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"Merkel zeichne ich blind"

Mit spitzer Feder nehmen Barbara Henniger, Rainer Ehrt und Klaus Stuttmann unsere politische Klasse aufs Korn. Mit p&k sprachen die drei Karikaturisten über ihr Verhältnis zu Politikern, Skatabende beim Bundespräsidenten und warum Seehofers Haare ein Problem sind.

Interview: Nicole Alexander und Kim Döpke

p&k: Frau Henniger, Herr Ehrt, Herr Stuttmann, die Wahlkampfzeit gilt als Hochzeit der Politik. Ist sie auch eine Hochzeit für politische Karikaturisten?
Barbara Henniger: Es ist jedenfalls eine Zeit der besonderen politischen Aufmerksamkeit. Ich persönlich versuche zu unterscheiden, was Politik ist und was Getöse. Interessant, wie diese Scheinauseinandersetzungen immer nach denselben Mustern ablaufen.


Wie meinen Sie das?
Henniger: Na, es geht immer erst mal sachte los und alle klagen, dass der Wahlkampf gar nicht in Gang kommt. Bis die ersten Plakate aufgehängt werden und die Sache ins Rollen gerät. Danach gibt es TV-Gespräche mit den Politikern, das wird gestaffelt, und dann geht es in die Schlacht. Die Schlacht selbst ist wirklich immer gleich.
Klaus Stuttmann: Bei mir ist es im Wahlkampf eigentlich dasselbe wie immer. Ich muss jeden Tag eine Karikatur abliefern, gucken, was die Schlagzeilen sind. Die sind zurzeit halt mehr wahlkampfbezogen. Aber eigentlich ist es mein Job, einen Kommentar abzugeben zu dem, was aktuell in der Zeitung steht. Da habe ich nicht viele Möglichkeiten, weil ich an das anknüpfen muss, was die Leute beschäftigt. Und das wird von den Journalisten beeinflusst.
Dennoch hat man gerade bei Ihnen, Herr Stuttmann, das Gefühl, dass Sie sich zurzeit stark auf Merkel und Steinbrück fokussieren.
Stuttmann: Ja, das stimmt. Merkel ist die zentrale Figur, so unangreifbar, und genau deshalb regen sich wieder alle auf. In Nichtwahlkampfzeiten kommt es vor, dass ich Merkel ein Vierteljahr lang gar nicht zeichne, einfach weil sie abgetaucht ist. Jetzt steht sie natürlich im Mittelpunkt. Dabei beobachte ich ganz ähnliche Konstellationen wie 2009.


Zum Beispiel?
Stuttmann: Ich habe gerade eine Karikatur von Steinmeier aus dem Jahr 2009 aufgegriffen, wo er im Ring steht und boxt und boxt und daneben sitzt Merkel und schnarcht. Bei der neuen Zeichnung habe ich einfach Steinmeiers Kopf gegen den von Steinbrück ausgetauscht, und fertig.
Verstehen Sie sich mehr als Chronisten mit spitzer Feder oder wollen Sie, gerade in Wahlkampfzeiten, auch Einfluss nehmen?
Henniger: Ach, den Ehrgeiz, einen Wähler zu beeinflussen, habe ich nicht. Geprägt wird die öffentliche Meinung doch von den Massenmedien, allen voran der „Bild“-Zeitung. Da hat man nicht die Hoffnung, dass man mit seinen Karikaturen die Meinung eines Wählers ändert, da will man doch mehr unterhalten. Das schließt ja nicht aus, dass man den Betrachter zum Denken anregt.
Stuttmann: Eine Karikatur muss ja auch unterhalten, Witz haben, sonst hat sie keine Wirkung. Ich sehe unsere Aufgabe schon darin, etwas so zuzuspitzen, dass die Leute sagen: Ja, stimmt, das ist ein Widerspruch oder eine hohle Phrase. Aber den Anspruch, etwas wirklich zu verändern, habe ich auch nicht. Das ist wie bei einem politischen Kommentar in der Zeitung, der wird auch kein Wahlverhalten beeinflussen.


