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Das Wissen in Wikipedia steht im Visier von PR- und Lobbygruppen, Grafik: Collage com.plot, Wikipedia-Logo (c) Wikimedia/nohat

"Lasst die Finger von Wikipedia"

Wikipedia gehört weltweit zu den Top Ten der beliebtesten Internetseiten. Der Einfluss der Online Enzyklopädie auf die Meinungsbildung der Öffentlichkeit wächst stetig. Das macht Wikipedia attraktiv für Manipulationen von PR- und Lobbygruppen. In welcher Qualität das geschieht, offenbart eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung. p&k sprach mit dem Autor Marvin Oppong.

Interview: Christina Bauermeister

p&k: Herr Oppong, in Ihrer Fall-Studie „PR in Wikipedia“ kommen Sie zu dem Ergebnis, dass PR in Wikipedia weit verbreitet ist und es sogar einen regelrechten Markt gibt. Agieren Unternehmen beim Editieren von Artikeln professioneller als Politiker bzw. Parteien?

Marvin Oppong: Ja, mein Eindruck ist, dass Unternehmen das in der Tat professioneller angehen, indem sie etwa PR-Agenturen als sogenannte Paid Editors, also bezahlte Auftragsschreiber, beauftragen. In den Fällen, die bisher aus der Politik bekannt sind, kamen die Änderungen hingegen von IP-Adressen des Bundestages oder des Landtages Nordrhein-Westfalen. Daraus folgt, dass offenbar häufig Mitarbeiter von Abgeordneten dahinter stecken.

Was waren das für Fälle?

Durch den Wiki-Scanner (einem Tool, mit dem sich z. B. identifizieren lässt, welche Änderungen von IP-Adressen eines Unternehmens vorgenommen wurden) wurde bekannt, dass in größerem Umfang Artikel aus den IT-Netzen von SPD und CSU in Wikipedia editiert wurden. Dabei kam heraus, dass von einer IP-Adresse, die der CSU gehört, ein ganzer Abschnitt über Misserfolge und Kritik in dem Wikipedia-Eintrag über Johannes Rau neu eingefügt und bearbeitet wurde. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass die Grenze zwischen Imagepflege und Manipulation fließend ist.

In Ihrer Studie beschreiben Sie auch den Fall des FDP-Politikers Christian Lindner, dessen Wiki-Eintrag im Jahr 2012 mehrfach geändert wurde

Bei Christian Lindner wurden die Änderungen von einer IP-Adresse des Düsseldorfer Landtages aus vorgenommen. Nach einem Bericht der „WirtschaftsWoche“ teilte der Sprecher der NRW-FDP mit, es gebe in dem Eintrag immer wieder sachlich falsche Tatsachenbehauptungen, etwa zu Herrn Lindners früherer Berufstätigkeit und seiner Konfessionszugehörigkeit. In diesen Fällen habe man Korrekturvorschläge an Wikipedia gesendet. Bei strittigen Fragen habe man sich auf der Diskussionsseite klar zu erkennen gegeben.

Rätsel gab Ihnen bei der Recherche auch der Autor „7Pinguine“ auf, der seit Mitte 2007 circa 14.500 Bearbeitungen an Wikipedia-Einträgen vornahm und 95 neue Artikel einstellte, die ganz verschiedene Bereiche betrafen….

Ja, der Autor „7Pinguine“ hat in Wikipedia schlimmer herummanipuliert, als es der ADAC bei seinen Tests getan hat. Er hat beispielsweise Angaben zu einer FDP-Parteispende weggestrichen, löschte Angaben über einen ARD-Bericht über mutmaßliche Ausländerfeindlichkeit bei der Sportkette McFit und strich kritische Passagen in den Einträgen von Nestlé oder der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

Was verbindet all diese Fälle?

Er hat sehr häufig kritische Dinge über Unternehmen oder Einzelpersonen aus den Wiki-Einträgen herausgestrichen.

Und es war nicht herauszufinden, wer hinter dem Pseudonym steckt?

Nein, der Autor selbst gibt dazu keine Auskunft und ich konnte seine Identität trotz intensiver Recherchen bisher nicht aufdecken. Ich weiß nur, dass der Autor mir Stellungnahmen über eine IP-Adresse geschickt hat, die zur Trumpf-Gruppe führt.

Ist der Autor nach wie vor aktiv?

Nach einem Artikel von mir über ihn in der „Financial Times Deutschland“ hat er einige Wochen später sein Konto auf Wikipedia sperren lassen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass der Autor wiederkehrt oder andere Accounts auf Wikipedia hat.

Wie kann man künftig solche Manipulationen verhindern?

Unternehmen sollten verpflichtet werden, ihre Accounts in Wikipedia offenzulegen. Ihnen sollte es nicht länger erlaubt sein, verdeckt mit Fantasie-Accountnamen zu agieren. Wenn sie dies tun, ist dies meines Erachtens ein klarer Verstoß gegen den Code de Lisbonne, der vorsieht, dass PR-Aktivitäten offen durchgeführt und eine klare Quellenbezeichnung tragen müssen.

Was raten Sie Journalisten, die in Stresssituationen häufig auf Wikipedia zurückgreifen?

Ich kann nur sagen: Lasst die Finger von Wikipedia. Es sei denn, man kann bestimmte Aussagen über Fußnoten mit anderen verlässlichen Quellen verifizieren.

Marvin Oppong

Jahrgang 1982, ist freier Journalist und Dozent aus Bonn. Im Fokus seiner Berichterstattung stehen Korruption, Lobbyismus, Datenschutz und Medienthemen. Zu seinen Spezialfeldern gehören das Informationsfreiheitsgesetz, Datenjournalismus und Werkzeuge für Internet-Recherchen (Foto: privat).