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„Keine Subventionen für Verlage“

Wie kann Qualitätsjournalismus heutzutage noch finanziert werden? p&k sprach mit Christoph Keese, Cheflobbyist der Axel-Springer-AG, über die Zukunft der ­Verlage und den Rückzug von Finanzinvestor David Montgomery aus Deutschland.

Interview: Sebastian Lange

p&k: Herr Keese, seit einem Jahr sind Sie bei Springer als Cheflobbyist und nicht mehr als Journalist tätig. Haben Sie schon Entzugserscheinungen?
Christoph Keese: Nein, habe ich nicht. Ich bin im Herzen Journalist und bei Axel Springer dreht sich alles um Journalismus. Das passt gut.

Sie haben Ihre Public-Affairs-Abteilung kürzlich durch Dietrich von Klaeden verstärkt. Baut Springer die politische Arbeit aus?
Herr von Klaeden verstärkt unseren Bereich, worüber ich mich freue, da er gut vernetzt ist. Er kümmert sich um Deutschland, Florian Nehm betreut das Ausland. In Deutschland gibt es viel zu tun, denken Sie nur an den Rundfunkstaatsvertrag und die Debatte um die Online-Expansion von ARD und ZDF. Wichtige Teile der Medienpolitik fallen in die Zuständigkeit der 16 Bundesländer. Die Verstärkung ist hoch willkommen.

Als voriges Jahr über den Rundfunkstaatsvertrag gestritten wurde, hat Deutschlandfunk-Intendant Ernst Elitz einen Vorschlag gemacht: Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten zu Agenturen werden, die auch die Privaten und Verlage mit Inhalten beliefern. Sie haben Herrn Elitz zugestimmt – warum?
Ich glaube, Professor Elitz hatte etwas anderes im Sinn. Es ging ihm nicht darum, ARD und ZDF in Agenturen zu verwandeln, sondern darum, Beiträge der öffentlich-rechtlichen Sender auf Public-Domain-Lizenzen umzustellen und der breiten Öffentlichkeit zur Weiterverwendung anzubieten. Jedem Blogger und jedem anderen Bürger, aber auch Medienhäusern. Je größer die Weiterverbreitung, so sein Argument, desto wirksamer sei der öffentliche Rundfunk. Dieser Vorschlag hat etwas für sich. Auf Youtube und anderen Videoportalen werden Urheberrechte ständig verletzt. Ein Beispiel: Als Marcel Reich-Ranicki den Deutschen Fernsehpreis ablehnte, stand der Clip wenige Minuten später schon bei Youtube. Ein Sender wie damals das ZDF steht vor der Wahl, diese Zweitverwertung entweder zu tolerieren oder gegen sie vorzugehen. Schlägt ein Sender den ersten Weg ein, muss er sich bei den Urhebern die entsprechenden Rechte besorgen. Lizenzen nach dem Public-Domain-Modell wären ein möglicher Weg. Auf Dauer wird man die fortgesetzte Rechteverletzung im Internet nicht stillschweigend tolerieren können. Übrigens haben Deutschlandfunk und NDR gute Erfahrungen mit dem Public-Domain-Modell gemacht, mit dem sie bereits heute experimentieren.

Die WAZ-Mediengruppe kooperiert in Nord­rhein-Westfalen mit dem WDR. Die WAZ stellt Filmbeiträge des Senders auf das Internetportal „Der Westen“. Ist das auch für Springer ein Modell?
Wir machen das bisher nicht, haben allerdings auch noch Zweifel an der Kooperationsform. Es kann ja nicht der Weisheit letzter Schluss sein, einerseits ordentliche Honorare für Filmbeiträge zu zahlen, gleichzeitig aber große Wasserzeichen mit der Senderkennung hinnehmen zu müssen, die auf Druck der Öffentlich-Rechtlichen viel prominenter im Bild stehen als etwa bei Video-Nachrichten-Agenturen wie Reuters. Preise wie bei einer kommerziellen Agentur zu zahlen und gleichzeitig Logos in Werbegröße auszustrahlen – das passt nicht zusammen.

