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Kostüm statt Hose

Welche Rolle spielen Emotionen im politischen Alltag? Über die ­Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Kommunikation.

Von Richard Schütze

Kostüm statt Hose und Anzug, die Haare lang und lockig statt streng gescheitelt oder nach hinten gegelt. Mit ihren helleren Brust- oder gar durchdringenden Kopfstimmen versuchen sie, den Ton anzugeben und sich auch gegen männliche Bauchstimmen durchzusetzen.
Frauen in Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sind immer noch eine Minderheit. Ihr Erfolg hängt auch von der Entfaltung eines selbstbewussten und authentischen Kommunikationsstils ab. Eine Analyse von klassischen Mustern des männlichen Kommunikationsverhaltens kann wertvolle Hinweise für die Entwicklung der eigenen Rhetorik geben.
Männer agieren zumeist auf der Sachebene und formulieren kognitiv bewusster als Frauen. Sie sind auf hierarchische Rangkämpfe fixiert und treten entscheidungsfreudiger und handlungsorientiert auf, um als heldenhafte Sieger die Arena zu verlassen. Auch der ehemalige Kanzler Schröder hat mit einer aggressiv männlichen Rhetorik in  der Fernsehrunde am Abend der Bundestagswahl 2005 versucht, Angela Merkel vom Kanzleramt wegzubellen.
Angela Merkel aber behielt die Nerven; sie sah sich mit dem klassischen Frauenproblem der Gleichstellung konfrontiert. Wie eine Löwin beobachtete sie das gesamte Szenario in seiner komplexen Vernetzung und wartete mit Einfühlungsvermögen geduldig auf den Kairos, jenen entscheidenden Zeitpunkt, um unaufgeregt das Schicksal beim Schopf zu erfassen. Wie schon bei der Verdrängung von Friedrich Merz und Wolfgang Schäuble vom CDU-Fraktions- und Parteivorsitz und der Durchsetzung von Horst Köhler als Bundespräsident hat sie auch hier gewonnen. Frauen haben häufig einen natürlicheren Zugang zu der Beziehungsebene: die Formulierung von Gefühlen fällt ihnen leichter, ihre Sprachkultur ist emotionaler. Mit ihrer körperbetonten Kommunikation können sie Interesse erregen oder auch verblüffen – wie Angela Merkel in ihrer Abendgarderobe mit Dekolleté. Dies kann ausgleichen, dass Männer mit ihren breiteren Schultern und den tieferen Stimmen im ersten Eindruck „sichtbarer“ als „natürliche“ Führungspersönlichkeiten erscheinen und mehr Sicherheit ausstrahlen.
Leider lassen sich Frauen von männlichen Erfolgsmodellen zuweilen dazu verleiten, diese nachzuahmen. So hat sich Bundeskanzlerin Merkel in diesen Monaten der Krise wieder von ihren Ausflügen in einen weiblicheren Kommunikationsstil verabschiedet und versucht in streng geschnittenen und eintönig gefärbten Hosenanzügen, ihrem schweren Gang und den nicht mehr so verschmitzten, sondern wieder ernsthaft männlichen Blicken wieder der erste Mann im Kabinett zu sein. Dabei wirkt sie körperlos und in ihrem Verhalten zögerlich abwartend und verliert an Präsenz.
Für Frauen und Männer aber gilt: Zutrauen zu der eigenen Persönlichkeit, zu sich selbst und zu dem, was das eigene Ich verkörpert, sind der Schlüssel zu einem erfolgreichen Auftritt.

Richard Schütze

betreut als Medien- und Politikberater und geschäfts­führender Gesellschafter der Berliner Unternehmensberatung Richard Schütze Consult Unternehmen, Verbände und Politiker.