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Frank Stauss: „Wenn die eigenen Truppen nicht sortiert sind, kann man keine erfolgreiche Atacke reiten.“ Foto: Butter

„Ich sehe zunehmend entpolitisierte Journalisten“

Wahlkampf-Experte Frank Stauss über Fallstricke und Risiken von Wahlkampagnen.

Interview: Thomas Leif

Wenn man die 197 Seiten Ihres „Höllenritts“ liest, hat man den Eindruck, Wahlkampfmanagement ist reine Nervensache. In der Politik regiert der Zufall?

Stauss: In der Politik regiert – wie überall sonst auch – das Leben. Und das ist eben voller Zufälle. Ins Schlingern gerät man erst, wenn auch die vorhersehbaren Schwierigkeiten nicht im Vorfeld adressiert werden.

Organisierte Planlosigkeit in einer lose verkoppelten Anarchie. Wie sieht Ihr Gegenkonzept für einen sinnvoll strukturierten Wahlkampf aus?

Grundlage eines Wahlkampfes, der eine Chance auf Erfolg haben will, ist eine klare Strategie, auf die sich alle Verantwortlichen zu Beginn der Kampagne verständigt haben. Wenn die steht, dann kann man mit dem täglichen Wahnsinn auch nervenstark umgehen. Steht sie nicht, wirft einem jedes Problem aus der Bahn.

Was sind aus Ihrer Sicht die Grundlagen einer intelligenten Wahlkampfstrategie?

Die absolute Stimmigkeit der Strategie in Punkto Kandidat, Partei und Programm. Sobald größere Brüche sichtbar werden, leidet die Glaubwürdigkeit. Steht man fest auf seinem Fundament, kann man sich um die Gegner kümmern. Das strategische Fenster muss sich jedoch aus den eigenen Stärken eröffnen, nicht aus den Schwächen des Gegners.

Welche Partei ist 2013 im Wahlkampf am besten aufgestellt – und warum?

Bisher die Grünen, weil sie eine breite und bekannte Personaldecke haben, die überall präsent ist und langsam einen Volksparteicharakter entwickelt.

Welche Partei betreibt einen „notleidenden“ Wahlkampf?

Die FDP, die nur mit Leihstimmen der Union überleben kann, aber keine eigene Legitimation mehr über ihr aktuelles Personaltableau vermitteln kann.

Das Führungs-Triumvirat der SPD spricht ja teilweise über Emissäre miteinander. Wie wichtig ist die Synchronisation der Spitzenkräfte im Wahlkampf?

Die Zusammenarbeit von Parteivorsitzendem, Generalsekretär und Kandidat muss absolut reibungslos funktionieren. Sonst kann man aus der Opposition heraus keine Wahl gewinnen.

Alle Welt spricht derzeit von einem „Schlafwagen-Wahlkampf“. Warum gelingt es der SPD nicht die Kanzler-Präsidentin aus der Reserve zu locken?

Die SPD hat unter ihren Spitzenrepräsentanten offenbar keine gemeinsame strategische Plattform entwickelt, aus der heraus sie operieren kann. Aber wenn die eigenen Truppen nicht sortiert sind, kann man keine erfolgreiche Attacke reiten.

Was müsste die SPD tun, um ihre Themen zu zuspitzen und Debatten zu forcieren?

So wenige Wochen vor der Wahl hilft nur noch, einen neuen Boden einzuziehen. Eine Auszeit aller Akteure, die sich jetzt auf einen neuen Anlauf verständigen, sich Treue schwören und ihre Mitarbeiter zusammen führen. Es muss klar werden: Die Spitze macht vor, wie es gemeinsam geht. Und dann müssen alle auf das eine Thema gehen, das die SPD über die 30 Prozent hievt: Mit Peer Steinbrücks wirtschaftlichem Sachverstand unser Land zu neuen Erfolgen mit mehr sozialer Gerechtigkeit führen.

Die CDU will möglichst alle Konfliktthemen entkräften und entsaften. Ist das eine kluge Strategie?

Es ist eine kalkulierte Senkung der Wahlbeteiligung durch Langeweile. Sie führt allerdings auch zu eigener Demobilisierung der Union, wie die Wahl 2009 gezeigt hat.

Welche Kollateralschäden sind mit der asymmetrischen Demobilisierung der Union verbunden?

Abnehmende Legitimation durch abnehmende Wahlbeteiligung.

 

Das Interview erscheint in der 149-seitigen Dokumentation „Wahlkampf-Strategien", die hier heruntergeladen werden kann.

Frank Stauss, Jahrgang 1965, ist Mitinhaber der Kommunikationsagentur Butter (Düsseldorf/Berlin) und hat zahlreiche Wahlkämpfe für die SPD im Bund und den Ländern begleitet. 2013 veröffentlichte er den Insider-Bericht „Höllenritt Wahlkampf“ (München, 2013).