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Gedränge auf dem Friedrich-Ebert-Platz: Wenn die schweren Holztüren der Parlamentarischen Gesellschaft ins Schloss fallen, brauchen Journalisten Geduld – und zuverlässige Informanten. Foto: Marco Urban
Informationspolitik

Im schönen Lungerland

Journalisten harren oft vor verschlossenen Türen aus. Mit Zeittotschlagen hat das wenig zu tun. Denn ob in eisiger Kälte oder bei sengender Hitze: Am Ende bekommen die Reporter immer, was sie wollen.

von Viktoria Bittmann

Wenn sich Politiker im Berliner Regierungsviertel in Hinterzimmer zurückziehen, beginnt für Journalisten draußen das Warten. Vor verschlossenen Türen herumzulungern heißt aber nicht, sinnlos Zeit totzuschlagen. Gut vernetzte Reporter kennen viele Fakten, lange bevor sich die Türen für offizielle Statements wieder öffnen. Woher? "Irgendwann muss ja einer mal austreten. Und dann kommen ein paar SMS", verrät ein erfahrener Beobachter.

Doch nicht jeder Journalist steht mit zig Informanten ständig in Verbindung. Und auch Halb- oder Unwahrheiten geraten bisweilen in Umlauf. Im schönen Lungerland sind daher nicht alle Geschichten von Gerüchten zu trennen.

Einer, der von Berufs wegen regelmäßig auf die Geduldsprobe gestellt wird, ist Thorsten Denkler, politischer Korrespondent von Süddeutsche.de. Er sagt: "Lungern hat etwas von Bahnfahren mit irrer Verspätung. Je später es wird, umso lustiger wird es." Der 42-Jährige ist hart im Nehmen: Alles unter drei, vier Stunden Wartezeit gilt für ihn schlicht nicht als klassisches Lungern.

"Journalisten brauchen Unmittelbarkeit. Lässt sich die nicht herstellen, muss man zumindest am Ort des Geschehens sein. Das muss man von Journalisten erwarten können", sagt der Reporter am Tag nach der Europawahl, an dem sich die Hauptstadtpresse vor den Parteizentralen herumdrückt, um Stimmung und O-Töne einzufangen.

Festgefroren am Kanzleramt

An diesem Morgen zeigt sich Lungerland von seiner schönen Seite. Frühlingshafte Temperaturen, Sonnenschein. Dass es auch ganz anders geht, weiß Denkler nach knapp 15 Jahren als Korrespondent. An manches erinnert er sich noch heute. 2002 harrt er bei Minustemperaturen im Reporterpulk bis morgens früh um vier Uhr vor dem Kanzleramt aus, während im Warmen der rot-grüne Koalitionsausschuss tagt.

Oder die Kabinettsklausur in Schloss Meseberg im August 2007: In klimatisierten Räumen schwört Merkel ihr Kabinett auf die zweite Halbzeit der Großen Koalition ein. Draußen knallt die Sonne. Dutzende Journalisten stehen sich die Beine in den Bauch. "Zwei Tage lang ist gar nichts passiert", erinnert sich Denkler.

Der Grund, warum sich Journalisten das antun, ist einfach: Am Ende bekommen sie, was sie wollen. Immer. In Meseberg treten schließlich Sigmar Gabriel, damals Umweltminister, und Wirtschaftsminister Michael Glos vor die Kameras – und verkünden nicht weniger als die Einigung über ein milliardenschweres Klimapaket.

Ob sengende Hitze im Sommer oder eisiger Ostwind im Winter: Journalisten dürfen nicht zimperlich sein. Lungern hat so viel mit Gemütlichkeit zu tun wie Zelten im Dauerregen. Mit einem Unterschied: Die politische Großwetterlage lässt sich längst nicht so präzise vorhersagen wie der nächste Schauer.

