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Foto: Marco Urban (1), Tobias Koch/CDU-Fraktion Berlin (2), Collage: Laurin Schmid
Praxis

Müller vs. Henkel: Der Körpersprachen-Check

Was verrät uns die nonverbale Kommunikation von Michael Müller und Frank Henkel? Wie nutzen sie ihre Körpersprache zur eigenen Profilierung? Und welche nonverbalen Signale senden sie auf Wahlplakaten aus? Eine Analyse.

von Violeta Mikic

"Müller auf SPD-Plakaten unscharf und im Hintergrund" – so lautete eine der Überschriften, als die Berliner SPD Ende Juli ihre erste Plakatwelle für die Abgeordnetenhauswahl 2016 vorstellte. Die Überschrift stimmte. Im Vordergrund standen andere Menschen, allen voran eine Frau mit rosa Kopftuch, die eine Rolltreppe hinunterfährt, während der Regierende Bürgermeister – eher unscharf am Bildrand – in entgegengesetzter Richtung hinauffährt.

Anders CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel. Auf den Plakaten seiner Partei wird Berlins Innensenator so massiv in Szene gesetzt, dass er kaum aufs Plakat zu passen scheint. Und als sei das noch nicht genug, sitzt auch noch sein Sohn auf seinen Schultern (das Gesicht des Sohnes wurde allerdings aus dem Bild herausgeschnitten).

Müller seinerseits gibt sich als der Mann von nebenan. Und das nimmt man ihm ab. Denn wo auch immer er auftritt, wird klar: Er gibt nicht nur den Mann von nebenan, er ist es auch. Allerdings glauben die Kampagnenmacher offenbar, dass der Mann von nebenan zwangsläufig blass sein muss. Denn ein bisschen blass kommt er schon rüber, der Herr Müller. Man hat den Eindruck, einen bewussten Gegenentwurf zu Müllers buntem Vorgänger Klaus Wowereit vor sich zu haben. Aber ein bisschen mehr Lametta darf's schon sein.

Die CDU war da mutiger. Frank Henkel strahlt auf seinem Plakat, als würde er ein Waschmittel bewerben. Aber wer auch immer auf die Idee kam, dem CDU-Kandidaten seinen Sohn auf die Schultern zu setzen, hat der Kampagne keinen Gefallen getan. Die Menschen sollen ja nicht den Familienvater Henkel wählen, sondern den Politiker. Das A und O nonverbaler Kommunikation ist Authentizität. Genau deshalb ging dieser Schuss definitiv nach hinten los.

Blickkontakt mit dem Wähler

In einem anderen Punkt der nonverbalen Kommunikation liegt Henkel jedoch vor Müller. Denn anders als der Regierende blickt der Innensenator in die Kamera. Das heißt, er schaut denjenigen in die Augen, die ihn wählen sollen. Das mögen manche Kampagnenmacher vielleicht uncool oder old school finden, doch aus körpersprachlicher Perspektive ist das genau richtig. Wenn man etwas von einem anderen Menschen will, schaut man ihm im normalen Leben doch auch in die Augen.

Dass Müllers Charisma eher schwach ausgeprägt ist, wurde schon oft beschrieben. Wenn man ihn unabhängig von seinen Worten betrachtet, wirkt er wie ein in die Jahre gekommener Jüngling. Ein wenig unbeholfen, freundlich, zart und schüchtern. Das Spektrum seiner Emotionen ist einseitig. Doch das allein ist keine Schwäche. Im Gegenteil. Müllers körpersprachliche Stärke liegt eben gerade darin, dass er in jeder Situation gänzlich unverstellt bleibt. Er weiß um seine Defizite – sei es intuitiv oder bewusst – und er versteckt sie nicht. Punktgewinn in Sachen Authentizität.

Anders Frank Henkel. Wenn man ihn beobachtet – in Interviews, in den Reden, im Gespräch – weiß man um seinen Verstand, seine Fähigkeit, schnell und klug zu antworten und seine Unverrückbarkeit im Argument. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite aber sehen wir auf dem Plakat diese gutmütigen Augen, die auf den ersten Blick so gar nicht zu den eben genannten Eigenschaften passen wollen. Klar ist, Frank Henkel ist ein Mann mit Ecken und Kanten. Auf dem Plakat lässt er sich jedoch auf die Rolle des sympathischen Familienvaters reduzieren. Die Ecken und Kanten sind weg.

Hoher Stellenwert der Rhetorik

Nun kann man die körpersprachliche Analyse der beiden Spitzenkandidaten sicher nicht auf die Plakate reduzieren. Denn Körpersprache ist – in der Politik und anderswo – immer die Gesamtheit aus Atmung, Mimik, Gestik, Haltung, Stimme und Rhythmus. Und auch hier kann Müller punkten. So zeigte zum Beispiel seine Rede auf dem Landesparteitag im April, dass der Mann von nebenan auch anders kann. Hier wird klar: Müllers Waffe ist das gesprochene Wort. Sowohl der Klang der Stimme als auch die Diktion der Worte schließen auf einen klaren, nicht wankelmütigen Mann, der sich vorher überlegt hat, was er sagen wird. Gut, bei seinem Gestus ist noch Luft nach oben. Aber es ist diese leidenschaftliche Ehrlichkeit, mit der er sich die Aufmerksamkeit der Zuhörer sichert.

Henkel hat ohne Zweifel mehr körperliches Charisma. Er hat überhaupt mehr Körper. Aber setzt er ihn auch richtig ein? Henkel ist ein sehr guter Rhetoriker. Aber anders als sein Körper vermuten lässt, hat seine Stimme im Vergleich dazu auffallend wenig Klangfarbe. Seine Lautstärke bleibt oft über einen langen Zeitraum gleich. Inhalte kommen eher beiläufig daher. Henkel macht es einem nicht immer leicht, ihm zuzuhören. Bei ihm bleibt viel Potenzial ungenutzt.

Hier wird etwas deutlich, was typisch ist für die deutsche Politik, nämlich der ungebrochen hohe Stellenwert der Rhetorik. Diese spielt in der politischen Kommunikation bei uns noch immer die wichtigste Rolle. Aber dem Zusammenspiel aller körpersprachlichen Aspekte zu einem wirkungsvollen Großen und Ganzen wird – anders als beispielsweise in Amerika – noch immer zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Eine gute politische Rhetorik allein sorgt noch nicht für eine entsprechend gute Wirkung. Das macht der Vergleich zwischen Michael Müller und Frank Henkel deutlich. Es ist keine Frage des Talents. Man kann sehr wohl trainieren, wie sich die Wirkung auf großen und kleinen Bühnen verbessern lässt.

Violeta Mikic

ist Coach und Beraterin für Persönlichkeitsentwicklung, Körpersprache und Kommunikation für Menschen in Führungspositionen. Sie berät und begleitet Manager und Führungskräfte aus den Bereichen Wirtschaft, Politik und Kultur. (Foto: Joachim Gern)