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Er war am Zug: Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin (1870-1924). Foto: Wikimedia Commons / NeverCry
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Lenins Züge: Die große rote Roadshow

Nach der Revolution 1917 wagten die Sowjets kreative Experimente, um die Bürger für den Aufbruch zu mobilisieren. p&k Historie – Teil 26 der Serie.

von Marco Althaus

Russland ist groß, der Kreml weit. Die Macht in den Metropolen zu erputschen, war für Lenins Leute leichter, als das Riesenreich zu halten. Es taumelte in den Bürgerkrieg. Täglich wuchsen die Fliehkräfte. Die Drähte zur Peripherie baumelten lose, das Regime blieb unsichtbar. Das bedrohte das Ziel der Revolutionäre. Nicht Untertanen verwalten wollte die KP, sondern die Gesellschaft umerziehen und zum Aufbau mobilisieren. Doch davon wussten die Leute in den Weiten des Landes so gut wie nichts.

Einziges Massenmedium war die Presse. Die KP riss schnell private Zeitungen, Verlage und Druckereien an sich. "Die Bolschewiken waren Journalisten, bevor sie Staatsführer waren", erinnert Sowjetologe James von Geldern: "Zeitungen waren ihre Lebensadern." Für Lenin waren sie "kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator".

Doch jenseits der Großstädte war das Massenmedium Presse nun ein Totalausfall. Es erstickte an Papier- und Anzeigenmangel. 1922 sank die Auflage der nur noch 300 Zeitungen auf 990.000 – bei 147 Millionen Bürgern. Lokalblätter starben wie die Fliegen. In der Provinz eine aktuelle "Prawda" oder "Iswestija" zu ergattern, war wie Lottospielen. Überdies konnte die Hälfte der Städter, 80 Prozent des Landvolks nicht lesen. So setzte die Partei auf Bilder, Bilder, Bilder – und mobile Agitatoren. Aber auch die mussten erst einmal ankommen. Vom Militär kam die Idee einer Eisenbahnkampagne: Bepackt mit Medien und geschulten Teams, sollten Agitationszüge kreuz und quer das Land bereisen. Es war eine gute Idee. 1920 schrieb Arthur Ransome vom "Manchester Guardian": "Ich bezweifle, dass jemals ein effektiveres Propagandawerkzeug erfunden wurde."

Leuchtreklame und Kinematograph

Agitzüge hatten 100 Mann Besatzung und gut 15 Wagen. Ein Infotrupp plante Reden, Events und Verteilaktionen. Im Literaturwagen hatten Buchladen und Lesesaal Platz. Materialwagen fassten Paletten mit Plakaten, Flugblättern, Ratgeberheften. Im Funkwagen empfing die Telegrafenagentur Rosta Meldungen für die Bordzeitung. Der Druckereiwagen konnte 15.000 Exemplare täglich herstellen. Theater- und Musikgruppen reisten oft mit. Motorräder und LKW parkten im Garagenwagen für Visiten entfernter Dörfer. Das Team im Beschwerdewagen sammelte Bürgerbriefe.

Die Zugankunft wurde voraustelegrafiert. An den Haltestellen sangen Schulchöre, Kapellen spielten, Arbeiter und Soldaten grüßten mit Fahnen, abends mit lodernden Fackeln. Wenn der Generatorwagen hochfuhr und elektrische Leuchtreklamen ("Proletarier aller Länder…") aufflammten, raunte die Menge.

Kino als wichtigste Kunst

Aller Liebling war der Kinowagen. Er bot 100 Sitze und ein Klavier für den Stummfilmton. Am Tag zeigte er Kinderkino, abends zog die Crew für Erwachsene die Riesenleinwand im Freien auf. Oft hockten Tausende davor. Kaum einer hatte je Filme gesehen. Gebannt sahen sie Aufmärsche in den Städten, tagende Räte, ferne Führer wie Lenin und Trotzki. Deren Stimmen knackten von der Schallplatte. "Kino ist für uns die wichtigste der Künste", sagte Lenin. Für die Züge gab er knappe Devisen frei, um im Ausland Filmware und Projektoren zu kaufen. Die jungen Sowjetstudios lieferten Wochenschau und Kurzfilme: "Agitki", oft plotfreie Montagen mit simplen Botschaften. Sie waren die Wiege des großen Russenkinos.

Bunt bepinselt vom Puffer bis zur Dachrinne, war jeder Zug eine Großkulisse. Schon als der "literarische Frontzug Nr. 1 W. I. Lenin" Ende 1918 in Moskau aus dem Kursker Bahnhof rollte, bot er eine exquisite Wagengalerie: 16 Wände voll Konstruktivismus, Futurismus, Kubismus. Eine "Proletkult"-Künstlerbrigade verpackte den Politexpress in abstrakter Avantgarde-Ästhetik. Wilde Farbe, kühne Form – Verständlichkeit galt als reaktionär.