Sie stehen für die Einführung der Strategie „Online first“ bei der „Welt“. Hat sich diese Strategie bewährt?
Ja. Sie hat unsere Erwartungen erfüllt und übertroffen. „Welt Online“ ist von einer der hinteren Positionen auf dem Markt für nationale Nachrichtenseiten weit nach vorne gerückt und liegt heute vor den Seiten aller anderen Abozeitungen, vor den TV-Sendern und vor den Zeitschriften-Seiten, ausgenommen „Spiegel Online“. „Bild.de“ hat soeben die Schallmauer von einer Milliarde Page Impressions durchbrochen, „Computer Bild“, „Auto Bild“, „Abendblatt“ und zahlreiche andere unserer Angebote sind im Internet hoch erfolgreich. Die Strategie unseres Hauses geht auf. Sieben von zehn Springer-Online-Angeboten sind profitabel. Damit setzen wir Maßstäbe.

Viele Leser nutzen heute vor allem das Internet und lesen gar keine gedruckte Zeitung mehr. Die Abo-Erlöse machen bei den Zeitungen 40 Prozent der Erträge aus, doch im Internet sind die Inhalte frei. Wird Qualitätsjournalismus auf Dauer bezahlbar bleiben?
Verleger denken über neue Erlösquellen nach. Eine Refinanzierung von Qualitätsjournalismus im Internet allein aus Werbung ist schwierig. Als Problem erscheint zunehmend der schwache Schutz geistigen Eigentums im Internet. Daran sollte sich etwas ändern. Dennoch gibt es gute Nachrichten. Das Internet-Portfolio unseres Hauses im Ganzen entwickelt sich wirtschaftlich erfreulich.

Wenn das Urheberrecht Sie hindert, im Internet Geld zu verdienen, ist da dann nicht der Gesetzgeber gefordert?
Verlage bitten den Staat auch in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht um Subventionen. Das ist gut so und wird so bleiben. Wir könnten aber Unterstützung beim Schutz unseres geistigen Eigentums gut gebrauchen. Presseverlage sind die einzigen Werkmittler, die im deutschen Urheberrecht kein eigenes Leistungsschutzrecht genießen, anders als zum Beispiel in Großbritannien. Diese Gesetzeslücke ist inhaltlich nicht zu begründen. Alle anderen Werkmittler wie Filmproduzenten, Musikfirmen, Konzertveranstalter und sogar Datenbankanbieter genießen ein eigenes Leistungsschutzrecht – warum dann nicht Verlage?

Vor kurzem hat die Mecom-Gruppe von Finanzinvestor David Montgomery ihre deutschen Zeitungen verkauft. Ihm wurde vorgeworfen, er führe Zeitungen wie Konservenfabriken. Begrüßen Sie den Rückzug?
Es steht uns nicht zu, die Geschäftspolitik eines Wettbewerbers zu kommentieren. Manche Kritik wurde sehr schrill vorgetragen. Anerkennen muss man, dass hier ein Investor in Zeitungen investiert. Das ist heutzutage nicht selbstverständlich. Mecom hat den Wettbewerb in Hamburg und Berlin belebt, was gut ist. Wir freuen uns, mit dem Hause Dumont jetzt einen ebenfalls lebendigen Wettbewerber in Berlin und Hamburg zu bekommen.

Christoph Keese

ist seit April 2008 beim Axel-Springer-Verlag als Konzerngeschäftsführer Public Affairs tätig. Zuvor war er Chefredakteur der „Welt am Sonntag“ und von „Welt online“. Keese steht für den Ausbau des Online-Angebots der Welt-Gruppe, der unter dem Motto „Online first“ seit 2006 vorangetrieben wird. Der Journalist war von 2001 bis 2004 Chefredakteur der „Financial Times Deutschland“, die er mitbegründet hat. Der 1964 geborene Keese absolvierte die Henri-Nannen-Journalistenschule des Verlags Gruner & Jahr.