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Im Reich der Minilobbyisten

15.000 Verbände gibt es in der Bundesrepublik, Tendenz steigend. Von den meisten hat man noch nie gehört – versprochen. Einige zählen nicht einmal zehn Mitglieder. Trotzdem können sie erfolgreich sein.

Von Marie-Luise Klose

Der entscheidende Wink kam aus der Politik. „Wenn Sie voran kommen wollen, dann gründen Sie einen Verband“, sei der Rat von NRW-Staatssekretär Marc Jan Eumann gewesen. Otto Kettmann spielte da schon länger mit dem Gedanken, die Interessen seiner Branche zu organisieren. Luxuskarosse, Burgerbrötchen, Schokoriegel: Der Freiberufler platziert Produkte namhafter Unternehmen in Kinofilmen und Fernsehserien. Den Rat nahm er sich zu Herzen und gründete im Sommer dieses Jahres den Bundesverband für Product Placement. Mit seinen zwölf Verbandsmitstreitern will Kettmann jetzt die Regularien für Product Placement liberalisieren und die Organisation langfristig als Schiedsinstanz in Streitfällen etablieren.
Zwölf Mitglieder – ein bisschen mickrig, um im politischen Betrieb mitzumischen? So wie Kettmanns Verband gibt es viele Interessenvertretungen. Klein, unbekannt und auf den ersten Blick ein wenig skurril. Und doch ist die Größe kein entscheidendes Kriterium für den Erfolg ihrer Arbeit. Der Politikwissenschaftler und Verbände-Experte Christoph Strünck von der Universität Siegen hält die Schwerpunkte, die der Verband in seiner Arbeit setzt, für entscheidend. Denn die wenigsten Organisationen verfolgen derart ambitionierte politische Ziele wie Kettmanns Neugründung. Vielmehr geht es darum, „Exklusivleistungen“ für die Mitglieder zu entwickeln. Denn von Lobbyarbeit, etwa einer gestoppter Gesetzesinitiative, profitieren nicht nur die Beitragszahler, sondern alle Marktteilnehmer. Da liegt es nah auszutreten, von dem gesparten Pflichtbeitrag schick zum Italiener zu gehen und sich bei einem Espresso dennoch über ein gestopptes Gesetz zu freuen.
Für den Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Verbandsmanagement, Wolfgang Lietzau, heißt daher das Zauberwort „Mitgliedernutzenorientierte Arbeit“. Damit gewinnt das Wirken nach innen immer mehr an Bedeutung. Die bestmögliche Ausrichtung auf die Mitglieder erreicht man in einem kleinen Verband leichter. In großen heterogenen Organisationen ist es mühevoll, gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Die Folge: Es bilden sich Flügel wie in Parteien, einzelne Mitglieder fühlen sich nicht ausreichend vertreten, die Strukturen zerreißen. Lietzau sieht den Trend zu immer kleinteiligeren Verbänden. So steige in Deutschland die Anzahl der Verbände pro Jahr durchschnittlich um fünf Prozent.
Auch der Politikwissenschafter Strünck beobachtet seit einigen Jahren einen „bemerkenswert starken Hang zur Separation“. Statt sich zu großen Universalverbänden – wie dem BDI – zusammenzuschließen, spalten sich immer mehr Verbände auf und gründen Organisationen für Partikularinteressen. Einige kleine Gruppen erhielten so große Macht und schwächen die Großen. Fluglotsen oder Lokführer können die gesamte Infrastruktur lahmlegen. Doch von den 15.000 Verbänden in Deutschland verfügt nur ein Bruchteil über derart starken Einfluss.
In der Menge fällt die Macht der Verbände auf das politische Geschehen in der Bundesrepublik eher bescheiden aus. Es fehlt eine rechtliche Trennung zwischen den Begriffen Verein und Verband. Die Konsequenz: Nicht alles was glänzt, ist auch Gold. Hinter vielen Verbänden steckt ein kleiner Verein, der an Einflussnahme auf politische Entscheidungsprozesse kein Interesse hat und maximal auf Kleingartenvereinsniveau mitmischt. Solche Verbände tauchen trotzdem zahlreich im Lobbyregister des Bundestags auf. „Die Registrierung dort bedeutet nichts“, sagt Wolfgang Lietzau. Viele Vereinigungen melden sich nur pro forma an, um theoretisch Kontakt zu Abgeordneten aufnehmen zu können. Ohne konkreten Antrieb. Schließlich muss man für die Registrierung nur ein zweiseitiges Formular mit Angaben zu Anschrift, Vorsitzenden und Interessenbereich ausfüllen. p&k sondiert das Feld und präsentiert auf den nächsten Seiten eine kleine Auswahl großer Ambitionen …

„Mit Casting­shows hat unser Beruf nichts gemeinsam“

Nicht jedem ist der Beruf des Casting ­Directors geläufig – schließlich taucht sein Name im Filmabspann ziemlich am Ende auf, bei den Cateringfirmen ungefähr. Bei der Besetzung einer Rolle geht ohne Castingdirektoren jedoch fast nichts. Sie vermitteln zwischen den Agenten der Schauspieler und den Filmproduzenten. Der Verband setzt sich dafür ein, das Berufsbild zu stärken und Qualitätsmaßstäbe für die Rollenbesetzung zu setzen.

Bundesverband Casting
Vorsitzende: Cornelia von Braun
Gründung: 2003
Mitglieder: 37
www.castingverband.de

„Man redet nicht mit uns, nur über uns“

Auch Bordelle brauchen eine Vertretung. Vor allem Bordellbetreiber, die gesetzliche Rahmenbedingungen für ihr Gewerbe häufig nicht durchschauen. Der Verband berät in allen rechtlichen Bereichen  und wünscht sich eine stärkere Kontrolle der Betreiber um Seriösität zu stärken. Auch der Kontakt zur Politik wird gesucht. Doch mit Bordellen und Prostituierten lassen sich schlecht Wähler erreichen – daher steht der Verband oft vor verschlossenen Türen. Einmal lud er Bundestagsabgeordnete am Nachmittag zur Besichtigung in eines der Etablissements. Sie sollten sich ein Bild davon machen, worum es dem Verband ging. Niemand kam. Nur die Boulevardpresse verteilte Schelte.  

Unternehmer­verband ­Erotik Gewerbe ­Deutschland
Präsident: Holger Rettig
Gründung: 2007
Mitglieder: 170
www.uegd.de

„Zwiebeln gehen ­immer“

Knapp 90 Prozent der deutschen Zwiebelbauern und -vermarkter sind in diesem Verband angesiedelt. Zwiebeln sind Alltagsprodukt, man hat sie im Haus, kauft sie häufig ein. Aber die wenigsten Verbraucher schauen auf das Etikett. Der Verband setzt auf Marketing für die heimischen Produkte, die Konkurrenz zu Zwiebeln aus Neuseeland ist groß. Für die Produzenten gibt es Informationsmaterial, Beratungsangebote und Kontakte zur verarbeitenden Industrie – von Röstzwiebeln bis zu Tiefkühlware.

Fachverband Deutsche ­Speisezwiebel
Geschäftsführerin: Andrea Schneider
Gründung: 1993
Mitglieder: 800
www.deutsche-zwiebel.de