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Macht und Zeit

Machtwille ist die Voraussetzung für eine politische Karriere. Doch wer die Macht einmal errungen hat, tut sich schwer, sie wieder loszulassen. 

Von Sebastian Lange

Im November 1999 muss Helmut Kohl spüren, was es heißt, nicht mehr die Macht zu besitzen: Er wird im Bundestag ausgelacht. Das geschieht während einer Rede von SPD-Fraktionschef Peter Struck. Kohl, seit erst einem Jahr nicht mehr Regierungschef und der Macht noch nicht entwöhnt, ist sich nicht zu schade, als Hinterbänkler weiter im Parlament zu sitzen, umgeben von alten Getreuen. Als Struck ihn drängt, seinen Beitrag zur Aufklärung der CDU-Spendenaffäre zu leisten, erhebt sich der „Kanzler der Einheit“ und meldet sich zu Wort: Noch vor der Weihnachtspause möchte er bitte im geplanten Untersuchungsausschuss vernommen werden, um da mal seine Sicht der Dinge zu schildern. Unruhe bei den Abgeordneten auf der anderen Seite. „Jetzt hören Sie bitte zu!“, herrscht er diese an, als sei er immer noch derjenige, der das Sagen hat – und erntet dafür bloß schallendes Gelächter. Es ist die Zeit der Abrechnung mit einem, der die Macht errang und sie lange, lange nicht mehr hergeben wollte. Im Zuge der Spendenaffäre wurde manches ans Tageslicht befördert, was 16 Jahre unter der Decke blieb. Ein Machtsystem wurde öffentlich besichtigt.
Die Macht ist ein Grundelement der Politik – aber ein flüchtiges und schwer zu kalkulierendes. Der Schlüssel zur Macht ist die Zeit: Wer Macht erringen will, muss wissen, wann die Gelegenheit günstig ist, danach zu greifen. Und er muss wissen, wann es Zeit ist, seine Sachen zu packen. Die alten Griechen hatten für beides den passenden Gott: Kairos ist der Gott des günstigen Augenblicks. Auf Bildern wird er mit einem vollen Haarschopf vorne und einer kahlen Platte am Hinterkopf dargestellt – den Schopf gilt es zu erwischen. Dann gibt es da aber auch noch Chronos, den Gott der Zeit. Er gemahnt, sich daran zu erinnern, dass alles vergänglich ist. Die Kunst zeigt ihn häufig als Wartenden.

Ypsilantis fester Glaube

Mit Kairos stehen die meisten Politiker auf Du und Du. Ständig halten sie Ausschau nach ihm. Erfolg hat, wer weiß, wann er vorbeiläuft. Die hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti dürfte in diesen Tagen fest an Kairos glauben. Wenn sie es jetzt nicht packt, Ministerpräsidentin zu werden, dann vermutlich nie. Als Angela Merkel bei der Bundestagswahl 2002 Edmund Stoiber den Vortritt als Kanzlerkandidat ließ, hatte sie erkannt, dass Kairos nicht kommen würde; die Vorzeichen waren ungünstig, der Widerstand in den eigenen Reihen zu groß. Also wartete sie, setzte geduldig auf die Unterstützung von Chronos. Und tatsächlich: ihre Zeit sollte kommen.  
Ein gesundes Verhältnis zu Chronos zu finden, fällt den Mächtigen meistens schwer. Vor allem das Loslassen, wenn ihre Zeit vorüber ist, ist nicht einfach. Der frühere „Spiegel“-Journalist Jürgen Leinemann hat das nach vielen Jahren als Hauptstadtkorrespondent in seinem Buch „Höhenrausch“ als Suchtverhalten geschildert. Wie Alkoholiker nicht von der Flasche loskämen, bekämen viele erfolgreiche Politiker nicht genug von der Macht und der Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird.
Hans-Jürgen Wirth, Psychologe und Professor an der Universität Bremen, erkennt bei vielen erfolgreichen Politikern gar narzisstische Verhaltensmuster. Er verfasste das Buch „Narzissmus und Macht“ und meint: Gerade in der „Mediendemokratie“ sei die Versuchung groß, narzisstisch zu werden. Schließlich zeigen die Medien ständiges Interesse, fast täglich können Politiker sich selbst im Fernsehen betrachten wie in einem Spiegel.

