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Teamsitzung mit Wahlkampfmanager Robert Heinrich (4. v. l.). Viele Mitarbeiter sind kaum älter als die grüne Partei selbst. Foto: Stephan Baumann

Mission fünf Millionen

Für die Grünen ist es bislang ein Wahlkampf im Umfragehoch. Das macht die Parteiführung risikofreudiger. Kann die Partei mit Steuererhöhungen die Wähler überzeugen? Ein Besuch im Basislager.

von Christina Bauermeister

Um den Gipfel des Mount Everest zu besteigen, braucht man heutzutage entweder sehr viel Geld für einen professionellen Bergführer oder sehr viel Erfahrung, um den Weg hinauf zur Spitze allein zu meistern.
Auch die Grünen wollen hoch hinaus: Ihr Drang gilt nicht dem Mount Everest, sondern dem Prozentbalken am Wahlsonntag des 22. September. Mehr als sechs Millionen Zweitstimmen sollen her. Doch die Mittel für den Gipfelsturm sind begrenzt: Gerade mal 5,5 Millionen Euro stehen der Partei im Wahlkampf zur Verfügung.
Zum Vergleich: Die CDU lässt es sich rund 20 Millionen Euro kosten, Merkel den Machterhalt zu sichern. Es wird für die Grünen also auf die Erfahrung ankommen, und auf die Vorbereitung.

Bereits im September vergangenen Jahres haben sie in einem ehemaligen Computerladen in Berlin-Mitte ihr „Basislager“ aufgeschlagen, wie die Grünen ihre Wahlkampfzentrale nennen. Dort, wo früher PCs repariert wurden, sitzen nun zwanzig junge Leute, von denen viele kaum älter sind als die grüne Partei selbst. Auf die Wände des zweistöckigen Gebäudes sind grüne Schmetterlinge gemalt und ein Vater, der einen Kinderwagen schiebt; im hinteren Bereich steht ein Papp-Tischkicker für 43 Euro. Klischeehafter geht es kaum. Die Dekoration wurde vom Parteitag in Hannover im November 2012 recycelt, auf dem die Grünen ihr milliardenschweres Sozialprogramm zur Korrektur der Agenda 2010 beschlossen. Mindestlohn, höhere Hartz-IV-Sätze und eine Garantierente gegen Altersarmut. Finanziert werden soll das Ganze über höhere Steuern. Nicht gerade ein populäres Wahlkampfthema.

Drei Direktmandate im Visier


Auf der linken Seite der oberen Etage haben die beiden Bergführer für den Gipfelsturm ihr Quartier bezogen. Steffi Lemke ist seit 13 Jahren politische Geschäftsführerin. Es ist bereits der dritte Bundestagswahlkampf für die Dessauerin, die dieses Mal auch ein bisschen für sich selbst kämpft. Lemke will über die Landesliste in Sachsen-Anhalt zurück in den Bundestag, wo sie zwischen 1994 und 2002 schon einmal saß.


Sich auf sechs Millionen Wählerstimmen (2009: 4,6 Millionen) statt auf eine Prozentzahl festzulegen, ist clever, so entgeht man dem FDP-Desaster (Projekt 18). Außerdem schielt die Ökopartei nach den letzten Erfolgen auch auf einige Direktmandate. In drei Wahlkreisen (Berlin-Kreuzberg, Berlin-Mitte, Stuttgart) halten die Kampagnenmacher einen grünen Sieger für realistisch. Im Moment sehen die Umfragen die Partei bei 13 bis 14 Prozent. Sollte sie am Ende in diesem Bereich durchs Ziel laufen, wäre es das beste Ergebnis bei einer Bundestagswahl.
Sorgt das nicht für gute Stimmung?


Lemke bleibt reserviert: „Die Sonntagsfrage hat mich noch nie wirklich interessiert“, sagt sie und verweist mit Galgenhumor auf ihre ostdeutsche Herkunft, wo die Grünen oft unter der Fünf-Prozent-Marke lagen. Als Wahlkampfmanager unterstützt sie erstmals Robert Heinrich, der seit 2007 den Bereich Öffentlichkeitsarbeit leitet.
Heinrich vergewissert sich beim Rundgang noch mal schnell, ob nicht versehentlich irgendwo Plakatmotive auf dem Schreibtisch herumliegen. Man sei gerade in der Abstimmungsphase mit der Agentur. Der 36-Jährige verkörpert einen neuen Typus bei den Grünen. Von außen betrachtet, könnte man ihn fast bei der FDP vermuten. Eckige Brille, Hemd, Sakko, modische Kurzhaarfrisur. Doch innen schlägt das grüne Herz ganz kräftig. Heinrich, in Leipzig aufgewachsen, wurde über die Montagsdemonstrationen im Wendeherbst 1989 politisiert. Erst später, als er in Baden-Württemberg zur Schule ging, kam das ökologische Moment hinzu. Der entscheidende Impuls für ihn, zu den Grünen zu gehen, war der Klimawandel.


