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Kampf um die Köpfe

Am 1. Juli wird die Bundeswehr zur Freiwilligenarmee. Erstmals seit über 50 Jahren muss sie um Soldaten werben – und stößt mit ihrer Kampagne auf Kritik.

von Florian Renneberg

Gerade einmal drei Wochen ist Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière im Amt, als er Ende März vor den Deutschen Bundestag tritt. In seiner Rede skizziert der Minister die Zukunft der Bundeswehr als Freiwilligenarmee. Es ist eine riesige Baustelle, die er von seinem Vorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg geerbt hat, und de Maizière macht deutlich: „Ich finde das keinen Freudenakt heute, dass wir die Wehrpflicht aussetzen.“ Dennoch zeigt er sich entschlossen, die Bundeswehrreform voranzutreiben – und die Wehrpflicht durch den sogenannten Freiwilligen Wehrdienst zu ersetzen. „Wir müssen sichergehen, dass wir die Fähigsten und die Besten für diesen neuen Freiwilligen Wehrdienst gewinnen“, sagt er.
Eine groß angelegte Werbe-Kampagne soll helfen, junge Menschen für den Dienst bei der Bundeswehr zu gewinnen. Dafür hat das Bundesverteidigungsministerium (BMVg) seinen Etat für Personalwerbung im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozent aufgestockt: Insgesamt stehen dem Ministerium 5,7 Millionen Euro zur Verfügung. Doch wie überzeugt man junge Menschen vom Arbeitgeber Bundeswehr? Militärische Disziplin, straffe Hierarchien und die Gefahr, in kriegerische Auseinandersetzungen zu geraten, sind nicht für jeden potenziellen Bewerber attraktiv. Im März traten gerade einmal 380 Rekruten ihren Dienst an, im April waren es immerhin etwa 900. Um die geplante Truppenstärke zu erreichen, sollen jährlich rund 15.000 junge Männer und Frauen mindestens ein Jahr lang freiwillig ihren Wehrdienst leisten. In TV- und Radiospots, in Zeitungen und auf Internetseiten wirbt die Bundeswehr um neue Rekruten.
Das Rezept scheint einfach: Die Armee, so die Botschaft der Kampagne, bietet jungen Menschen eine Karriere mit Zukunft. Sie lockt vor allem mit Weiterbildung und schnellen Beförderungen. Der Umgang mit Waffen, die körperlichen Belastungen der Grundausbildung oder Auslandseinsätze in Kriegsgebieten kommen in der Werbung so gut wie nicht vor. Auch ein Sprecher des Verteidigungsministeriums hebt die zivilen Vorzüge des Arbeitgebers Bundeswehr hervor: „Wir sind ein sicherer Arbeitgeber, der überall in Deutschland präsent ist und in die Aus-, Fort- und Weiterbildung seiner Angestellten investiert.“ Dieser Fokus stößt bei Militärexperten auf Kritik. „Die Bundeswehr ist kein Betrieb wie jeder andere, in dem die Angestellten bloß statt eines Blaumanns eine Tarnuniformen tragen – ein Engagement bei der Bundeswehr birgt immer das Risiko, in gewaltsame Auseinandersetzungen verwickelt zu werden“, sagt etwa Thomas Wiegold. Wiegold ist Journalist und berichtet seit den frühen 90er Jahren über die Bundeswehr. Seit vergangenem Jahr schreibt er in seinem Blog „Augen Geradeaus!“ über die Armee.
