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„Ich kann Ihren Schmerz fühlen“

Bei der politischen Meinungsbildung spielen Emotionen die entscheidende Rolle. Wer das nicht beherzigt, dem ergeht es wie einst dem US-Präsidentschaftskandidaten Michael Dukakis: Er verliert die Wahl.

Von Thomas Hofer

Die Sache schien ein klares Heimspiel für Michael Dukakis zu werden. Der demokratische Präsidentschaftskandidat war als Favorit in den Wahlkampf gegen sein republikanisches Gegenüber George Bush senior gegangen. Am Beginn der politischen Sommerpause des Wahljahrs 1988 hatte Dukakis 17 Prozentpunkte Vorsprung. Als sich die beiden Kontrahenten im Herbst für ihre zweite TV-Debatte rüsteten, war Dukakis für viele noch immer der Star. Die Voraussetzungen für die Konfrontation schienen den Demokraten ebenfalls zu begünstigen. Die Diskussion fand an der University of California statt und damit in einem klar demokratisch dominierten Bundesstaat. Hinzu kam, dass Dukakis ein echter Fernsehprofi war. Er hatte vor seiner Nominierung sogar eine eigene TV-Show moderiert. Die Regeln des Fernseh-Business waren ihm also mehr als nur geläufig. Was also sollte da schon passieren? Einer der Moderatoren der Debatte, CNN-Anchorman Bernard Shaw, stellte die erste Frage des Abends. Das Thema war erwartbar, weil im Lauf des Wahlkampfs bereits heiß diskutiert: die Einstellung der Kandidaten zur Todesstrafe. Shaw versuchte, den Polit-Profi Dukakis – er war Zeit seiner politischen Karriere immer gegen die Todesstrafe aufgetreten – mit einer persönlichen Zuspitzung des Themas aus der Reserve zu locken.
Shaw: Herr Gouverneur, würde Ihre Frau Kitty Dukakis vergewaltigt und ermordet, wären Sie für eine unwiderrufliche Todesstrafe für den Mörder?
Während der Frage des Moderators hatte Dukakis milde gelächelt. Der demokratische Kandidat zögerte mit seiner Antwort keine Sekunde. Wie aus der Pistole geschossen kamen seine vorbereiteten Sätze zum Thema Todesstrafe:
Dukakis: Nein, wäre ich nicht, Bernard. Und ich glaube, Sie wissen, dass ich die Todesstrafe schon mein ganzes Leben abgelehnt habe. Ich sehe keine Beweise dafür, dass sie eine abschreckende Wirkung hätte. Es gibt bessere und effektivere Wege, mit Gewaltverbrechen umzugehen. Das haben wir in meinem Bundesstaat gemacht und das ist einer der Gründe, warum wir den höchsten Kriminalitätsrückgang und die niedrigste Mordrate in Amerika haben.
Dukakis hatte eine auf dem Papier perfekte Antwort gegeben. Er war nicht weiter auf die persönliche Frage des Interviewers eingegangen und sofort auf seine Kernbotschaft zum Thema geschwenkt: Als Gouverneur hätte er einen erfolgreichen Weg zur Kriminalitätsbekämpfung eingeschlagen, gerade ohne Anwendung der Todesstrafe. Diese politisch korrekten, fein säuberlich zurechtgelegten Worte hörte freilich kein einziger Zuschauer. Die konzentrierten sich vielmehr darauf, was Dukakis nicht angesprochen – und schon gar nicht gezeigt – hatte: die Gefühlsebene. Der Gouverneur hatte Kitty Dukakis mit keinem einzigen Wort erwähnt. Er hatte nicht einmal in die Richtung seiner im Publikum anwesenden Frau geblickt. Im Gegenteil: Mit seinem leichten Grinsen und der technokratischen, vollkommen emotionslosen Antwort hatte Dukakis das bestätigt, was sein republikanischer Kontrahent George Bush über ihn in der ersten Debatte gesagt hatte. Bush hatte auf den Rat seines Wahlkampfstrategen Roger Ailes gehört und Dukakis als den „Iceman“ der amerikanischen Politik bezeichnet. Den Beweis für diesen Spin lieferte Dukakis gleich zu Beginn der zweiten Debatte selber frei Haus. Nicht einmal eine Minute war in dieser 90-minütigen TV-Konfrontation vergangen, Bush war noch nicht einmal am Wort gewesen, und dennoch hatte er das Duell bereits für sich entschieden. Egal welche genialen Antworten Dukakis noch nachschieben sollte, er hatte den wichtigsten Moment der Debatte vermasselt. Und zwar gründlich. Natürlich spulten die beiden Kandidaten auch noch die restlichen 89 eher unaufregenden Minuten der Debatte ab. Doch die Schlagzeilen und Kommentare der Journalisten waren klar und fokussierten auf die ersten Sekunden der Auseinandersetzung. Die Kampagne des Demokraten versuchte sich zwar in Krisenmanagement und ließ in der Folge Kitty und Michael Dukakis gemeinsam in Talkshows auftreten. Doch das Image des „Iceman“ hatte sich verfestigt. Favorit Dukakis verlor die Wahl aufgrund seiner eigenen Schwäche und einer perfekt in Szene gesetzten Negativkampagne der Republikaner.

