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Im Proporzsumpf

Stefan Raabs Polit-Talkshow enttäuschte. Für ARD und ZDF noch lange kein Grund, sich für das nächste Jahr zurückzulehnen, meint Medien-Experte Jörg-Uwe Nieland.

Von Jörg-Uwe Nieland

Die Aufregung war groß, nachdem Stefan Raab im „Spiegel“ selbstbewusst eine eigene politische Talkshow angekündigt hatte. Der selbstherrliche Aufschrei der Wächter des guten Geschmacks, der Verteidiger der Fernsehqualität sowie der Anwälte der politischen Diskussionskultur wurde noch lauter, als die Raab-Redaktion aufgrund von zahlreichen Absagen die Gästeliste nur schleppend und mit Protagonisten aus der zweiten Reihe füllen konnte.
Doch wie in seinen diversen Shows mehrfach bewiesen: mit Druck kann der Moderator gut umgehen. Raabs Ehrgeiz, auch in diesem Bereich eigene Maßstäbe zumindest zu präsentieren und im besten Fall in ein neues Geschäftsmodell zu überführen, nötigt Bewunderung ab.
 Die zahlreichen Wortmeldungen vor der Sendung und die große Fangemeinde von Raab sorgten für solide Quoten. Nach der Sendung fielen die Besprechungen moderat aus. So entstand gar der Eindruck, dass ARD und ZDF ein Lehrstück im besseren – erfrischend „unkorrekten“ – Umgang mit den Talkshowgästen erhalten hätten. Eine Verklärung. Der Sonntagabend mit Stefan Raab war langweilig bis ärgerlich. Dabei war eine Talkshow versprochen worden, die eine Mischung aus „Wettbewerb, Belohnung, Meinungsbildung und Demokratie“ präsentiert.
Per Zuschauer-Abstimmung sollte ein Diskussionssieger ermittelt werden – denn „Meinung muss sich wieder lohnen“, wie es im Untertitel der Sendung heißt. Ein doppelter Irrtum: Zum einen hat sich Meinung immer schon gelohnt und zum anderen urteilten die Zuschauer nicht über die Meinung der Talkshowgäste, sondern ob sie auf die Plattitüden von Raab schlagfertig zu reagieren wussten.

Trübe Aussichten

„Absolute Mehrheit“ stellt also keine Vergleichsgröße für die anderen politischen Talkshows dar. Aber auch wenn Raab im neuen Jahr keine Neuauflage seiner Abstimmungsshow wagen sollte, ist Schadenfreude bei der Konkurrenz fehl am Platz. Denn für die deutsche Talkshow-Landschaft fällt der Rückblick auf 2012 ernüchternd aus: wenig Neues bei den Öffentlich-Rechtlichen und die Privaten verabschieden sich in die Bedeutungslosigkeit.
Vom Anspruch, eine Debatte anzustoßen und zu befeuern, ist wenig geblieben. Dafür werden Produkte und Unternehmen geprüft, Ratschläge in Gesundheitsfragen erteilt oder es wird einfach nur nett geplaudert. Das machen die politischen Magazine und Markus Lanz aber deutlich besser – dafür hätte Günther Jauch nicht von „stern TV“ weggehen müssen oder „Hart aber fair“ einen ARD-Sendeplatz zur Primetime benötigt.
 Leider sind die Aussichten für 2013 trübe. Angesichts des Zuschauerrückgangs haben die ARD-Verantwortlichen die Talkshow-Offensive wieder einkassiert. Ein innovatives – oder zumindest mutiges – Konzept ist nicht zu erkennen. Vielmehr versinkt die ARD wieder einmal im Sumpf des Landesrundfunkanstalten-Proporzes. Die Angst, Gäste zu verlieren und Themen zu verpassen, lähmt die Talkshow-Macher. Schlecht für die politische Debatte in einem Superwahljahr, in dem es meinungsstarke Journalisten und verständliche Aufarbeitung der drängenden politischen Fragen braucht.
Stefan Raab lockte mit sinnfreien Sprüchen („Wenn Rösler das beim Abendessen sieht – hoffentlich fallen ihm nicht die Stäbchen aus der Hand!“) und der Aussicht der Anrufer, ein Auto zu gewinnen, 25 Prozent der Zuschauer zwischen 14 bis 29 Jahren vor den Bildschirm. Dem müssen die ARD und ZDF etwas entgegenhalten.
Wie ein nicht nur jüngeres, sondern womöglich politikfernes Publikum auf unterhaltsame und zugleich meinungsbildende Weise angesprochen werden kann, zeigen die US-amerikanischen Comedy-Talks; sie sind inzwischen eine feste Größe in der politischen Kultur des Landes. An ihnen sollten sich ARD und ZDF orientieren. Mit dem Experimentierfeld, das die dritten Programme der ARD und vor allem die Digitalkanäle bieten, sowie der „heute-show“ mit Oliver Welke haben sie dafür gute Voraussetzungen.

Jörg-Uwe Nieland

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations- und Medienforschung der Deutschen Sporthochschule Köln (Foto: privat).