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Hat Brandt die Wahl 1972 gegen die eigene Partei gewonnen, Herr Müller?

Konrad Adenauer lästerte öffentlich über Willy Brandts uneheliche Geburt, Helmut Schmidt nannte ihn einen Scheißkerl. Buchautor ­Albrecht Müller spricht im Interview darüber, wie die „Hetze“ gegen den „Jahrhundertpolitiker“ ablief und warum die Guillaume-Affäre nicht der Auslöser für seinen Rücktritt 1974 war.

Interview: Christina Bauermeister

 

p&k: Herr Müller, Ihr Buch liest sich in Teilen wie eine Abrechnung mit der Darstellung Willy Brandts als depressiver Zauderer, der von Ökonomie nichts verstand. Wollten Sie mit dem Buch vielleicht auch etwas Dampf ablassen?

Albrecht Müller: Wenn man mit jemandem eng zusammengearbeitet hat und wenn man denjenigen für eine ganz wichtige Persönlichkeit der deutschen Politik hält, dann treibt es einen natürlich um, wie er durch solche Darstellungen verfälscht wird. Die Geschichte Willy Brands muss in wichtigen Teilen neu geschrieben werden.

Warum?

Nehmen wir das Beispiel Depression. Altkanzler Helmut Schmidt hat erst vor Kurzem in der „Zeit“ erklärt, dass Brandt zu Niedergeschlagenheit neigte – und das ausgerechnet kurz nach seinem phänomenalen Wahlsieg 1972. Deshalb hätten er und Herbert Wehner die Koalitionsverhandlungen mit der FDP alleine führen müssen. Der Depressionsvorwurf taucht auch in dem ARD-Zweiteiler „Im Schatten der Macht“ von 2003 auf, in dem Brandt irgendwie in seinen Gemächern oben auf dem Venusberg verschwindet. Da muss ich sagen: Ich habe davon nichts gemerkt. Im Gegenteil: Den effizientesten Wahlkampf, den ich je planend begleitete, habe ich mit ihm gemacht.

Dennoch taucht die von Ihnen kritisierte Darstellung Brandts in den historischen Standardwerken über ihn immer wieder auf. Schreiben die Historiker etwa alle voneinander ab?

Ja, diese Darstellungen haben ihre Glaubwürdigkeit nur dadurch erreicht, dass sie ständig nachgeplappert werden. Wenn Willy Brandt nur 15 Jahre länger gelebt hätte, dann hätte das alles etwas anders ausgesehen. Dann wäre er sicherlich auch in Talkshows gegangen und es wäre nicht so leicht gewesen, die Dinge so einseitig zu beeinflussen.

Wenn man sich die Medienberichte zu seinem 100. Geburtstag betrachtet, hat man aber gar nicht den Eindruck, dass an der Lichtgestalt Brandt gerüttelt wird. Zudem sagte sein enger Weggefährte Egon Bahr einmal: „Brandt war ein Politiker, der sich nicht gescheut hat, die Öffentlichkeit erkennen zu lassen, dass er auch Schwächen hat.“ Lassen ihn diese Schwächen nicht einfach menschlich erscheinen?

Ja, wenn ihre Darstellung stimmt. Brandt war sicherlich ein bisschen konfliktscheu. Zum Beispiel hat er nicht untersagt, dass die Koalitionsverhandlungen 1972 ohne ihn geführt werden. Diese Kraft hätte er trotz Kehlkopfoperation noch aufbringen müssen. Und 1974 hat er wenige Wochen vor dem Rücktritt zusammen mit Klaus Harpprecht an einem Buch geschrieben, obwohl es unterm Dach brannte. Eine weitere Schwäche war, dass er Kindereien unter Erwachsenen nicht aushalten konnte. So ist er vom Kabinettstisch aufgestanden, wenn sich Wirtschaftsminister Karl Schiller und Finanzminister Alex Möller lautstark stritten. Ein großer Fehler war, dass Brandt, als die SPD im Juli 1972 wegen des Rücktritts von Superminister Schiller Helmut Schmidt als Ersatz brauchte, auf dessen Bedingung einging, Kanzleramtschef Horst Ehmke und Regierungssprecher Conny Ahlers nach der Wahl aus seinem Umfeld zu entfernen. Noch schlimmer war, dass er sich nach dem überragenden Wahlsieg an diese Zusage hielt...

