D

„Man muss dauerhaft präsent sein“

Der Marketingberater und professionelle Redner Hermann Scherer über das Ungleichgewicht auf dem deutschen Rednermarkt, Halbwertszeiten von Politikern und das Problem der Verbindlichkeit.

Interview: Christina Bauermeister

p&k: Wie ist der Rednermarkt in Deutschland strukturiert?
Scherer: In Deutschland gibt es ungefähr um die 400.000 Trainer, Berater und Coaches. Dem gegenüber steht eine sehr kleine Zahl von professionellen Rednern, ungefähr 200 bis 300. Die Zahl der Veranstaltungen ist schwer zu schätzen. Experten gehen aber von zirka 100.000 Events jährlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Das heißt also, dass die Nachfrage nach Rednern wesentlich höher ist als das Angebot.
Warum gibt es dieses Ungleichgewicht?
Vielen Menschen ist nicht klar, dass Reden überhaupt ein Markt ist. So erlebe ich immer wieder, wenn ich in ein Taxi steige und vom Fahrer gefragt werde: „Ja, was machen Sie denn?“ und ich sage: „Ich bin Redner“, ich sofort gefragt werde, ob man davon überhaupt leben kann. Die meisten Menschen können sich einfach nicht vorstellen, dass man sich eine Stunde irgendwo hinstellt, was erzählt, und dafür auch noch Geld bekommt – sogar so viel, dass man davon leben kann.
Ist es gerade en vogue, einen Gastredner für Veranstaltungen zu buchen?
Der Trend geht auf jeden Fall wieder hin zum Treffen von Menschen – auch im Internetzeitalter. Live-Veranstaltungen nehmen also zu. Und zu einer guten Veranstaltung gehören gute Vorträge. Darüber hinaus habe ich zunehmend das Gefühl, dass Unternehmen einfach Dinge verkürzen wollen. Während bei Firmen früher Drei-Tages-Trainings auf dem Programm standen, wird heute lieber alles an einem Tag abgehandelt. Man will in kürzerer Zeit mehrere Dinge gleichzeitig erfüllt haben. Das spielt den Rednern in die Karten.
Haben es Lifestyle-Redner einfacher als Redner aus dem Bereich Politik und Wirtschaft?
Nein, Politik und Wirtschaft sind sicher genauso spannend. Es kommt vielmehr darauf an, wie mundgerecht ein Redner, das was er sagen will, auch erklären kann. Ich habe noch ein Erlebnis mit einem Chefvolkswirt in Erinnerung, wo jeder eigentlich dachte, der Vortrag wird langweilig, harte Zahlen etc. Doch überraschenderweise war dieser Mann wunderbar in der Lage zu erklären, wie die gesamtpolitischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge in der Welt funktionieren. So etwas kommt an. Gerade in Zeiten der Eurokrise, wo eigentlich keiner mehr so recht weiß, was passiert. Die Fähigkeit hier die Fachsprache zu übersetzen, ist auch eine Art Infotainment.
Mit welchen Themen kann man am meisten punkten?
Mit vielen – entscheidend ist die Aufbereitung. Die Menschen wollen immer gern auch einen persönlichen Nutzen aus der Veranstaltung mitnehmen. Also nicht immer nur hören, was dies oder jenes für die Gesamtwirtschaft oder Gesamteu-ropa bedeutet, sondern für sie selbst. Die Zuhörer interessiert zum Beispiel bei der Euro-Krise vor allem, was das für ihr erspartes Geld heißt. Desto größer der Nutzen für die jeweilige Zielgruppe, desto erfolgreicher wird der Redner sein.
Wie so sind so wenige aktive Politiker Redner?
Es gibt bei aktiven Politikern das Problem der Verbindlichkeit. Die Veranstalter haben schlichtweg Angst, dass fest eingeplante Termine nicht eingehalten werden, weil grad die Tagespolitik ruft. Das ist sicherlich ein Handicap der aktiven Politiker.
Wie thematisch beweglich muss ein Redner sein?
Im Gegenteil, sie dürfen gar nicht viele Themen haben, weil sie sonst unglaubwürdig werden. Man traut doch keinem Menschen zu, dass er über zehn Themen erfolgreich sprechen kann. Ein, zwei gute Themen sind meiner Meinung nach vollkommen ausreichend.
Und wie konjunkturabhängig ist der Markt?
Ich halte den Markt für ziemlich krisenfest. In guten Zeiten haben Unternehmen das Geld, um sich das zu leisten und in schlechten Zeiten braucht man die Redner, um Motivation zu bekommen.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Halbwertszeit für Politiker als Redner zwei bis vier Jahre beträgt. Kann man das wirklich so verallgemeinern?
Diese Halbwertszeit gilt nur, wenn man nichts getan hat. Joschka Fischer ist ein Gegenbeispiel. Der Mann ist immer noch ziemlich gefragt. Man muss dauerhaft präsent sein, spannende Vorträge halten und zuverlässig sein. Damit meine ich auch, dass ein Ex-Politiker schon ein paar Starallüren haben darf, sie müssen aber „händelbar“ bleiben. Sonst verlieren die Kunden schnell die Geduld. Um medial im Gespräch zu bleiben, schreiben nicht wenige Politiker ein Buch. Das kurbelt die Rednerkarriere an.