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Corona-Virus

Nachhaltige Stadtentwicklung: Städte lebenswert und krisenfest machen

Die Corona-Krise hat auch die Anforderungen an die Infrastruktur in Städten verändert. Das gilt vor allen Dingen für das Leben und Arbeiten in den Metropolen. Teil vier unserer Reihe zur Welt nach Corona

von Claudio Struck und Hannah Knox

Covid-19 hat unsere Art und Weise zu leben und zu arbeiten grundlegend infrage gestellt und unsere täglichen Routinen verändert. Auch wenn die Gesellschaft nun allmählich zur Normalität zurückkehrt, verbringen viele immer noch mehr Zeit in den eigenen vier Wänden als im Büro. Unternehmen wie Twitter oder Amazon wollen ihren Mitarbeitenden die Option auf Homeoffice dauerhaft einräumen. Wir konsumieren weniger und besorgen das Nötigste in der Nachbarschaft oder online. Stadtzentren und Einkaufszentren haben an Anziehungskraft verloren. Der Spaziergang im Park und der Ausflug ins Grüne sind für viele Freizeit-Highlights der Woche. Gerade in der Stadt hat die Pandemie die Anforderungen an Infrastruktur verändert. Die Stadt wird neu genutzt.  

Das gilt besonders für das Leben und Arbeiten in den Metropolen. Bereits heute lebt mehr als jeder Zweite weltweit in Städten, in Deutschland jeder Dritte in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern. Wie unter einem Brennglas verdichten sich hier Herausforderungen für das gesellschaftliche Zusammenleben, umso mehr in Zeiten einer Pandemie.

Je dichter Menschen wohnen und arbeiten, desto größer die Gefahr einer Ansteckung. Gebotenen Abstand zu halten ist nahezu unmöglich: Menschen fahren in überfüllten U-Bahnen, erholen sich in dicht gedrängten Parkanlagen und quetschen sich durch die Gänge von Supermärkten. Die Stadt als Lebensort wird unter den Bedingungen der Pandemie zur steten Herausforderung. Vielerorts wächst das Gefühl, Städte seien nicht widerstandsfähig genug, um mit Krisen wie Corona umzugehen.

Covid-19 hat urbane Herausforderungen verstärkt, die schon vor der Krise bestanden: Fragen etwa, wie städtischer Raum verteilt ist, wie stark Konsum das Gesicht der Innenstädte prägt oder wie stark das Auto auch im Jahr 2020 noch unsere Mobilität bestimmt und Einfluss nimmt auf Luft- und Lebensqualität. Ob die Veränderungen unserer Routinen dauerhaft sein werden, zeigt erst die Zukunft.

Doch bereits jetzt geht es verstärkt um die Frage, wie das wachsende Bedürfnis nach Erholungs- und Naturflächen vereinbar ist mit immer mehr Wohn- und Büroflächen. Wie sich die Arbeit im Homeoffice mit einem Familienalltag auch für sozial Benachteiligte verträgt. Wie wir verhindern, dass die Unsicherheit vor der Nutzung des ÖPNV die Verkehrswende bremst. Oder wie sich das Bedürfnis nach lokaler Versorgung mit den alten Mechanismen des innerstädtischen Handels vereinbaren lässt. Kurz: Corona wirft ein Licht auf die zentrale Bedeutung einer nachhaltigen Stadtentwicklung, die notwendig ist, um unsere Städte krisenfest zu machen – ob für die Herausforderungen einer Pandemie oder der Klimakrise.

Die ökologische Dimension: Stadt der kurzen Wege

Die Stadt im Lock-Down erlaubt trotz aller Krisensymptome auch eine neue Utopie von Stadt. Eine Stadt mit weniger Lärm, weniger Stress im Straßenverkehr und klarem Himmel. Eine Stadt, die sich eine Pause gönnt. Gleichzeitig schärft der Lock-Down den Blick auf die Vorteile einer kompakten Stadt, die in räumlicher Nähe Arbeiten, Wohnen, Nahversorgung sowie Grün- und Erholungsflächen vorsieht. Durchmischte Quartiere mit kurzen Wegen zum Arbeitsplatz, Arzt oder Supermarkt sowie wohnortnahe urbane Frei- und Grünflächen und nachhaltigen Mobilitätsangeboten werden zum Maßstab für eine gelungene Stadtentwicklung.