… was der eigentliche Auslöser für den Rücktritt zwei Jahre später war.

Ja, das ist eine der zentralen Botschaften meines Buches. Das Ende seiner Kanzlerschaft war nicht durch die Affäre um den DDR-Spion Günter Guillaume bedingt. Brandt war schon Ende 1972 das Opfer einer regelrechten Treibjagd innerhalb seiner Partei und außerhalb geworden.

Waren es nun die Diffamierungskampagne oder die eigenen Nachlässigkeiten, die Brandt letztlich zum Rücktritt gezwungen haben?

Die Treibjagd. Wenn sich politische Gegner außerhalb der eigenen Partei mit Gegnern in der eigenen Partei verbünden und dieser Verbund auch noch von einflussreichen Medien und Wirtschaftsinteressen gestützt wird, dann ist das Opfer nach einiger Zeit erledigt. Das gilt nicht nur für Brandt, sondern auf anderer Ebene auch für Andrea Ypsilanti oder Kurt Beck. Der „Spiegel“ war von 1972 bis 74 an vielen Montagen voll mit Äußerungen von Kabinettsmitgliedern aus dem engeren Zirkel, die böse gegen Brandt abgeladen haben. Unter normalen Umständen hätte dann einer durchgegriffen und gesagt, dass das so nicht geht. Willy Brandt war nicht sehr nachtragend und hat sich zumindest mit Helmut Schmidt immer wieder verständigt.

Hat Brandt 1972 gegen die eigene Partei die Wahl gewonnen? Schließlich schreiben Sie in einem Kapitel Ihres Buches, „dass die gar nicht gewinnen wollten“.

Nein, nicht gegen die Partei, aber gegen einen Teil der Führung. Die einfachen Parteimitglieder standen hinter ihm. Brandt ist es gelungen, mithilfe von Anhängern und Sympathisanten und gegen beachtliche politische Gegner und eine Gruppierung in den Medien – Springer, ZDF, Bauer-Verlag – eine Gegenöffentlichkeit aufzubauen. Der Wahlkampf stützte sich voll und ganz auf die Menschen, die weitererzählt haben, dass das „Produkt“ gut ist.

Was hat 1972 die Wahl für Brandt entschieden?

Es gab wie immer viele Gründe. Monokausale Erklärungen von Wahlerfolgen oder -niederlagen sind ohnehin daneben. Die Kampagne Brandts selbst würde ich schon als sehr wichtig betrachten. Bei dieser Kampagne haben wir fast keinen Fehler gemacht. Sie war phantasievoll und hat die Kommunikation angeregt. Willy Brandt war ein wirklich großer Kommunikator und Wahlkämpfer. Er wusste, dass eine Volkspartei nur gewinnen kann, wenn sie plural auftritt. Er hat diese verschiedenen Gruppen verbunden. Ich nenne das das Scheibchenmodell der Wahlkampfplanung. Nur so kommt eine Volkspartei zu solch einem Ergebnis: 45,8 Prozent.

Was würde wohl Helmut Schmidt zu Ihrem Buch sagen?

Es wäre schön, wenn er in seinem hohen Alter sagen könnte: so falsch liegt der Müller nicht. Ich habe auch für ihn gearbeitet und halte ihn für einen sehr guten Bundeskanzler. Das wird hoffentlich auch im Buch deutlich. Aber ich kam nicht umhin, anzumerken, dass er sich in entscheidenden Phasen nicht gerade nobel gegenüber Brandt verhalten hat.

Albrecht Müller

wurde 1938 in Heidelberg geboren. Ab 1968 war er Redenschreiber des damaligen Bundeswirtschaftsministers Karl Schiller (SPD). Müller leitete Willy Brandts Wahlkampf 1972 sowie die Planungsabteilung unter Brandt und Schmidt bis zum Wahlsieg von Helmut Kohl 1982. Heute ist Müller
u. a. Mitherausgeber der gesellschaftskritischen Webseite „NachDenkSeiten“. Sein Buch „Brandt aktuell. Treibjagd auf einen Hoffnungsträger“ ist am 10. Dezember im Westend-Verlag erschienen.