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Kämpfe, Nerd!

Mit Kampagnenplattformen wie der „Digitalen Gesellschaft“ organisiert sich die Lobby der Netzgemeinde. Doch setzen Teile der Community lieber auf die „Weisheit der Vielen“ – oder auf den langen Marsch durch die Institutionen.

Von Sebastian Lange

Wenn die „Tagesthemen“ oder das „Heute-Journal“ über Netzthemen berichten, dann sieht der Zuschauer immer öfter einen freundlich lächelnden Mittdreißiger mit Brille, der ihnen erklärt, was Internetsperren sind, oder was Wikileaks eigentlich macht. Der Mann, den die Fernsehredakteure wahlweise als „Blogger“ oder „Internetaktivisten“ bezeichnen, heißt Markus Beckedahl und ist inzwischen bei Journalisten ein gefragter Experte. Beckedahl ist Autor des Blogs netzpolitik.org und weiß, wovon er spricht – vor allem aber kann er sich ausdrücken, und das unterscheidet ihn vom gemeinen Nerd.
Netzpolitik war bis vor drei Jahren selten ein Thema für die Mainstream-Medien, doch seit der Zensursula-Kampagne gegen Netzsperren und dem Achtungserfolg der Piratenpartei bei der Bundestagswahl sehen die Redaktionen, wie wichtig diese Themen für die Gesellschaft geworden sind.

„Campact“ als Vorbild

Der so häufig interviewte Beckedahl befasst sich seit Jahren mit Netz-Themen, er ist Mitveranstalter der jährlichen Blogger-Konferenz „Republica“ – und inzwischen ist er zum politischen Aktivisten geworden. Im April gründete er mit Gleichgesinnten den Verein „Digitale Gesellschaft“ (Digiges), der sich als Bürgerrechtsorganisation versteht und sich für eine „offene und freie digitale Gesellschaft“ einsetzt, so die Selbstbeschreibung. Auf der Agenda stehen der Kampf gegen Netzsperren, gegen Vorratsdatenspeicherung und für Netzneutralität. Ein Vorbild nehmen die Aktivisten sich an den Strategien von „Campact“, der schlagkräftigen Kampagnenplattform, die onlinegestützt zum Beispiel gegen Panzerexporte und gegen Atomkraft kämpft.
In persona anzutreffen ist der Netzaktivist an seinem Arbeitsplatz bei der von ihm mitgegründeten Agentur Newthinking, die in klassischen Hinterhofbüros in Prenzlauer Berg arbeitet. Beckedahl spricht so, wie er im Fernsehen spricht: bedächtig, meist verbindlich lächelnd. „Netzpolitische Kampagnen waren bisher eher reaktiv und von Nerds für Nerds gemacht“, sagt er. „Das Problem ist, dass die Netzgemeinde heute gegen Internet­sperren kämpft und morgen, wenn ein neues Computerspiel auf den Markt kommt, den Kampf erstmal wieder einstellt“, sagt er. Die neue Kampagnenplattform soll die Aufmerksamkeit nun kontinuierlich hoch halten und so medienwirksam sein, dass auch die auflagen- und quotenstarken Medien sie wahrnehmen. Nach der TV-Präsenz ihres Vordenkers zu schließen, ist das bereits gelungen.
Doch hat die Community die Eigenart, Menschen, die ihrer Meinung nach zu hoch fliegen, schnell wieder herunterzuzerren. Statt sich womöglich zu freuen, dass ihre Themen auf stärkere Resonanz stoßen, gingen einige Kommentatoren die „Digitale Gesellschaft“ erst einmal frontal an. So ergoss sich Kritik in einer Vielzahl von Twitter-Nachrichten über den Verein, und ein Blogger verirrte sich zu der Äußerung, Beckedahl sehe sich als „Kaiser des Internets“, die Digiges sei gar ein „faschistischer Kreis“. „Shitstorm“ nennt die Netzgemeinde so etwas. Sachlicher, aber immer noch deutlich stellte der Blogger Robin Meyer-Lucht auf Carta.info die Legitimation der Digiges in Frage: Er warf ihr ein „anmaßendes und politisch naives Öffentlichkeits- und Vertretungskonstrukt“ vor. Der Verein „inszeniere sich als Sprachrohr“, und das mediale Establishment ginge ihm prompt „auf den Leim“.
Hatten die Kampagnenmacher womöglich unterschätzt, wie sehr die Community sich als Basis-Bewegung versteht und sich im Besitz der „Weisheit der Vielen“ wähnt? Dass „die Vielen“ sich wie ein Fischschwarm organisieren und der Politik auch ohne Lobbyisten zeigen könnten, was eine Harke ist? Die Kampagne gegen das von der damaligen Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen initiierte Sperren von Kinderpornografie-Seiten muss dafür häufig als Beispiel herhalten. „Der Glaube an die reine Lehre der Schwarmintelligenz ist falsch“, meint Beckedahl. Internetprojekte, die sich das Wissen der Masse zunutze machen, seien nie reine Basisbewegungen: „Erfolgreiche Open-Source-Projekte organisieren Strukturen, so läuft es auch bei Wikipedia, wo es zwei-, dreihundert Autoren mit besonderen Rechten gibt.“ Tatsächlich sehen Kampagnenprofis bei Parteien und Verbänden den Vorteil des Online-Campaignings vor allem darin, viele Mitstreiter zum Mitmachen zu befähigen, neudeutsch: zu „enablen“. Im Juli hat die Digiges denn eine erste konkrete Kampagne gestartet: für Netzneutralität, also die Gleichbehandlung der Daten aller Internetnutzer durch die Provider. Eine Stiftung hat dafür 9500 Euro gespendet.