Selbstschädigendes Verhalten

Ein klares Anzeichen für Narzissmus ist laut Wirth, dass der Betroffene beginnt, sich selbst und seine Umgebung zu schädigen. „Dass Kohl 1998 noch einmal zur Wahl angetreten ist, ist dafür ein gutes Beispiel. Er war besessen davon, es noch einmal zu packen. Er berauschte sich selbst an seiner eigenen historischen Bedeutung. Doch hat er am Ende sich und seiner Partei geschadet.“ Zu lange hatte er an der Macht festgehalten.
Dabei ist Machtstreben nicht per se etwas Schlechtes, darüber sind Psychologen sich einig. „Es gibt auch gesunden Narzissmus“, sagt Wirth. Doch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dieser, zunächst Antrieb zu großen Leistungen, ein ungesundes Maß annimmt, je höher jemand auf der Karriereleiter steigt.
Minister oder gar Kanzler zu werden, hat nicht zu unterschätzende psychische Auswirkungen: „Ein hohes Amt kann Menschen traumatisieren“, sagt der Schweizer Psycho­analytiker Mario Erdheim. „Sie müssen auf einmal zu viele Informationen verarbeiten, ständig Entscheidungen treffen, ständig reisen – das ist eine emotionale und kognitive Überforderung.“ Natürlich habe die Macht ihre schöne Seite, man könne gestalten und den eigenen Willen durchsetzen.
Doch ruft die schöne Seite eben auch Konkurrenz auf den Plan, die selbst nach der Macht trachtet. Und so, meint Erdheim, bekämen Mächtige häufig Probleme, noch zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden – sie würden paranoid: „Ich weiß irgendwann nicht mehr, wer wirklich mein Gegner ist, ich wittere überall Verrat und Verschwörung.“
Der Druck, unter dem Regierende stehen, ist enorm. „Man kann Macht- und Gestaltungsziele nicht voneinander trennen“, sagt Manuela Glaab, Leiterin der Forschungsgruppe Deutschland am Centrum für angewandte Politikforschung in München. „Ohne Macht kann ich meine Ziele nicht erreichen. Doch wer bei der Problemlösung versagt, gefährdet auch seine Macht.“
Obwohl Mächtige, ob in Politik oder Wirtschaft, darum gut beraten sind, nur die Besten um sich zu scharen, neigt mancher dazu, sich mit Menschen zu umgeben, die ihn nicht in Frage stellen, mit Menschen, die sich nicht trauen, ihre Meinung zu sagen. Mario Erdheim: „Früher hatten wir die Hofnarren, die für eine Realitätskontrolle sorgten. Sie konnten dem Herrscher die Wahrheit ins Gesicht sagen.“ Auch der Hofprediger habe früher die Funktion gehabt, dem Herrscher ein kritisches Feedback zu geben. Zumindest diese beiden Korrektive gibt es heute nicht mehr.
Was aber treibt Politiker überhaupt dazu, nach der Macht zu greifen? Psychologe Wirth meint, dass bei den meisten zu Beginn der Karriere noch die Ideale im Vordergrund stünden. Irgendwann finde aber eine Verschiebung der Wertigkeiten statt: „Am Anfang dient Macht dazu, Ziele zu erreichen“, sagt Wirth, „später ist die Machtausübung selbst das Hauptziel.“  
Zumindest der gesunde Machtwille ist die Grundvoraussetzung für eine politische Karriere. „Hier in Berlin muss man den Willen haben, zu dominieren“, sagt Elisabeth Niejahr, die seit Jahren für die „Zeit“ das politische Geschehen beobachtet. „Politiker sind meistens Alphatiere, für die die Antwort klar ist, wenn es um die Frage ,Der oder ich?’ geht.“ Idealismus spiele sicher eine Rolle, doch sei es eben ein „normaler menschlicher Prozess“, dass dieser im Laufe der Zeit nachlasse. Manchmal sei er auch von Anfang an nicht besonders ausgeprägt. „Viele junge Unions- oder FDP-Politiker erscheinen mir nicht besonders idealistisch“, sagt Niejahr.
Aber reicht der reine Machtwille aus, um es bis ganz nach oben zu schaffen, um schließlich gar Kanzlerin oder Kanzler zu werden? Als Musterbeispiel für einen Politiker ohne Prinzipien musste häufig Gerhard Schröder herhalten. Der Wille, aus kleinen Verhältnissen aufzusteigen und auf Augenhöhe mit Wirtschaftsbossen, mit Regierungschefs zu sprechen, dürfte ihn angetrieben haben – aber kaum dieser Wille allein. „Natürlich hatte Gerhard Schröder Ideale“, sagt sein früherer Regierungssprecher Béla Anda. „Das hat sich mir in Gesprächen auf langen Kanzlerreisen gezeigt, natürlich auch in seiner Politik. Es ging ihm vor allem um eine gerechtere Welt und um gleiche Bildungschancen.“ Dass Schröder den Willen hatte, Macht zu erringen, sei kein Geheimnis, meint Anda. Der Unterschied zu anderen Politikern sei, dass er das auch offen artikuliert habe. „Gerhard Schröder hat nicht von sich in der dritten Person gesprochen.“

