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Screenshot: www.politico.eu 24.04.2015
Medien

Machenschaften und Manöver

Wenig glamourös, aber journalistisch solide – am Montag ist die europäische Version des Nachrichtenportals „Politico“ online gegangen, im Verlauf der Woche folgten Newsletter und Printausgabe. Eine Analyse

Von Anne Hünninghaus

Am Ende war es dann doch wenig überraschend, wer zum Start von politico.eu Anfang der Woche zur Galionsfigur auserkoren wurde. Jean-Claude Juncker in Print und Online – ohne den "EU-Coverboy" ginge es dann doch nicht, lästerte sogleich "Spiegel Online". Nun ja, ob es auf europäischer Bühne zurzeit an spaltenden oder alle vereinenden Charismatikern mangelt, sei dahingestellt. Doch auf brisante Geheimnisse und Überraschungen aus dem Mikrokosmos EU wartet man bei dem US-Export bisher vergeblich.

Europäische Momentaufnahmen

"Politico is an up-to-the-moment, multi-platform news organization", so lautet die Selbstbeschreibung des Joint Ventures aus dem US-Nachrichtenportal und dem Springer-Verlag, die neben dem Newsroom in Brüssel auch Büros in Berlin, London und Paris unterhält. Die knapp vierzig Journalisten stammen von vier Kontinenten.

Momentaufnahmen möchte man vor allem Online bieten und mithilfe des täglich verschickten "Playbooks", dem Newsletter von Ryan Heath, ehemaliger Sprecher der EU-Kommissarin Neelie Kroes. Dort werden – wie der Name suggeriert – Neuigkeiten aus Brüssel in lockerer Sprache ("Greece + Gazprom = Headache") vermittelt, Wortspiele und Smileys inklusive.

Während die frei zugängliche Homepage in ihrer Aufmachung zwar nicht sonderlich innovativ, aber dennoch gut strukturiert ist, wirkt der Newsletter wenig einladend und leserfreundlich. Die Liste der Themen und verlinkten Artikel ist – gemessen an der Erscheinungsweise – zu lang, auf Bilder und Farben verzichtet man komplett.

Die Themen der ersten Ausgaben reichen von der "Griechischen Tragödie" über den "Rhetorischen Krieg" im britischen Wahlkampf, dazwischen tauchen immer wieder News zu Gazprom und zu Juncker auf. Künftig soll es auch politische Newsletter zu den Politikfeldern Gesundheit, Technologie und Energie geben.

Google, Grexit, War

Auch in der in dieser Woche erstmals erschienenen Printausgabe, die künftig jeden Donnerstag mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren in Umlauf gebracht wird, vermisst man eine einheitliche Bildsprache. Vereinzelt gibt es starke Bilder und gelungene Layouts, dazwischen eröffnen sich allerdings immer wieder Bleiwüsten.

Zum Inhalt: Die Seite eins der gedruckten Erstausgabe hebt vor allem Reizworte in die Schlagzeilen– Krieg (gemeint ist der Konflikt zwischen dem französischen Präsidenten François Hollande und NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg über eine mögliche Erweiterung des Verteidigungsbündnisses), Google, Grexit. Die Themen werden dort jedoch nur angerissen. Was im Halbsatz abbricht, lässt sich erst auf den letzten Seiten der Zeitung weiterlesen. Weiter geht es mit Ryan Heaths Gossip- und Anekdotensammlung "Playbook Plus". Auf ein Porträt der EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager („eine stylische, ehrfurchtslose 47-jährige Mutter von drei Kindern“) und einer Zitatesammlung von – natürlich! – Jean-Claude Juncker folgen Lobby-Themen in den Rubriken Technology (Uber), Energy (Gazprom) und Health Care.

Es solle menscheln, hatte Executive Editor Matthew Kaminski, angekündigt und das tut es auch. Doch teilweise changiert das sehr Personengebunden-Emotionale schon in Richtung Boulevard. So wird im Artikel über Armenien unter anderem der Besuch von Kim Kardashian, US-Amerikanischer Reality-Star mit armenischen Wurzeln, thematisiert. Zudem erscheint der Beitrag unter der fragwürdig verknappt bezeichneten Rubrik "Clash of Cultures".

Schlaglichter einer Gemeinschaft

Ein Highlight der ersten Printausgabe ist Josef Joffes Beitrag über die "sisters-in-spirit" Angela Merkel und Hillary Clinton. Der „Zeit“-Herausgeber beleuchtet die Begeisterung unseres Kontinents für US-Präsidentschaftskandidatin, den "European Hillarism" und untersucht die Gemeinsamkeiten beider Frauen ("Ihre [Merkels, Anm. d. Red.] politische Überzeugung ist so flexibel wie Clintons und ihre Gabe, mit der Wählermeinung zu gehen, hat ihr gute Dienste erwiesen").

Ein ungewöhnliches und spannendes Format ist der "Future Shock" zum Thema "Moscow in 2025". Der russische Kriminalschriftsteller Grigori Tschchartischwilis entwirft unter dem Staatssymbol des doppelköpfigen Adlers zwei ganz persönliche Zukunftsszenarien seiner Heimatstadt – einmal als Folge einer zunehmenden russischen Isolierung unter Putin, einmal unter Voraussetzung "einer Rückkehr zur Normalität".

Der Großteil der Artikel ist journalistisch überzeugend und gibt Aufschlüsse über europäische Identitäten. Dennoch findet der von den Verantwortlichen im Vorhinein stets betonte Blick über den nationalen Tellerrand in der Printausgabe in Grenzen statt. Ein Brite schreibt aus britischer Perspektive über UKIP, die ukrainische Finanzministerin Jaresko über die Zukunft der Ukraine. Das ist eine informative Sammlung europäischer Schlaglichter. Es fehlen mitunter jedoch die innereuropäischen Verbindungen, der Versuch, aus einem Flickenteppich journalistischer Berichterstattung ein großes Ganzes zu weben.

Der Brüsseler Newsroom

Von 32 Seiten der Polit-Zeitung entfallen elf auf ganzseitige Anzeigen und einen fragwürdigen "Sponsored Content" von General Electric. Eine stolze Zahl. Wie attraktiv die "Lokalzeitung für Europa" (Zeit Online) für Anzeigenkunden wie Philips und Vodafone in einigen Monaten sein wird, bleibt zu beobachten.

Politico ist ein Experiment. Ob es gelingt, das Erfolgskonzept von Washington nach Brüssel zu exportieren, muss sich erst noch zeigen. Zwar ist das Interesse der Europäer an Persönlichkeiten, Machtstrukturen und politischer Kultur hierzulande nicht geringer, dennoch muss sich Brüssel als Europas Hauptstadt – inklusive eines Hauptstadtmediums – erst noch etablieren, um sich mit dem Modell Washington messen zu können.