Die Politik reagiert bereits und verteilt Straßenraum um, damit Verkehrsflächen zwischen dem motorisierten Individualverkehr und dem Fahrrad- und Fußverkehr gerechter verteilt werden. In Berlin sind bis dato zehn Kilometer Pop-Up-Radwege entstanden. Mailand war unter den ersten Städten, die Straßenflächen zum Verweilen und für die Gastronomie zur Verfügung stellten. Paris sperrt ganze Straßenzüge für den Autoverkehr.

Corona hat mehr als deutlich gemacht: Freie Flächen und Natur in der Stadt, wo sich Menschen gerne aufhalten, sind elementares Grundbedürfnis. Die Forderung Flächen entsprechend um- und auszubauen wird mehr Gewicht bekommen. Auch angesichts der Klimakrise mit immer extremeren Hitzesommern ist mehr Stadtgrün notwendig und erfüllt notwendige biologische und klimatische Funktionen. 

Aber auch der Streit um die behutsame Nachverdichtung gewinnt im Kontext der Pandemie eine neue Relevanz. Es spricht vieles dafür, dass in der Stadtpolitik der Schutz von bestehender Grün- und Erholungsflächen und die Ausweisung neuer Flächen an Bedeutung gewinnen wird. Anstelle von Immobilienprojekten, die nur eine Funktion erfüllen – sei es im Wohn- oder Bürobereich – werden perspektivisch solche Projekte an Unterstützung gewinnen, die Wohnen, Arbeiten und ausreichend Platz für Erholung und Abstand intelligent miteinander in Einklang bringen.

Viele Unternehmen diskutieren, wie viel Büroflächen sie aufgrund von Homeoffice künftig überhaupt brauchen. Ob daraus ein allgemeiner Trend wird und der Bedarf nach Büroimmobilien generell sinkt, ist aktuell noch nicht eindeutig zu beantworten. Es spricht aber vieles dafür, dass der Wert von Wohnimmobilien auch daran gemessen wird, ob Grundrisse und Lage den Bedürfnissen von Homeoffice-Arbeit gerecht werden. Eine Projektplanung, die allein einer ökonomischen Logik und maximaler Verwertung von Fläche folgt, wird es zukünftig schwerer haben.

Die soziale Dimension: Unsere Städte müssen inklusiver werden

Die Pandemie schärft aber auch den Blick auf bestehende soziale Ungleichheiten. Wir wissen nun: Homeoffice ist machbar, aber längst nicht für alle. Zwar zahlen Unternehmen wie etwa Twitter ihren Mitarbeitern Pauschalen, um den Arbeitsplatz zu Hause auszustatten, und stellen ihnen frei, das restliche Jahr im Homeoffice zu verbringen. Diese Flexibilität wird von den meisten Angestellten als Gewinn empfunden, doch vier von zehn Berufstätigen in Deutschland können laut einer Bitkom-Studie gar nicht erst mobil arbeiten.

Wenn Leben, Wohnen und Arbeiten an einem Ort stattfinden, ist es ein massiver Unterschied, ob dies auf 40 oder 120 Quadratmetern geschieht. Familien stoßen an ihre Grenzen, Singles leben noch einsamer, gesellschaftliche Ungleichheiten verschärfen sich durch ungleiche Wohnbedingungen. Derzeit profitieren diejenigen, die in ihrem privaten Wohnraum ausreichend Platz und Rückzugsorte sowie die geeigneten Arbeitsbedingungen haben. Sozial benachteiligte Familien dagegen, die ihren Kindern keine mobilen Endgeräte zur Verfügung stellen können, werden abgehängt.

Stadtpolitik wird in Zukunft stärker noch als bisher Vorsorge treffen, um auch in Zeiten eines Lock-Downs allen Bevölkerungsgruppen eine gerechte Teilhabe zu ermöglichen und Ungleichheit nicht zu vergrößern. Haushalte mit kleinen Einkommen gezielt zu fördern, Mietpreise zu regulieren und das Planungsrecht gesetzlich anzupassen, um soziale Inklusion zu gewährleisten – all diese Themen werden mit Blick auf die Bundestagswahl im kommenden Jahr an Fahrt aufnehmen.