Beispiel Sondierungsgespräch Nummer zwei zwischen Union und SPD im vergangenen Oktober: Auf dem Friedrich-Ebert-Platz am Reichstag herrscht Gedränge. Ü-Wagen reiht sich an Ü-Wagen. Vor den schweren Holztüren der Parlamentarischen Gesellschaft haben Fernsehteams ihre Kameras aufgebaut. Dutzende Reporter warten auf die Delegationen der Parteien. Gegen 16 Uhr geht es los: Als Erste laufen Merkel und ihre Berater für Auftaktfotos die Journalistenriege ab. Wenig später folgen die Unterhändler der SPD. Ein Nicken hier, ein Lächeln da. Worte werden nicht gewechselt.

Dennoch: Kaum ist die Tür zur Parlamentarischen Gesellschaft ins Schloss gefallen, stecken die Korrespondenten die Köpfe zusammen. "Was hast du gehört?", fragt einer den anderen. Manch einer glaubt zu wissen, was sich in den folgenden Stunden im Raum Berlin abspielen wird. Stoff für einen ersten Bericht gibt es genug: Die groben Themen des Tages sind auf anderen Kanälen längst durchgesickert, die Positionen beider Seiten zu Mindestlohn, Steuern oder Betreuungsgeld bekannt. Ein Chefunterhändler gibt unter drei gar Strategisches preis. Was soll es da noch für Überraschungen geben?

Doch so einfach ist es nicht. Auch wenn sie unter Kollegen gern Gegenteiliges vorgeben: Den Ausgang von Verhandlungen können auch altgediente Reporter nicht sicher vorhersagen.

So brandheiß wie sich manche Berichte über endlose Sondierungsrunden lesen, ist oft auch die Nadel, mit der sie gestrickt werden. Das Mutmaßen beginnt bei Verhandlungsbeginn schon mit der Frage, wann mit ersten Statements zu rechnen ist. An einem Abend im Oktober, an dem Union und Grüne die Chancen einer Koalition ausloten, verspricht ein Unterhändler "eine SMS, sobald sich etwas tut". Er selbst erwartet Ergebnisse kurz vor der Tagesschau. Am Ende reicht es nicht einmal fürs Nachtjournal.

Bis dahin ist Genügsamkeit gefragt. Informationen werden im politischen Berlin in Häppchen serviert. Für die Berichterstattung heißt das: Selbst die Snacks vom kalten Büfett taugen zur Nachricht, wenn es sonst nichts Neues gibt. Das hat Konsequenzen: "Pressestellen achten penibel darauf, dass bei solchen Terminen kein Kaviar serviert wird", sagt Korrespondent Thorsten Denkler.

Stricken bis zum Statement

Auch in seinem Artikel über den Sondierungsmarathon zwischen Union und SPD erfährt der Leser, dass der Kartoffelsalat angeblich versalzen war. Den Ansatz, mit kleinen Anekdoten zu demonstrieren, wie nah der Reporter dran ist, findet Denkler richtig. Doch der Grat zwischen echter Nähe und journalistischer Selbstproduktion ist sehr schmal. "Gelegentlich vergessen Kollegen zu erwähnen, dass es sich bei manchen Details gar nicht um erlebtes, sondern um erzähltes Wissen handelt", kritisiert er.

Während Reporter also beharrlich alle Kanäle anzapfen, sind ihre Kamerateams zur Untätigkeit verdammt. Orte, an denen hinter verschlossenen Türen stundenlang verhandelt wird, gleichen da schon einmal einem Zeltplatz. So auch in besagter Nacht im vergangenen Oktober: Zwischen Karten spielenden, Burger essenden Kollegen strickt eine Kamerafrau im Scheinwerferlicht auf dem Friedrich-Ebert-Platz an einem schwarz-grünen Schal. Masche für Masche. Auch auf der Fraktionsebene im Reichstagsgebäude wird gelungert: Auf einem Laptop flimmert die "heute-Show". Pizza-Geruch liegt in der Luft.

Mit Entspannung hat all das nichts zu tun. Wann genau sich die Türen öffnen, weiß niemand so genau. Selbst der Weg zum nächsten Kaffeeautomaten kann riskant sein. Unwägbarkeiten gibt es selbst für jene Korrespondenten, die mit Informanten die Pinkelpausen abstimmen. Von herumlungernden Journalisten zu reden, trifft daher nicht den Kern dessen, was sie eigentlich tun: Sie lauern.