Auch in der im April angelaufenen Advertorial-Kampagne in „Bild“, „Bild am Sonntag“ und auf „Bild.de“ dominieren Aktenordner und Computer die Plakate: „Mein Aufgabenfeld lässt sich als ‚Kaufmann light‘ umschreiben und ist eigentlich ein normaler Bürojob.“ So beschreibt eine junge Frau ihren Alltag als Stabsdienstsoldatin in einer Luftwaffenkaserne. Ein junger Mann, der als Navigator auf einem Versorgungsschiff arbeitet, wirbt: „Wenn ich morgens den Sonnenaufgang auf See erlebe, weiß ich, dass ich den richtigen Job gewählt habe.“ Es ist vor allem „diese Fallhöhe zwischen Werbung und Einsatzrealität“, die Sascha Stoltenow bemängelt. Er kennt die Truppe von innen, war Fallschirmjägeroffizier und für die Armee im Jugoslawien-Einsatz. Heute ist er Berater bei der Kommunikationsagentur Script und schreibt im „Bendler-Blog“ über die Kommunikation sicherheitspolitischer Themen. „Die Spannung-, Spiel- und Spaß-Ideologie“, mit der die Bundeswehr um Rekruten werbe, versage den aktiven Soldaten die Anerkennung, kritisiert er: „Wir brauchen keinen Hurra-Patriotismus wie in den USA, aber ein aufgeklärtes Bewusstsein dafür, dass sich der Soldatenberuf von anderen abgrenzt.“
Nicole Karepin, Kommunikationschefin der Mediaagentur Zenithmedia, stellt klar, dass das Risiko für die Rekruten durchaus thematisiert werde. Die Agentur hat die Mediastrategie für das Verteidigungsministerium ausgearbeitet. Erst einmal gehe es jedoch darum, das Interesse der potenziellen Bewerber zu wecken, so Karepin. Im zweiten oder dritten Schritt würden die negativen Aspekte angesprochen. Sie vergleicht die Soldaten-Werbung mit der von Polizisten oder Medizinern: „Da werben Sie auch nicht damit, dass Sie eventuell jemanden erschießen müssen oder ihre Patienten sterben können. Es gibt Jobs, die riskanter sind als andere. Trotzdem ist es richtig, auch diese zu bewerben.“
Die Wehrpflicht hatte den Kampf um die Köpfe extrem erleichtert. Nun muss die Bundeswehr jeden Einzelnen von einem Engagement bei der Armee überzeugen. Wiegold: „Die Menschen schätzen die Bundeswehr zwar als Institution, bewusst nehmen sie sie aber nur wahr, wenn etwas schief geht – beispielsweise in Afghanistan.“ Gerade hochqualifizierte junge Menschen stehen der Bundeswehr oftmals gleichgültig oder ablehnend gegenüber. Eine Arbeit in der freien Wirtschaft bietet mehr Prestige und ist in der Regel lukrativer. Der Historiker Michael Wolffsohn warnte unlängst gar, die Bundeswehr werde zur Prekariatsarmee, in der die Armen und Perspektivlosen dienen.
Dass die Bundeswehr es schwer hat, hochqualifizierte junge Menschen für sich zu gewinnen, bezweifelt kaum jemand. Auch im BMVg sind sich die Verantwortlichen dieses Problems bewusst: „Es gibt ein Gefälle zwischen strukturstarken und -schwachen Regionen“, so ein Sprecher. Die Warnung Wolffsohns vom Prekarier in Uniform hält er jedoch für unbegründet. Dennoch steht die Bundeswehr vor einer großen Herausforderung, will sie für alle Gesellschafts- und Bildungsschichten attraktiv sein. „Das kann das Verteidigungsministerium nicht anordnen“, so Blogger Stoltenow, „sondern es muss sich die Anerkennung der Bevölkerung in einem stetigen Diskurs erarbeiten.“
Bis zu 185.000 Soldaten sollen in der reformierten Bundeswehr ihren Dienst tun. Als Thomas de Maizière Ende März zu den Abgeordneten des Deutschen Bundestags spricht, relativiert er dieses Ziel: „Ich werde keine Zahlen nennen, von denen ich glaube, dass sie am 1. Juli den neuen Freiwilligen Wehrdienst antreten werden. Ich freue mich über jeden, der kommt.“