„Vernunft braucht Emotion“

Dukakis beging einen Fehler vieler Politiker: Er beantwortete die Frage auf der falschen Ebene. Moderator Shaw hatte Gefühle angesprochen, Dukakis mit kalten Fakten dagegengehalten. Dieses Match musste der Politiker verlieren. Der Demokrat hatte wohl ein rational denkendes Publikum vor Augen und gestaltete seine Antwort pragmatisch und der Sachebene entsprechend. Den emotionalen Rucksack, den ihm Moderator Shaw mit auf den Weg gegeben hatte, ignorierte Dukakis.
Eine solche Herangehensweise endet in der Politik meistens im Desaster. Wie der Linguist George Lakoff und der Neurowissenschafter Drew Westen nachweisen, gibt es bei Wählern nämlich keinen rein auf Fakten basierenden Entscheidungsprozess. Immer ist auch Emotion in die politische Meinungsbildung involviert. „Das politische Hirn ist ein emotionales Hirn“, sagt Westen. Lakoff: „Wir haben Vernunft und Emotion immer als Gegensatzpaare betrachtet. Aber diese Sicht der Aufklärung ist grundfalsch. Vernunft braucht Emotion.“ Wir alle bauen politische Einstellungen also niemals losgelöst von Emotionen oder rein auf rationalen Grundlagen auf. Entsprechend anfällig sind Menschen auch für emotional argumentierende Politiker. Das gilt, wie der amerikanische Politikwissenschafter Ted Brader nachweist, mindestens ebenso für höher gebildete Wählerschichten. Auch sie reagieren auf emotionale Botschaften viel eher als auf solche, die lediglich rational argumentiert werden.

Clinton blieb lange unerreicht

Bill Clinton beispielsweise war es wie kaum einem anderen US-Präsidenten gelungen, sich seinen Wählern emotional anzunähern. Die Bevölkerung hatte es ihm zwischenzeitlich mit den höchsten Werten seit der Einführung von Popularitätstests im Jahr 1948 gedankt. Die empathischen Fähigkeiten Clintons blieben bis Obama unerreicht. Gegipfelt hatte die emotionale Zuwendung Clintons in einem Satz, den er häufig etwa gegenüber Verbrechensopfern und Hinterbliebenen äußerte: „I can feel your pain.“ Auch wenn solche Politikersätze für europäische Standards dick aufgetragen und anbiedernd erscheinen mögen: Ein guter Politiker kann Emotion mit Empathie kanalisieren.
Auch Michael Dukakis hätte auf die hinter Shaws oberflächlicher Anspielung liegenden, für die Wähler wirklich zentralen Fragen, antworten können: Ist er ein richtiger Mann und geeigneter Präsident, der auch mal auf den Tisch haut? Oder ist er wirklich der kalte Technokrat, als den ihn die Republikaner hinstellen? Auf diese impliziten Fragen hätte Dukakis eine Antwort finden können, ohne seine Kernpositionierung in Sachen Todesstrafe riskiert. Hier ein Antwortversuch, wie Dukakis die emotionale Frage des Moderators abfangen und für seine Zwecke hätte nützen können:
Dukakis: Kitty, die heute hier im Saal sitzt, ist der wichtigste Mensch in meinem Leben, Bernard. Würde so etwas passieren, wäre ich aus Verzweiflung wohl zu manchem fähig. Es wäre besser, wenn ich selbst den Mörder nicht zu fassen bekäme. Ich verstehe alle Hinterbliebenen von Gewaltopfern und ihre Rachegefühle gegenüber den Tätern. Doch persönliche Wut darf nicht der Gradmesser für die Gesellschaft sein. Ich lehne die Todesstrafe ab, weil auch sie inhuman ist und nichts löst. Sie hat keine abschreckende Wirkung. Es gibt bessere Wege, Gewaltverbrechen einzudämmen. In meinem Bundesstaat haben wir das gemacht. Wir haben seither den höchsten Kriminalitätsrückgang und die niedrigste Mordrate in Amerika.
Mit dieser Antwort hätte Dukakis die emotionale Aufwallung geliefert, die sich jeder Zuschauer in einer solchen Situation von ihm erwartete. Er hätte die anwesende Kitty Dukakis an die Spitze seiner Gefühle gestellt und sich selbst als liebenden Ehemann positioniert, ohne dabei in die Rolle des brutalen Racheengels abzudriften. Seine liberale Haltung hätte mit einer emotionalen Antwort keinen Schaden genommen, denn der zweite Teil des Statements ist exakt auf der Linie des von Dukakis tatsächlich Gesagten. Im Zusammenhang mit den ersten Sätzen wirken die Worte nicht mehr kalt und abgehoben. Dukakis hätte gezeigt, dass er ein Mensch ist, zudem aber auch in der Lage, als verantwortungsvoller Politiker zu handeln. So aber überließ er diese Rolle seinem Gegenüber George Bush, der die Auflage des Demokraten dankbar annahm und mit einem Statement pro Todesstrafe verwertete.

Thomas Hofer

ist einer der bekanntesten Politikberater Österreichs. Er studierte in Wien und Washington, war als Journalist bei dem politischen Wochenmagazin „Profil“ tätig und lernte das Handwerk der politischen Kommunikation bei führenden amerikanischen Politikberatern. Kontakt: thomas.hofer@hppa.at. Der Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus seinem neuen Buch „Die Tricks der Politiker“, erschienen bei Ueberreuter.