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Jenseits der Verbände

Große Verbände haben immer mehr Probleme, schlagkräftig die mannigfaltigen Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten – so entdecken Konzerne die Informationsplattform für sich.

Von Prof. Ulrich von Alemann und Dr. Florian Eckert

Auf den ersten Blick erscheint alles ganz einfach: Die Vermittlung von Interessen müsste in Deutschland problemlos erfolgen. Schließlich leben wir in einer organisierten Gesellschaft, in der unterschiedlichste Belange von verschiedenen Akteuren gebündelt und formuliert werden. Hierbei kommt bislang den Verbänden eine zentrale Aufgabe zu. Sie repräsentieren diverse Zielsetzungen, welche in unserem Gemeinwesen existieren. Verbände sind so Ausdruck unserer gesellschaftlichen Vielseitigkeit. So weit so gut, die Maschinerie der Interessensvermittlung scheint gut geölt zu laufen. Zumindest theoretisch.
Denn in der Praxis ist Sand in ihr Getriebe gekommen. Soziale, wirtschaftliche und politische Zusammenhänge wandeln sich immer schneller. Stichwort Globalisierung und Europäisierung. Sie führen zwar zu neuen Beteiligungsmöglichkeiten und Chancen, Interessen zu äußern. Zugleich sind komplexere und voraussetzungsreichere Entscheidungsprozesse Folge der Entwicklung. Das Geschäft der Interessensvermittlung ist unübersichtlicher geworden, neue Akteure treten auf den Plan. Um eigene Ziele wirkungsvoll zu vertreten, genügt Verbänden die nationale Bühne meist nicht mehr. Wollen sie erfolgreich sein, müssen sie zumindest auch auf dem europäischen Parkett professionell agieren. Die neue Unübersichtlichkeit an Spielregeln und Mitspielern, an Geschwindigkeiten und neuen Zusammenhängen hat sich längst bemerkbar gemacht und die Interessenvertretung erschwert.
Verbände müssen heute gegenüber einer wachsenden Konkurrenz bestehen, um sich im vielstimmigen Chor der Interessen Gehör zu verschaffen. Dies gelingt nur, wenn sie flexibel, kreativ und pointiert ihre Ziele verfolgen. Kein Wunder also, wenn die Maschine der Interessensvermittlung ins Stocken gerät.

Mannigfaltige Interessen

Gerade neue Anforderungen bringen die Schwächen der Verbände zum Vorschein: Denn große Organisationen sind dazu verdammt, mannigfaltige Interessen ihrer Mitglieder zu kanalisieren. Hierin besteht das große Problem der traditionellen Interessenvermittlung: Je vielschichtiger die Interessenlage innerhalb eines Verbands, desto komplizierter ist es, allen Belangen gleichermaßen gerecht zu werden – eine Herkulesaufgabe. Denn Verbandsmitglieder können unterschiedliche Ziele haben, die sie mit unterschiedlichen Strategien und Taktiken verfolgen. Diese Interessenvielfalt innerhalb eines einzigen Verbands ist kaum zu vereinen. Das wissen auch die Verbände, weshalb sie beim Agenda-Setting zur Auswahl gezwungen sind. Dadurch laufen sie allerdings Gefahr, Belange von Minderheiten innerhalb ihrer Organisationen zu vernachlässigen. Das gefährdet den inneren Frieden, ein Loyalitätsverlust ist die Folge.
Damit jedoch nicht genug: Große Verbände zeichnen sich durch komplexe Strukturen und Hierarchien aus. Bevor es überhaupt zur Themenauswahl kommt, müssen die Entscheidungsebenen innerhalb des Verbands konsultiert werden. Solche Abstimmungsschleifen bremsen die Beschlussfindung. Im Ergebnis können zahlreiche Verbände nur unflexibel auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren. Ihre eigene Struktur legt ihnen Fesseln an und macht sie zu lethargischen Wesen. Doch Globalisierung und Europäisierung, wachsender Konkurrenzdruck und die steigende Zahl von Entscheidern auf der politischen und wirtschaftlichen Bühne lassen ihnen hierfür keine Zeit.
Wollen Verbände langfristig in der Interessenvermittlung eine zentrale Position einnehmen, müssen sie sich wandeln, sich reformieren.
Doch wie soll eine erfolgreiche Reform aussehen? Eine Möglichkeit ist die Neugründung: Der Verband der Cigarettenindustrie löste sich nach monatelangem Streit, der im Austritt des Branchenführers Philip Morris gipfelte, auf. Er gründete sich als Deutscher Zigarettenverband (DZV) neu. Doch Philip Morris setzt weiter auf den Alleingang, weshalb der DZV jetzt nur noch 60 Prozent des deutschen Zigarettenmarkts repräsentiert. Eine Neugründung war in diesem Falle nicht zweifelsfrei erfolgreich.