Sehen Sie Ihre Arbeit eher als Kommentar zur aktuellen Tagespolitik oder üben Sie auch grundlegende Gesellschaftskritik?  
Stuttmann: Bei mir ist die eigentliche Kritik schon kurzfristig angelegt. Das liegt aber auch daran, dass die politischen Zusammenhänge ungeheuer kompliziert geworden sind. Beispiel Finanzkrise: Wer versteht wirklich noch, was dort passiert und welche Konsequenzen gezogen werden müssten? Da geht es mir nicht anders als den Politikern.
Rainer Ehrt: Das sehe ich anders. Ich finde schon, dass man auch ein komplexes Thema wie die Finanzkrise abbilden kann, wie dieser Kapitalismus sich selbst zerlegt. Nur, das druckt dann keiner. Genau das ist mein Problem. Politik ist ja interessen- und lobbygeleitet. Deshalb sollte man viel stärker thematisieren, wer zum Beispiel im Bundestag im Hintergrund die Fäden zieht. Aber genau das kriege ich in ein Mainstream-Medium nicht rein. Zu verkopft, heißt es dann in den Redaktionen. Die wollen einfach keine Systemkritik mehr.


Wie gehen Sie ans Karikieren heran?
Henniger: Ich muss zu den Personen, die ich zeichne, ein Verhältnis entwickeln. Entweder ich lehne sie ab oder ich finde sie albern oder unmöglich. Und dann versuche ich, diese Haltung in der Mimik oder dem Habitus der Person unterzubringen. Aber an manche kommt man gar nicht ran, die sind so farblos.
Stuttmann: Ja, es gibt ein paar Figuren, mit denen tut man sich schwer. Hans Eichel zum Beispiel, der ist mir nie gelungen. Oder Daniel Bahr, den habe ich mir schon oft angeguckt und gedacht: Na, hoffentlich musst Du den nicht zeichnen.
Henniger: Stimmt, der ist wie ein Schluck Wasser. Da muss man auf Versatzstücke zurückgreifen, ihn mit weißem Kittel zeichnen oder so. Oder Seehofer, mit dem habe ich mich in den letzten Jahren auch oft herumgequält.
Stuttmann: Der Seehofer, der fällt mir auch immer wieder schwer. Das hängt aber auch mit seinen weißen Haaren zusammen. Die kann man schlecht mit einer Linie zeichnen, weil sie dann nicht mehr weiß sind. Sobald man eine Linie daraus macht, verliert die Figur ihren Charakter.


Gibt es umgekehrt Politiker, die Sie besonders gern karikieren?
Henniger: Merkel. Die zeichne ich seit 1991. Ich zeichne ja aus dem Kopf und da merke ich, wie sich ihre Mimik über die Jahre verändert hat, immer mehr in Richtung ­Thatcher.
Stuttmann: Ja, die Merkel, die kann ich inzwischen blind zeichnen. Am Anfang hat sie mir schon Schwierigkeiten gemacht. Doch über die Jahre baut man ein Verhältnis zu der Figur auf, meistens ein sympathisches. Schröder, Fischer oder früher Kohl und den Waigel, die hab ich unheimlich gern gezeichnet. Wenn die dann abtreten, ist einem richtig traurig zumute, da geht etwas verloren. Da hat man jahrelang mit denen zusammengelebt und auf einmal sind sie weg.

Wie sieht es mit Steinbrück aus?
Stuttmann: Den fand ich zuerst nicht so einfach, aber inzwischen habe ich mich an ihn gewöhnt. Wenn man sich mit jemandem beschäftigt, dann entsteht ja ein Typus, der sich immer weiter von der eigentlichen Person entfernt. Es gibt das Bonmot, dass sich dann irgendwann die Politiker wieder der Karikatur von sich annähern. Da ist was Wahres dran.
Ehrt: Ich bewundere ja, Klaus, dass Du Sympathie für Politiker entwickeln kannst. Ich kann das nicht. Ich habe mit einer großen Wut angefangen, damals nach der Wende. Eigentlich hatte ich beschlossen, keine Personen zu zeichnen.


Warum nicht?
Ehrt: Weil ich kein Porträt-Karikaturist im eigentlichen Sinne bin. Aber die Redaktionen wollen halt Porträts, Personalisierung von Politik statt Analyse der Verhältnisse. Deshalb mache ich es jetzt doch. Da ich viel für Magazine arbeite, habe ich zum Glück mehr Zeit dafür als Klaus, meist eine Woche. Ich lege das fast altmeisterlich, psychologisierend an. Daran kann ich mich dann abarbeiten. Das ist wie eine Selbsttherapie: Ich gieße meinen Frust, meine Wut in die Bilder. Damit habe ich schon ein gewisses Signal gesetzt, eine Position bezogen.


