir es so: Mit einer Mitgliedschaft in einer Burschenschaft geht heute sicherlich niemand hausieren. Und dass es einem peinlich sein kann, Mitglied in der Deutschen Burschenschaft zu sein, kann ich sehr gut nachvollziehen – in diesem braunen Sumpf würde ich auch nicht gern baden. Für traditionell geprägte Bereiche in unserer Gesellschaft hat die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft aber durchaus Vorteile. Dort lernt man, willkürliche Hierarchien anzuerkennen. Dies kann in konservativen Parteien und Unternehmen hilfreich sein, gerade als Berufseinsteiger.
Welche studentischen Verbindungen pflegen karrierefördernde Netzwerke am Besten?
An erster Stelle steht sicherlich der Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV). Prominente Mitglieder sind Jürgen Rüttgers (Rappoltstein Köln) und Thomas Gottschalk (Tuiskonia München). Auch Franz Josef Strauß gehörte der Tuiskonia München an. Es gibt, soviel ich weiß, auch einen Referentenstammtisch des CV im Bundestag. Sehr auffällig sind zudem die Corps; sie sind in der CDU, der FDP und in der Wirtschaft gut vertreten. Dann gibt es noch die Landsmannschaften, da ist zum Beispiel Günther Oettinger zu nennen, der Mitglied in der Landsmannschaft Ulmia Tübingen ist.
Sie selbst waren in einer katholischen Verbindung, aus der Sie schließlich ausgetreten sind. Warum?
Es gab kein konkretes Erlebnis, nach dem ich gesagt habe: „Jetzt reicht’s!“, es war eher eine schleichende Entwicklung. Ich hege gegen die Bundesbrüder auch keinen Groll, auch wenn die Freundschaften, die ich dort geschlossen hatte, mit meinem Austritt schlagartig beendet waren. Wenn Sie eine Burschenschaft verlassen, sind Sie für ihre Mitglieder eine Persona non grata. Als ich damals ausgetreten bin, wurde jede Organisation im Dachverband darüber informiert.

Stephan Peters

war Mitglied der katholischen Studentenverbindung „Palatia“ in Marburg. Der Politologe schrieb seine Doktorarbeit über Korporationen. Heute ist der 44-Jährige Studiengangsmanager an der Hochschule Kehl und als selbstständiger Rhetoriktrainer tätig.