Tausend Werst weiter, im Land der Tataren, ging den Bauern jedoch der feine Kunstsinn ab. Die Muschiks gafften und lachten sich in die Bärte. "Die meisten Bilder waren fürs Volk unverständlich und wurden mit Erstaunen wahrgenommen", notierte Kampagnenchef Jakow Burow frustriert. Propaganda, die nicht verstanden wird, ist keine. Er kommandierte: überstreichen. Maßstab war nun der Gusto der Masse. Die Zugkulisse sollte volkstümlich erzählen, die Crew wie Bänkelsänger die Bilder erklären. Paradezug "Oktoberrevolution" war ganz Sowjetpop: Helden der Arbeit, Hammer in der Hand. Morgenröte über Werksanlagen. Rotarmee im Sturmangriff. Garstige Cartoons über den Klassenfeind. Andere Züge wirkten sagenhaft: Umflorte Bolschewiki auf rotem Ross stachen wie St. Georg Drachen nieder. Am Don dampfte "Roter Kosake" mit reichlich Reiterfolklore. Durch Turkestan tourte "Roter Osten" im Orient-Chic. Agitboot "Roter Stern" befuhr die Wolga verziert wie ein Osterei.

Kleiner Kreml im Bahnsteigdialog

Trotz äußerer Traditionsanleihen war die Aufgabe klar: Tempomacher für moderne Zeiten. Es galt, das rückständige Landvolk aus finsterer Vergangenheit zu reißen. Neben Marx und Poli-
tainment boten sie Leselernkurse oder Seminare zu Agrartechnik, Kinderpflege und Seuchenprävention. "Alle Regierungen haben euch nur im Dunkeln gehalten", verkündete ein Zugslogan, "der Sowjetstaat bringt euch das Licht."

Stets reiste ein kleiner Kreml mit. Emissäre der Ministerien, Partei und Geheimpolizei Tscheka nahmen bei jedem Stopp Kontakt zu Politik und Verwaltung auf. Die mobile Staatsaufsicht hatte Vollmacht zur Inspektion und Ad-hoc-Entscheidung. Sie war Politikberatungsteam und Petitionsausschuss. Sie reorganisierte und enthob Beamte ihrer Posten, wenn das Volk über Korruption und Inkompetenz klagte. Sie zeigte offenes Ohr, ließ freie Rede und Kritik zu. Ein bürgerschaftlicher Raum entfaltete sich rund um die Vehikel. Sie waren, urteilt Kenner Robert Argenbright, "eine rollende Staatsreformkampagne" und die "offenste, direkteste, effektivste Öffentlichkeitsarbeit, die das kommunistische Regime je betrieb."

Ende 1920 las sich die Zwischenbilanz für zwei Jahre so: Auf 20 Touren legten fünf Züge und ein Schiff 775 Stopps ein. Sie weilten 659 Tage in 285 Städten, 468 Dörfern, 14 Werken. Sie hielten 1900 Versammlungen mit 2,75 Millionen Teilnehmern ab. 1000 Lehrvorträge zählten 25.000 Besucher. 100 Konzerte und 1900 Filmvorführungen zogen 2,2 Millionen an, 165.000 kamen zu Ausstellungen. Die Crews verteilten 1,6 Millionen Zeitungen und 1,4 Millionen Flugschriften. Der Polittross traf 1300-mal mit Amtsspitzen zusammen, 3500-mal mit KP-Zellen und anderen Gruppen. Er nahm sich 15.000 Bürgereingaben an.

"Lenins Züge", wie der Volksmund sie nannte, waren beliebt und erfolgreich. Mehr Bahnen und neue Routen waren geplant. Doch Moskaus Nomenklatura misstraute dem offenen Stil. Als 1921-22 der Hunger wütete, hieß es, der Anblick der "Luxuszüge" provoziere darbende Bauern. Die KP stehe für Ernsthaftigkeit, Opferwillen, Disziplin, feste Strukturen. Für "Spielzeug" sei kein Platz mehr. Whistlestop-Kommunismus und Bahnsteigdialog galten nun als "Agitation alten Typs". Der neue gehörte Großkollektiven und Massenmedien. Nach Lenins Tod 1924 ging in Zentralasien der letzte von "Lenins Zügen" auf die finale Reise.

Marco Althaus

ist Professor für Sozialwissenschaften an der Technischen Hochschule Wildau (Foto: privat).