Woher rührt diese Wut?
Ehrt: Aus meinem Nichteinverstandensein mit den Verhältnissen, mit der Realitätsverweigerung dieser ganzen politischen Szene. Es geht um ganz andere Dinge, als die Mainstream-Medien uns jede Woche verkaufen, Es geht gar nicht um Demokratie oder um Kommunikation, sondern um ein Geschäftsmodell.
Stuttmann: Darf ich kurz etwas richtig stellen? Ich fürchte, Rainer hat mich vorhin missverstanden. Ich finde nicht die Politiker sympathisch, sondern die Figuren, die ich zeichne. Im Gegenteil, ich achte sehr darauf, keinen Politiker persönlich kennenzulernen.


Warum?
Stuttmann: Weil es ja sein könnte, dass ich ihn sympathisch finde. Und dann würde es mir schwerfallen, ihn mit einer Karikatur anzugreifen oder gar zu verletzen.


Ist Ihnen das schon mal passiert?
Stuttmann: Ja, mit Frau Däubler-Gmelin hatte ich so ein Erlebnis. Die hat mich angerufen, kurz vor den Bundestagswahlen 2002 war das, da war sie noch Justizministerin. Sie wollte sich einen Regenschirm machen lassen, mit Karikaturen verschiedener Künstler drauf, eine davon von mir. Na, wie es so kommt: Sie ist Schwäbin und ich bin Schwabe. Und da sind die beiden Schwaben ins Schwätzen gekommen und waren sich sehr sympathisch. Kurze Zeit später vergleicht sie in einem Zeitungsinterview Bush mit Hitler und ich musste dann dazu eine Karikatur machen. Furchtbar. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, Distanz zu halten.
Früher war die Verbindung zwischen Ihrem Berufsstand und den Mächtigen offensichtlich deutlich enger. Adenauer beispielsweise hat sich mit Karikaturisten zum Tee getroffen.
Ehrt: Das hat Johannes Rau als Bundespräsident auch gemacht. Ende 2003 war das, da hatte er etwa 40 Karikaturisten zum Dinner ins Schloss Bellevue eingeladen. Das war schon toll, das zu erleben, diese merkwürdige Mischung aus Demokratie und feudalem Ritus. Rau selbst war ganz locker.
Henniger: Ja, das war ein netter Abend, wir haben Skat mit ihm gespielt. Bei Weizsäcker war ich auch mal, und auch Roman Herzog hat sich einmal mit einigen Kollegen getroffen. Sich vom Bundespräsidenten einladen zu lassen, finde ich auch in Ordnung.

 

Klaus Stuttmann

wurde 1949 geboren. Den gebürtigen Schwaben verschlug es 1970 nach Berlin. Seit 1976 ist er als freier Karikaturist tätig. Stuttmann zeichnet insbesondere das tagespolitische Geschehen für zahlreiche Zeitungen, darunter „Tagesspiegel“, „taz“ und „Freitag“.  Gerade ist das Buch „Prost Wahlzeit“ mit zahreichen Karikaturen Stuttmanns im „Schaltzeit Verlag“ erschienen.

 

Barbara Henninger

kam 1938 in Dresden zur Welt. 1956 begann sie ein Architekturstudium, das sie zwei Jahre später abbrach. Nach mehreren Jahren als Redakteurin beim „Sächsischen Tageblatt“ zog sie 1976 nach Strausberg bei Berlin. Seither ist sie als freie Karikaturistin tätig. Sie zeichnet seit über 40 Jahren für den „Eulenspiegel“ und für zahlreiche weitere Zeitschriften und Tageszeitungen.

 

Rainer Ehrt

wurde 1960 in Wernigerode geboren. Er studierte an der Hochschule für Kunst und Design in Halle, begann danach als Karikaturist unter anderem für „Cicero“, „Süddeutsche Zeitung“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zu arbeiten. Zudem gründete er die „Edition Ehrt“ für originalgrafische Bücher.