Die ökonomische Dimension: regionalen Handel stärken, Lieferketten anpassen

Der Lock-Down hat den innerstädtischen Einzelhandel in eine existenzielle Krise gestürzt. Auch nach den Lockerungsübungen der jüngsten Zeit ist kaum etwas, wie es einmal war. Die Menschen meiden weiter große Einkaufszentren- und Kaufhäuser, kaufen dafür noch mehr als zuvor online ein oder unterstützen den lokalen Einzelhändler um die Ecke. Was für die Kieze von Vorteil ist, geht zulasten der Innenstädte. Funktionierende Innenstädte haben aber einen großen Anteil an der Attraktivität unserer Städte. Sie ziehen Touristen an und sorgen mit ihren Umsätzen für eine positive wirtschaftliche Entwicklung der Stadt als Ganzem.

Wer die Innenstädte wieder beleben will, muss den Erfahrungen der Menschen in der Pandemie Rechnung tragen. Umsichtige Stadtpolitik wird dabei genau hinsehen, dass der innerstädtische Handel nicht gezwungen ist, vor den großen Online-Händlern dieser Welt zu kapitulieren. Für mehr regional beziehungsweise lokal produzierte Waren, die nicht nur im Kiez, sondern auch in den zentralen Fußgängerzonen und Kaufhäusern verfügbar sind, müssen Lieferketten geschaffen und optimiert werden. Der kleinteilige innerstädtische Handel braucht angesichts teils astronomischer Gewerbemieten eine gezielte Unterstützung, um bestehen zu können.

Die Forderungen in der Politik reichen von Fördermaßnahmen bis hin zu einer konkreten Mietpreisregulierung. Stationärer und Online-Handel müssen zunehmend vernetzt werden, auch um emissionsarme Lieferkonzepte zu befördern. Waren könnten wir künftig beispielsweise online auswählen und bestellen, die dann bei Paketzentren gebündelt und per Kurier ausgeliefert oder im Warenhaus von uns abgeholt werden.

Lebendige Innenstädte müssen mehr bieten als monofunktionale und letztlich austauschbare Verkaufsflächen. Sie sind Lebenszentrum: Hier arbeiten, wohnen und leben Menschen aller Einkommensgruppen, hier erholen und unterhalten sie sich. Für innerstädtische Bauprojekte bedeutet dies, dass sie mehr als eine überdurchschnittliche Qualität an Architektur brauchen, sie müssen die Vielfalt an Nutzung mitplanen, damit die Innenstadt künftig Lebens- und Erlebnisort gleichermaßen sein kann. Dazu gehört auch ein Verzicht auf Autostellplätze, mehr nachhaltige Mobilität und Räume für den Aufenthalt.

Fazit: Nachhaltige Städte sind krisenfeste Lebenszentren

Unsere Städte sind in Pandemiezeiten nicht nur Risikofaktor, sondern mit ihrer leistungsfähigen Infrastruktur auch Orte der Innovation und der zentralen Krisenbewältigung. Eine nachhaltige Stadt-, Quartiers- und Gebäudeplanung, schafft die Voraussetzungen für eine widerstandsfähige und zukunftsweisende Stadtentwicklung. Städte von morgen sind Lebenszentren: Gerade die Erfahrungen aus der Corona-Zeit bekräftigen, dass eine gerechte Verteilung von Fläche, mehr Naturräume, kurze Wege und gemischte Nutzung zur Formel einer krisenfesten und lebenswerten Stadt gehören. 

Claudio Struck

ist Partner bei Joschka Fischer & Company und berät internationale Unternehmen in den Bereichen strategische Interessenvertretung und Positionierung bei gesellschaftlichen sowie politischen Themen. Er verfügt über langjährige Branchenexpertise in den Bereichen Industrie und Immobilienwirtschaft.

Hannah Knox

ist Consultant bei Joscha Fischer & Company. Sie unterstützt Kunden bei Transformationsprozessen und entwickelt Positionierungs- und Kommunikationsstrategien. Die Kommunikationswissenschaftlerin arbeitete zuletzt für einen Wirtschaftsverband, international tätige NGOs und in der Entwicklungszusammenarbeit.