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Politik

Karriere im Turbogang oder Schleudersitz?

Zum Bremsen zu schnell: Diese vier Karrieren haben früh hohes Tempo aufgenommen – zwei davon fanden im neuen Amt ein ebenso jähes Ende. Teil drei unserer dreiteiligen Serie über die ersten 100 Tage im Amt

von Mirjam Stegherr

Der Rekord-Minister

Franz Josef Jung legte die bisher kürzeste Amtszeit eines Bundesministers in Deutschland hin. Wegen der Kundus-­Affäre als Bundesverteidigungsminister musste er nach 30 Tagen als Bundesarbeitsminister zurücktreten. Die kürzeste Amtszeit als Minister weltweit absolvierte Des Van Rooyen: Der südafrikanische Finanzminister wurde nach nur vier Tagen von Staats­präsident Jacob Zuma entlassen, weil es zu heftigen Marktturbulenzen kam. Anders als Jung verschwand Van Rooyen nicht aus dem Kabinett: Er ist jetzt Minister für Kooperative Regierungsführung und traditionelle Angelegenheiten.

Der Rekord-Sprecher

"Ich habe nicht geglaubt, dass ich zu lange bleiben werde, aber ich bin schon davon ausgegangen, dass ich mich länger halte als eine Packung Milch", sagt An­thony Scaramucci heute. "The Mooch" war im Juli zehn Tage lang Kommunikationschef des Weißen Hauses, bis er gehen musste – kürzer als jeder andere zuvor. Er hatte einen Reporter beim "New Yorker" angerufen und sich über die "Leaker" im Weißen Haus beschwert, die ihm keine Schonfrist gönnten. Überrascht zeigte er sich, dass seine harten Worte über Trumps Chefstrategen Steve Bannon und andere am nächsten Tag in der Zeitung standen – für einen Sprecher zu viele Kommunikationsfehler auf einmal.

Der Start als Hauptgeschäfts­führerin

Iris Bethge war 14 Jahre lang in der Kommunikation tätig, zuerst als Sprecherin von Ursula von der Leyen in Niedersachsen, dann im Bundes­familienministerium und seit 2009 beim Bundesverband deutscher Banken. Im Juli 2017 wechselte sie zur Konkurrenz: als Hauptgeschäftsführerin des Verbands Öffentlicher Banken. Eine Pause zwischen den Jobs gab es nicht, eine Schonfrist auch nicht: Die erste öffentliche Veranstaltung kam am ersten Tag, die erste Vorstandssitzung nach einer Woche. "Es war ein Aufgalopp, keine Aufwärmphase", sagt sie. Den Anspruch auf Schonfrist habe sie nicht. Sie habe sich neben dem Job vorbereitet und von ihren Wechseln vorab profitiert, um Prozesse und Probleme schnell zu erkennen.

Zum Start habe sie alle Mitarbeiter zusammengerufen, sich vorgestellt und gesagt, worauf sie Wert lege – vorrangig eine offene Kommunikation, vertrauensvolle Zusammenarbeit und Verbindlichkeit. "Wir können nur als Team Erfolg haben, gerade Verbandsarbeit ist kein Job für Einzelkämpfer", sagt Bethge. Sie hat regelmäßige Jour Fixe organisiert, fachliche Briefings mit den Experten angesetzt und Kommunikations­chef Dominik Lamminger in die Geschäftsführung berufen. Medieninterviews hat sie zurückgestellt. "Gut zuhören, genau hinsehen, viel nachfragen und vor allem lernen steht zu Beginn für mich im Vordergrund." Was ihr auffalle, ändere sie sofort. "Ich drehe viele kleine Rädchen. Den großen Aufschlag nach 100 Tagen brauche ich dazu nicht."

Der Start als MdB

Politisch aktiv ist Michelle Müntefering (SPD) seit 2002, in den Bundestag zog sie erstmals 2013 ein. Als Parlamentarierin müsse man überlegen, was man in vier Jahren erreichen wolle, nicht in 100 Tagen, sagt sie: "Politik ist ein Marathon und kein Sprint." Eine Bilanz hat auch sie gezogen, aber später. "Ich habe mich wählen lassen, um etwas zu erreichen, da muss ich prüfen, wie weit ich gekommen bin." Geplant hatte sie, sich für Kommunales und Finanzen zu engagieren, überrascht hat sie das Thema Außen­politik, für das die Fraktion sie um Hilfe bat. "Man kann sich seine Agenda nicht aussuchen wie auf einer Menükarte. Die politische Realität hält Überraschungen bereit", sagt sie. Das Thema war neu, die Herausforderung groß, aber es habe zu ihrem Grundsatz gepasst, nichts zu übernehmen, was ihr Mann, Franz Müntefering, als Minister vertreten hatte. Politik sei "Entscheidungsmanagement": "Wenn ich das politische Handwerk beherrsche, kann ich auch mit unterschiedlichen Themen umgehen." Am meisten geholfen haben ihr der Austausch mit der Fraktion und dem Team ("Politik ist ein Mannschaftssport"), die Erdung im Wahlkreis und die Erfahrungen aus dem Stadtrat. Falsch eingeschätzt habe sie, dass ein Tag im Parlament 14 Stunden dauern und sie nicht jeden Termin annehmen kann. Ihr Tipp für neue MdB: ein Rat, den ihr Mann ihr zum Start gegeben hat und den er damals von Herbert Wehner bekam: "Nur nicht austrocknen! Denken Sie da mal drüber nach."

Lesen Sie im ersten Teil der Serie: Tipps zum Start – so überlebt man die ersten 100 Tage. Warum es für neue Amtsträger keine Schonfrist gibt.

Lesen Sie im zweiten Teil unserer Serie: Mit schwierigen Anfängen kennt sich der ehemalige liberale Vizekanzler Philipp Rösler aus. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen.

Mirjam Stegherr

ist freie Kommunikationsberaterin und Journalistin. Zuvor war sie u. a. für den Verbraucherzentrale Bundesverband und Fischer Appelt tätig. (Foto: privat)