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„Ich halte nichts von Twitter und Facebook“

Er ist der Grand­sei­g­neur des deutschen Journalismus, bekannt vor allem durch seine Kolumnen. p&k sprach mit Mainhardt Graf von Nayhauß über die Sprache der Politiker.

Interview: Felix Fischaleck

p&k: In dem von Ihnen herausgegebenen Buch „Kauderwelsch – Die Sprache der Politiker“ geht es um Worthülsen und Sprachverschleierungen von Politikern und Journalisten. Hat das Kauderwelsch in den vergangenen Jahren zugenommen?
Nayhauß: Es hat definitiv zugenommen, was insbesondere mit den Fremdwörtern und Anglizismen zu tun hat, die immer mehr Einzug in unsere Sprache gefunden haben. In der Bonner Republik war das noch anders, man denke nur an den ehemaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner, der sehr direkt gesprochen hat. Ein Beispiel: Er bezeichnet einmal in einer Wahlrede Walter Hallstein, damals Staatssekretär im Auswärtigen Amt, als „Mann ohne Herz und Hoden“.
Tragen die Journalisten eine Mitschuld am Kauderwelsch?
Nein, nur in dem Sinne, dass sie ungefiltert Kauderwelsch-Deutsch übernehmen und schreiben. Wenn etwa Frau Leutheusser-Schnarrenberger davon spricht, dass es zwischen der FDP und den Grünen mehrere Schnittstellen gibt. Warum sagt Sie nicht einfach Gemeinsamkeiten? Eine solche Ausdrucksweise wird leider von vielen Kollegen übernommen. Genauso dieses dämliche Wort vom Amtskollegen. Wenn Merkel den britischen Premier besucht, dann schreibt die dpa, dass Sie das beim Amtskollegen tut, wobei man sich dann fragt, in welchem Amt sitzen sie denn zusammen, im Kanzleramt oder in Downing Street No. 10?
Wer schafft es, eher eine verständliche Sprache zu sprechen – der Boulevard oder die Qualitätsmedien?
Eine klare Sprache finden Sie in der „Bild-Zeitung“, wo es darauf ankommt, kurze Sätze zu bilden und Fremdwörter zu vermeiden. Ich war ja nun 30 Jahre als Kolumnist dabei und habe mich eben auch an diese Sprachregelung gehalten. Während Sie in der FAZ im Kommentar Sätze finden, die über 29 Zeilen gehen – ein Satz! Gerade die sogenannte qualitative Presse neigt dazu, kein klares Deutsch zu schreiben.
Sie kritisieren in ihrem Beitrag des Bands auch die heutzutage vorherrschende „Political Correctness“. Was genau stört Sie daran?
Es ist wichtig, dass man die Dinge beim Namen nennt. Wir hatten ja bei Guttenberg den Fall, dass er als erster die Bundeswehreinsätze in Afghanistan als kriegs-
ähnliche Aktionen bezeichnete. Kauderwelsch wird oft auch dazu benutzt, um eine Tatsache zu verschleiern oder zu umschreiben.
Welche Auswirkungen haben die Neuen Medien auf unsere Sprache?
Auf die Sprache wird nicht mehr der Wert gelegt, den sie eigentlich verdient. Gerade im Internet finden Sie immer mehr Anglizismen und Abkürzungen vor. Wenn das ZDF ein Hashtag einrichtet, warum sagt man nicht einfach Verbindungszeichen. Ich halte nichts von Twitter und Facebook, aus dem einfachen Grund: Ich hab genug Möglichkeiten, um mich schriftlich zu verbreiten. Außerdem sind die Gefahren des Missbrauchs dieser Form des Internets einfach zu groß.
Würden Sie Politikern raten, auf Facebook aktiv zu sein?
Darüber habe ich mir noch zu wenig Gedanken gemacht. Politiker sind auf Facebook zusätzlichen Beleidigungen ausgesetzt. Oft wird von Ihnen auch nur Mist verbreitet, wie „ich bringe jetzt meinen Anzug in die Reinigung“. Wen interessiert das eigentlich? Da geht es nur um das Selbstdarstellungsbedürfnis von Politikern.
Um mit etwas Positivem zu enden: Welche Politiker sprechen eine vorbildhafte Sprache?
Richard von Weizsäcker und Roman Herzog kann man hervorheben. Ersterer hat mit seiner Rede zum Jahrestag der Kapitulation die richtigen Worte gefunden und Roman Herzog mit seiner bekannten Ruck-Rede. Ich würde auch Hans-Dietrich Genscher dazuzählen. Von der heutigen Politiker-Generation fällt mir SPD-Chef Gabriel positiv auf. Das hängt sicherlich auch mit seinem erlernten Beruf als Lehrer ­zusammen.

Mainhardt Graf von Nayhauß

wurde 1926 in Berlin geboren. Seine journalistische Laufbahn begann er bei den „Nachrichten für Außenhandel“. Danach schrieb Nayhauß unter anderem für „Spiegel“, „Bunte“, und „Bild“. Seit November 2011 ist er Herausgeber für die Edition-Lingen-Stiftung. Dort erschien vor Kurzem das Buch „Kauderwelsch – Die Sprache der Politiker“.