D
Foto: Laurin Schmid
Politik

Merkels Fitmacher

Peter Tauber hat in seinem ersten Jahr als CDU-Generalsekretär das Amt neu erfunden: Er gibt weder den Wadenbeißer gegen die politische Konkurrenz, noch geriert er sich als politischer Großstratege. Stattdessen trainiert er die überalterte CDU für die Herausforderungen der Moderne. Ein Porträt.

von Robin Alexander

Peter Tauber hat kein Mikrofon in der Hand. Und trotzdem wird er von gut siebzig Christdemokraten im Primus-Saal im bürgerlichen Berlin-Zehlendorf gehört. Tauber trägt ein Headset um seinen fast kahlrasierten Schädel und seinen Drei-Tage-Bart. Also eines dieser Geräte, das Fitnesstrainer benutzen oder Motivations-Coachs. Der Generalsekretär der Partei Angela Merkels liest nicht von Zetteln ab oder Karteikarten, sondern von einem silbernen I-Pad. Und er hält auch keine Rede, sondern macht eine Präsentation.

Keine Frage: Hier will einer ganz besonders modern wirken. Wie ein Jungunternehmer, ein Start-up-Gründer vielleicht. Selbst das Publikum sitzt nicht auf gewöhnlichen Stühlen. Die hat Tauber vor der Veranstaltung wegschaffen lassen und durch gemütliche Sessel in weiß und knallrot ersetzt. Lounge-Charakter nennt man so etwas im hippen Berlin.

Eine plumpe Ranschmeiße an den Zeitgeist ist das trotzdem nicht. Die Krawatte, die in Berlin mittlerweile sogar Ministerialdirektoren und Sparkassenmitarbeiter abgelegt haben, trägt Tauber noch. Sogar mit dem schwierig zu bindenden Windsor-Knoten. Und auch seine Inhalte sind klassisch, ja sogar konservativ: "Schwarz-Rot-Gold sind keine beliebigen Farben für mich", wird er im Laufe des Abends erzählen und immer wieder Beispiele aus seinem hessischen Heimatstädtchen bringen: "Bei mir in Gellnhausen habe ich drei Viertel aller Email-Adressen meiner Mitglieder", sagt er. "Im Konrad-Adenauer-Haus haben wir nicht einmal ein Viertel. Die Frage der Erreichbarkeit ist vielleicht trivial, aber sie ist elementar." Emails sammeln, Diskussionsforen im Netz veranstalten, soziale Netzwerke pflegen – kein Hexenwerk, sondern das Handwerk von Großorganisationen, die nicht den Anschluss verlieren wollen.

Tauber wirkt nach innen

"Wir erfinden die CDU nicht neu, wir erzählen sie nur neu", beschreibt Tauber seine Methode. Und sein Ziel: "Wir müssen die Leute dazu bringen, sich die CDU noch einmal neu anzuschauen." Seit Tauber vor mehr als einem Jahr der oberste Parteimanager wurde, schaut sich die CDU vor allem selbst neu an. Siebzig Veranstaltungen wie diese in Zehlendorf hat er in ganz Deutschland gemacht. Zielgruppe: die eigenen Leute. Andere Generalsekretäre bespaßen jeden Tag die Medien oder verbeißen sich in den politischen Gegner. Tauber wirkt bisher fast ausschließlich nach innen.

Wer ist der Mann? Peter Tauber, 40, Abgeordneter in seiner zweiten Legislaturperiode, war beim Postenpoker nach der Bundestagswahl der Trumpf, der am überraschendsten stach. Vorher kannte man ihn nur als smarten Netzpolitiker. Den wichtigen Generalsposten hatten die Insider im politischen Berlin anderen zugetraut: dem ambitionierten Steffen Kampeter, Staatssekretär im Finanzministerium, oder dem populären Gesundheitspolitiker Jens Spahn. Tauber hatte keiner auf der Rechnung.

Hat die in der CDU allmächtige Angela Merkel damals ein Ass aus dem Ärmel gezogen? Die Antwort ist schwierig. Denn in einigen Disziplinen, die früher zu den Kernaufgaben eines Generalsekretärs gehörten, brilliert Tauber keineswegs. "Talkshows sind nicht ganz so meine Welt – aber es gehört eben auch dazu", gibt er etwa freimütig zu. Auch als großer Stratege ist Tauber bisher nicht aufgefallen: Programmatisch hat er die behäbig und beliebig gewordene CDU noch nicht geprägt. Der vor lauter Merkel-Seligkeit mit den Jahren immer langweiliger gewordene CDU-Parteitag wurde im vergangenen Dezember bereichert durch einen Antrag, in dem Wirtschafts- und Arbeitnehmerflügel gemeinsam die Abschaffung der kalten Progression forderten – gegen die Parteiführung. Tauber hatte mit dieser Belebung der Debatte nichts zu tun.

Sein Beitrag zum jährlichen Riesenkonvent der CDU, bei dem 1001 Delegierter und genauso viele Gäste angereist waren, war nur organisatorischer Natur. Auf drei Foren wurden Parteigranden im Stile einer Talkshow diskutert – über gutes Leben, über Wirtschaft und Sicherheit. Dankbarer Nebeneffekt der neuen Formate: Die klassische Debatte um den Leitantrag fiel dafür aus – und damit eine klassische Möglichkeit für parteiinterne Kritiker, Einfluss auf die große Linie nehmen zu können.