Unscheinbare Merkel

Bei manchem Menschen kommt der Machtwille auch nicht sofort zum Vorschein. „Niemand hätte Angela Merkel vor ihrer politischen Tätigkeit als Führungspersönlichkeit erkannt“, sagt ihr Biograf, der Bonner Politikwissenschaftler Gerd Langguth. Langguth begegnete Merkel erstmals zu Wendezeiten, als er die EU-Kommission in Deutschland vertrat und sie Pressesprecherin des „Demokratischen Aufbruchs“ war. Da hätte er „nie und nimmer gedacht, dass sie jemals eine bedeutende Rolle spielen wird“. Ihre politischen Ambitionen hätten zunächst einen ganz pragmatischen Hintergrund gehabt: „Weil sie als Pressesprecherin die Verhandlungen über die deutsche Einheit gegenüber den Medien erläutern musste, erhielt sie früh davon Kenntnis, dass die Akademie der Wissenschaften, an der sie tätig war, aufgelöst werden sollte. Also musste sie schauen, wie sie beruflich überlebt.“ So sei Merkel zur Politik als Beruf gekommen. Was sie umtreibe, sei „Gestaltungswille“, zitiert Langguth die Kanzlerin – eine positive Formulierung für Machtwillen. Den Begriff „Macht“ selbst habe sie aber in Bezug auf ihre frühere Tätigkeit verwendet: Als Wissenschaftlerin sei es ihr darum gegangen, die „Macht über die Moleküle“ zu erringen.
Dass sich später die Politikerin Merkel als so durchsetzungsfähig erwies, dürfte offenbar einem besonderen Instinkt geschuldet sein, eben dem Gespür für Kairos – und der nötigen Konsequenz. Langguth: „Merkel hat sich immer an die Stelle ihrer Förderer gesetzt, ob es Lothar de Maiziére war, Günther Krause oder Helmut Kohl. Sie hat sich auch gegen Wolfgang Schäuble und Friedrich Merz durchgesetzt.“
Das sei der Unterschied etwa zur SPD-Politikerin Andrea Nahles, die zuweilen mit Merkel verglichen wird. Nahles hatte nicht die Konsequenz, das Amt der SPD-Generalsekretärin anzunehmen, für das der Parteivorstand sie nach einer Kampfabstimmung gegen Kajo Wasserhövel nominiert hatte. Wasserhövel war der Wunschkandidat von Parteichef Franz Müntefering, der infolge der Abstimmung zurücktrat. „Wenn man am Schluss nur als der Killer dasteht und nicht die Aufgaben der Geschassten übernehmen kann, ist es schwer, eine Integrationsfunktion innerhalb der Partei zu übernehmen, denn die Zahl gefährlicher Feinde bleibt groß“, meint Gerd Langguth.
Wer es geschafft hat, die Macht zu erkämpfen, muss schließlich in der Lage sein, sie auch zu bewahren. Und hier sind wieder andere Fähigkeiten gefragt als beim Aufstieg. „Ein Regierungschef kann nicht einfach so durchregieren“, sagt Manuela Glaab. „Er muss auch moderieren können.“ Nach außen hin hart aufzutreten, kann zwar in bestimmten Situationen opportun sein. Doch nur mit Härte funktioniert keine politische Karriere. So ist etwa der oftmals als Hardliner bezeichnete hessische Ministerpräsident Roland Koch durchaus auch bei vielen sozialdemokratischen Politikern ein geschätzter Gesprächspartner, weil er kooperativ und im Umgang gewinnend sein könne, wie gelegentlich auch Genossen zugeben; öffentlich sagen würde das bloß keiner, schließlich gibt Koch für seine politischen Gegner ein wunderbares Feindbild ab.
Zu erkennen, wann Kampf sich lohnt und wann es besser ist, darauf zu verzichten, ist nach Meinung von Glaab entscheidend für Politiker. „Man muss wissen, wann es klüger ist, eine Entscheidung zu vertagen.“ Da sei das „Aussitzen“, für das Helmut Kohl berühmt war, nicht immer die schlechteste Methode. „Es kann sinnvoll sein, eine frühe Festlegung zu vermeiden und abzuwarten, bis sich Mehrheiten ergeben – um sich dann an die Spitze der Bewegung zu setzen“, sagt die Wissenschaftlerin. Mit Geduld ist es Kohl auch gelungen, sich gegen Franz-Josef Strauß durchzusetzen, seinen Konkurrenten im eigenen Lager. Nachdem er es bei der Bundestagswahl 1976 schon einmal versucht hatte, trat er 1980 nicht wieder als Herausforderer von Bundeskanzler Helmut Schmidt an; das überließ er Strauß, dessen Scheitern absehbar war. Schon zwei Jahre später kam Kohl zum Zuge.   
Einen sanften Übergang in die Zeit ohne Macht gibt es für Politiker nicht. Es geht Knall auf Fall. Was unmittelbar nach einer verlorenen Wahl kommt, ist vor allem Abwicklung. Die Entwöhnung kann dann dem Drogenentzug gleichen. Die Therapie ist nicht selten das Verfassen der Memoiren. Schröder hat seine auf der Nordseeinsel Borkum geschrieben. „Das Buch hat ihm geholfen, die Ereignisse seiner Kanzlerzeit noch einmal zu durchleben“, sagt Béla Anda. Kohl hat neun Kanzlerjahre mehr zu durchleben als Schröder: Er bereitet derzeit den vierten Band seiner Erinnerungen vor. Darin geht es auch um die Zeit des Machtverlusts – und die bitteren Tage, in denen er im Bundestag ausgelacht wurde.

Bernd Arnold

Die Bilder dieser Titelgeschichte entstammen dem Bildzyklus „Macht und Ritual“ des Fotografen Bernd Arnold. Arnold lebt und arbeitet in Köln.

www.berndarnold.de