Mitgliederschwund

Doch auch Beharren auf gegebenen Strukturen ist nicht zwingend von Vorteil. Als Beispiel kann der Deutsche Brauer-Bund (DBB) genannt werden, ihm laufen die Mitglieder davon: Neben dem größten deutschen Bierhersteller, der Radeberger-Gruppe, haben auch Krombacher und Warsteiner dem DBB den Rücken gekehrt. Warsteiner hat seinen Austritt mit einer „ausbleibenden, zeitgemäßen Reorganisation der Verbandsstrukturen“ begründet.
Verbände sind also kaum zu beneiden: Ob Reorganisation oder Wahrung des Status quo – einen Königsweg gibt es nicht. Was jedoch für Verbände ein Problem ist, muss nicht für die Vertretung von Interessen im Allgemeinen gelten. So bieten gerade Probleme der Verbände Chancen für alternative Formen der Interessensvermittlung. Eine effektivere Vermittlung eigener Belange setzt vor allem eine einfachere Struktur und eine Begrenzung auf Kernthemen voraus.
So genannte Informationsplattformen bieten diese Voraussetzungen: Sie unterscheiden sich von Verbänden dadurch, dass sie sich auf einen Themenbereich konzentrieren und zugleich eine überschaubare Zahl von Mitgliedern haben, welche sich durch eine gleiche Interessenslage auszeichnen. Da allein das Interesse entscheidend für eine Mitgliedschaft ist, können sie bewusst Mitglieder aus unterschiedlichen Branchen integrieren. Dadurch besitzen sie einen entscheidenden Vorteil gegenüber Verbänden: Für Informationsplattformen ist die Positionsfindung leichter möglich. Die Plattformen können Interessen zielgerichteter und schneller formulieren. Sie sind ein sinnvolles wie ergänzendes Instrument, um eine lebendige Interessenformulierung zu gewährleisten. Aber auch wenn ihre Bezeichnung zunächst auf eine reine Informationsvermittlung schließen lässt, so verbergen sich hinter ihren Fassaden – meist industriepolitisch geleitete – konkrete Interessen, welche durch die Plattformen in der Öffentlichkeit vertreten werden. Sie wollen nicht ausschließlich informieren, sondern idealerweise ihre Interessen durchsetzen. Plattformen sind so zunächst ein weiteres Instrument im Werkzeugkasten der Lobbyisten. Doch dieser wird nicht unter Verschluss gehalten, die Mitglieder der Plattformen sind – zumal sie in der Regel als eingetragene Vereine organisiert sind – oftmals öffentlich zugänglich. Ein Blick in das Mitgliederverzeichnis lohnt dennoch und offenbart die Beweggründe für Aktionen und Forderungen der jeweiligen Plattformen.

Geringerer finanzieller Aufwand

Neben ihrer Begrenzung auf einen Themenbereich verfügen Plattformen im Vergleich zu den Verbänden über eine schlankere Personalstruktur, was ihre Kosten senkt. Ebenfalls günstig wirkt sich aus, dass Plattformen in der Regel Bündnisse auf Zeit sind. Dadurch können Mitgliedsunternehmen die ökonomischen Dimensionen ihres Engagements im Vorfeld leichter abschätzen. Dieser Aspekt kann jedoch auch zu einem Problem werden: Die Endlichkeit macht sie nicht zu dauerhaften Ansprechpartnern für konkrete Belange. Plattformen vereint eben ein Ziel, welches sie in der Öffentlichkeit vertreten wollen – sie bleiben so lange organisiert, bis ihre Zielsetzung erreicht ist oder sich die Problemstellung verändert hat.
Ein Beispiel für eine solche Plattform ist das Informationszentrum Klima­freundliches Kohlekraftwerk, kurz IZ Klima. Der gemeinnützige Verein, gegründet im Sommer 2007, versteht sich als branchen­übergreifende Plattform. Er will über Chancen und Potentiale der „Carbon-Capture-and-Storage-Technologie“, die Abscheidung und Speicherung von CO2, informieren. Das „Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit“ ist ein weiteres Beispiel für eine Plattform: Im März 2007 gegründet, befasst sich die überfraktionelle Plattform des Deutschen Bundestags mit den Risiken und Bedrohungen der öffentlichen Sicherheit in Deutschland. Die Politik wird dabei von Fachleuten aus Verwaltung, Industrie, Forschung, Nichtregierungsorganisationen sowie Organisationen der polizeilichen und nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr unterstützt.
Ob sich solche Plattformen langfristig als wichtiger Akteur in der Interessensvermittlung etablieren können, ist noch ungewiss. Zunächst sind sie nur eine weitere Stimme im wachsenden Chor der Interessen. Bislang werden solche Plattformen hauptsächlich von einer Kommunikationsagentur in Berlin betreut und auch ins Leben gerufen. Inwieweit sich weitere künftig etablieren, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch, dass sich die Interessenpolitik weiter wandelt, sie wird vielfältiger in ihren Formen und komplizierter. Plattformen sind hier durchaus eine Chance, auf die Herausforderungen zu reagieren und effizienter die Öffentlichkeit über die eigenen Forderungen und Interessen zu informieren.

Prof. Ulrich von Alemann

ist Politologe. Er lehrt an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Dr. Florian Eckert

ist Politologe und arbeitet als Kommunikationsberater in Berlin.