Schöngeist oder Hardliner?

Tauber sieht das anders: "Bitte bringen Sie sich ein!", ruft er den Zehlendorfern zu. Es gehe ihm gerade darum, die Parteimitglieder zum Mitmachen zu motivieren. Nicht nur die Funktionäre, sondern auch diejenigen, die nicht zum Parteitag, ja nicht einmal zum Stammtisch ihrer lokalen CDU gehen. "Partizipation" heißt der Fachbegriff dafür und das Instrument, nein das Wundermittel dazu ist das Internet. Die Basis kann im Netz Anträge stellen und bewerten. Wenn ein Antrag besonders viele Unterstützer gefunden hat, soll der Parteitag gezwungen werden, sich mit ihm zu beschäftigen.

Tauber verficht die elektronische Parteiarbeit mit Inbrunst: "Bitte schreiben Sie mir das als Email", antwortete er einer Dame, statt einfach zu sagen: Ich habe ihren Vorschlag gehört. Es ist fast ironisch: Nach dem Untergang der jugendbewegten Piraten ist es ausgerechnet die altehrwürdige Partei Konrad Adenauers und Helmut Kohls, die das Anliegen der Computerkinder am entschlossensten ausprobiert.

Das bekommt freilich nur mit, wer sich regelmäßig bei der CDU einloggt. Und wer macht das schon? So ist Tauber einer größeren Öffentlichkeit gegenüber noch konturlos geblieben. Aber auch, weil er sich gängigen Klischees entzieht: "Die schreibende Zunft ist sich noch nicht einig, ob ich ein liberaler Schöngeist bin oder konservativer Hardliner", sagt er. Und stellt sich dann mutig selbst in eine in Deutschland unbeliebte Ecke: "Ich bin konservativ."

Der Sohn sozial-liberaler Eltern fand ausgerechnet bei der Bundeswehr zu seinem Wertekanon. Heute noch ist er Oberleutnant der Reserve. Als Historiker promovierte er über das deutsche Kaiserreich; wenn er die Nationalhymne hört, steht er nicht nur auf, sondern legt auch die rechte Hand aufs Herz. Patriotismus ist nicht unbedingt angesagt im politischen Berlin – und eine klare Haltung zum Lebensschutz auch nicht. Tauber hatte denn auch noch kaum sein Büro im fünften Stock des Adenauer-Hauses bezogen, als die ersten politisch-korrekten Abfangjäger aufstiegen: "Tauber gerät wegen Haltung zu Abtreibung unter Druck" lautete die knallige Schlagzeile von "Spiegel Online".

Grundlage der Attacke war ein Beschluss des Landesausschusses der Jungen Union in Hessen, der sich 2006 für ein weitgehendes Verbot von Abtreibungen ausgesprochen hatte. Ob Tauber überhaupt daran beteiligt war, weiß er nicht mehr. Aber den Kotau vor dem Zeitgeist verweigerte er dennoch: "Es kann uns nicht kaltlassen, dass es in Deutschland über 100.000 Abtreibungen im Jahr gibt", antwortete er in seinem ersten großen Interview.

Die zweite Attacke auf den stets verbindlich, ja fast sanft argumentierenden Politiker kam dann von ganz anderer Seite. Denn Taubers Modernisierung beschränkt sich nicht nur auf Technik und Organisation: "Jünger, weiblicher und bunter" soll die CDU werden. Das gebietet die Vernunft: 58 Jahre alt ist ein Christdemokrat in Deutschland im Durchschnitt, drei von vier sind männlich. Bei Wählern mit Migrationshintergrund (Tauber, der den Soziologenjargon meidet, würde sagen: "mit Zuwanderungsgeschichte") schneidet die CDU deutlich schwächer ab als die SPD. In den Großstädten, wo gesellschaftliche Trends eher sichtbar werden, haben Unionspolitiker schon heute kaum noch eine Chance.

Tauber will die CDU deshalb für Migranten und ihre Kinder öffnen: Der erste Versuch war gleich ein großer Erfolg. Tauber lud alle Christdemokraten mit türkischen, kurdischen, marokkanischen oder anderen Wurzeln ein und bat sie, auch Sympathisanten mitzubringen. So lebhaft wie auf dieser "Integrationskonferenz" war es im Adenauer-Haus schon lange nicht mehr zugegangen. Doch die Party hatte ein Nachspiel. Die Szene der Islamhasser entdeckte Tauber als neues Feindbild: In seinem geliebten Internet ging ein Shitstorm auf den CDU-Generalsekretär nieder – als habe er persönlich die Abwicklung des christlichen Abendlandes angeordnet. "Mir ist blanker Hass entgegengetreten, den ich in dieser Form noch nicht erlebt habe", wundert er sich noch heute: "Die Vorstellung, dass ein Moslem Deutscher sein kann, ist manchen nicht nahezubringen."

Ein weiteres Jahr noch will Tauber sich vor allem auf die innerparteiliche Neuaufstellung konzentrieren. Erst danach wird er sich verstärkt ihrer Außendarstellung widmen. Spätestens dann könnte es noch viele Überraschungen geben – mit dem Konservativen, der die CDU modernisieren will.

Robin Alexander,

39, berichtet für die "Welt"-Gruppe über die Kanzlerin und die Unionsparteien. 2013 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis. (Foto: privat)