Steuerpläne gegen Inhaltsleere


Heinrich beerbt als Wahlkampfmanager den gebürtigen Niederländer Rudi Hoogvliet, ein wahres Wahlkampfurgestein und heute Regierungssprecher von Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.
Lemke und Heinrich kennen sich bestens. Heinrich war eine Zeit lang Büroleiter der Bundesgeschäftsführerin. Gemeinsam holten sie sich Inspiration aus anderen Ländern. 2011 begleiteten beide die finnischen Grünen im Straßenwahlkampf (Heinrich: „Die Finnen sind da echte Vorreiter“). Und bei den niederländischen Parteifreunden schauten sie sich an, wie Mitgliederwerbung geht. Große Vertrautheit herrscht auch in Sachen Wahlkampfagentur: Die Grünen lassen ihre Kampagne zum dritten Mal in Folge von der Agentur „Zum Goldenen Hirschen“ konzipieren. Klingt alles ganz schön konservativ. Das will Heinrich natürlich nicht gelten lassen. Bei den Hirschen sei erstmals auch deren Kölner Büro beteiligt, das zuvor noch gar keinen Wahlkampf bestritten habe. Und auch im Basislager gebe es eine Menge Rookies.


Strategisch wollen die Grünen verhindern, dass dieser Wahlkampf wieder so inhaltsleer verläuft wie 2009. Dafür stecken wir auch schon mal den „Kopf in den Wind“, wie Heinrich es nennt. Gemeint ist die Debatte um das Steuererhöhungsprogramm der Partei. Der PR-Profi glaubt, dass die Strategie aufgeht. „Wir haben ein ehrliches und solide durchgerechnetes Konzept.“ Die Grünen seien schon jetzt in Umfragen die glaubwürdigste aller Parteien.
Das Programm ist mutig. Die Grünen appellieren sozusagen an die Vernunft der Wähler. Die Marschroute: Nach dem Verlust ihres Kernthemas Atomausstieg will die Ökopartei die Chancen- und Vermögensverteilung zum Wahlkampf-thema machen und wildert damit im linken Wählerspektrum.

Plakate zur Miete


Jetzt geht es erstmal darum, Schwarz-Gelb endlich aus der Reserve zu locken.
Erste Attacken werden schon gefahren. Zum Beispiel mit dem „Abwählkalender“ im Netz, der 200 Tage lang jeden Tag einen Grund gegen die Merkel-Regierung liefert. „Negative Campaigning mit Argumenten und Fakten“, nennt das Heinrich. Ihm zufolge erreicht jedes Kalenderblatt allein auf Facebook zwischen 6000 bis 10.000 Nutzer. Der Wahlkampfmanager ist zufrieden. Symbolhaft hängt neben dem Papptischkicker ein schwarz-gelber Punchingball mit grünen Boxhandschuhen. „Die halbe Luft ist schon raus“, witzelt der 36-Jährige. Die sozialen Medien sind ein großes Pfund der Grünen, davon sind Lemke und Heinrich überzeugt. „Wir haben mit Sicherheit die onlineaffinste Wählerschaft“, so Lemke. Wie schon 2009 wird auch bei dieser Kampagne sehr viel im Netz stattfinden. Unter anderem soll das Format „Drei Tage Wach“ ausgebaut werden, mit dem die Grünen 72 Stunden vor der Wahl im Livestream die Fragen der Wähler beantworten. Das Format hat die Partei schon bei Landtagswahlen und bei der Bundestagswahl 2009 eingesetzt.
Selbst beim Thema Budget haben sich die Grünen etwas Kreatives einfallen lassen. Mit einem Plakatspendentool gelang es ihnen bereits 2009, rund 2300 Großflächenplakate von Anhängern finanzieren zu lassen. Diese Möglichkeit wird es 2013 wieder geben – in ausgeweiteter Form. Dieses Mal können auch Litfaßsäulen und Kinospots gesponsert werden. Die Partei hat einiges vor: Eine anspruchsvolle Kampagne für eine anspruchsvolle Wählerschaft. Ob Ökosteuer oder Homoehe: Die Grünen haben viel Erfahrung darin, schwierige Themen zu kommunizieren, sagt Steffi Lemke im p&k-Interview. Vielleicht fehlt im Basislager noch ein Foto: von Sir Edmund Hillary.