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Branchendienste

Graue Informationen

Für alle, die in der Gesundheitspolitik mitmischen wollen, sind sie unverzichtbar: die Hintergrunddienste zum Thema Gesundheit. Ihre Recherchen lassen sie sich gut bezahlen. Erster Teil der p&k-Serie über Branchendienste.

von Nicole Tepasse

Sie sind nah dran, wissen früh Bescheid und ihre Ware ist die Information: die Branchendienste zum Thema Gesundheit. Sie verstehen sich als Informationsdienstleister für Verbände, Krankenkassen, Ministerien, Abgeordnete und all diejenigen, die in der Gesundheitspolitik mitmischen und sich im täglichen Wust der ungezählten Nachrichten und Neuigkeiten zurechtfinden müssen.

"Graue Informationen", nennt Gerd Glaeske das, was die sehr unterschiedlich ausgerichteten Dienste anbieten: "Sie spiegeln nicht nur das, was an öffentlicher, sondern auch das, was an halböffentlicher Diskussion etwa über die Pflegeversicherung oder die Neuregelung der Zusatzbeiträge stattfindet – und nicht im 'Stern' oder 'Spiegel' steht", so der Professor für Gesundheitspolitik am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen.   

Seit 1962 – und damit am längsten auf dem Markt vertreten – ist der Dienst für Gesellschaftspolitik – kurz dfg. Zusammen mit sieben Rechercheuren sucht der Geschäftsführer des hinter dem dfg stehenden MC. B Verlages, Wolfgang G. Lange, nach "der Story hinter der Story", wie er sagt. "Wir haben den Ruf, die 'Bild'-Zeitung des Gesundheitswesens zu sein."

Der dfg arbeite investigativ, schaue hinter die Kulissen, so Lange: "Uns finden Sie nicht auf Pressekonferenzen." Dafür nach seiner Auskunft öfter mal dort, wo nicht nur Referentenentwürfe zu Gesetzesvorhaben übergeben werden, die (noch) nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Mit anderen Worten: Der dfg ist gut vernetzt.

Wie viele Abonnenten das für einen Preis von rund 450 Euro pro Jahr zu schätzen wissen, dazu schweigt Lange – wie auch seine Konkurrenten, die ebenfalls fast alle im Berliner Parlamentsviertel sitzen. "Geschäftsgeheimnis", sagt dazu Sandra Busch-Janser, Herausgeberin des "Berliner Informationsdienstes", der seinen Kunden vor allem Monitoring, aber auch Veranstaltungen bietet – nicht nur zum Thema Gesundheitspolitik.

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Ihre Erfahrung ist: "Jedes Politikfeld tickt anders. Im Gesundheitsbereich gibt es einen Geldtopf vom Bundesgesundheitsministerium, auf den alle Stakeholder angewiesen sind." Das sei etwa bei der Energie- oder Netzpolitik anders. Und auch das Geschäft mit den Informationen sei mit Blick auf die verschiedenen Politikfelder nicht vergleichbar. "Bei der Netzpolitik ist nicht zwangsläufig das komplette Themenspektrum von Breitband bis Datenschutz für jeden Akteur von Interesse." In der Gesundheitspolitik seien die Beteiligten viel stärker verbunden, weil eine Entscheidung fast immer alle betreffe.

Damit überschneiden sich auch die Interessen eher als in anderen Politikfeldern. "Die Dienste bieten deshalb auch den Service einer Binnenkommunikation im Gesundheitsbereich", sagt Rolf Rosenbrock, der am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung geforscht hat und seit 2012 Präsident des Paritätischen Wohlfahrt-Gesamtverbandes ist. Und das ist es auch, was die Abonnenten schätzen: "Die Dienste liefern schnelle, kurze Informationen", beschreibt etwa der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion Jens Spahn den Mehrwert für seine Arbeit. "Man bekommt einen Überblick, was etwa in der Selbstverwaltung so alles passiert und entschieden wird."

Und wer als erster informiert ist, kann am schnellsten reagieren. "Der frühe Vogel fängt den Wurm", sagt Jochen Stemmler dazu, Pressesprecher des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller. Für seinen Verband sei es selbstverständlich, verschiedene Dienste – insgesamt sechs – zu abonnieren, "weil sie unverzichtbar sind und damit auch eine gewisse publizistische Macht in der gesundheitspolitischen Szene haben".

Das sieht auch der Wissenschaftler Rosenbrock so: "Als Entscheider im Gesundheitswesen kann man sich leicht überfordert fühlen, wenn man weiß, was man alles lesen und wissen könnte. Und diese Unsicherheit machen sich die Dienste mit ihrem Versprechen zunutze: 'Lies uns, dann hast du den exklusiven, frühen und analytischen Überblick.'"

Kritische Stimmen adeln den Diskurs

Deshalb nutzten die unterschiedlichen Interessenvertreter im Gesundheitswesen die renommierten Dienste auch in eigener Sache, weiß Gerd Glaeske. Er habe im vergangenen Jahr einen Beitrag für die "Gesellschaftspolitischen Kommentare" geschrieben, einer Publikation aus dem Hause Leo Schütze, bekannt vor allem für den "Schütze Brief". Im Editorial dieser Ausgabe hieß es: "Mit der vorliegenden Sonderausgabe 'Hautkrebs' möchten wir dem Bedarf nach fundierten aktuellen Informationen für Interessierte im Gesundheitswesen entsprechen und über die vielen Facetten der Versorgung des Hautkrebses aus erster Hand informieren."

"Wir" – das waren in diesem Fall unter anderem Mitglieder der Vorstände der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft und des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen. Sie wollten für das Hautkrebsscreening werben, sagt Glaeske. Auch seine skeptische Haltung dem Screening gegenüber sei veröffentlicht worden: "Man hofft, dass über so ein etabliertes Medium die Relevanz des Themas gefördert wird. Und kritische Stimmen adeln den von den Ärzten gewünschten Diskurs."

Ein weiterer Dienstleister auf dem Markt der Gesundheitsinformationen ist die "Presseagentur Gesundheit". "Wir machen im Kern das klassische Nachrichtengeschäft mit Termin- und Fotodienst, allerdings nur für Gesundheits- und Pflegepolitik", sagt die Inhaberin Lisa Braun. Sie und ihr Team aus fünf Journalisten schreiben und gestalten auch Newsletter oder Erklärstücke im Auftrag.

Als beispielsweise das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz auf den Weg gebracht wurde, habe ihre Redaktion das Thema für verschiedene Zielgruppen wie Patienten, Ärzte und Pharma-Außendienst-Mitarbeiter mit Text und Grafik aufbereitet. "Das ist nicht mehr hundertprozentig journalistisch, weil es eben einen Auftraggeber gibt. Aber Erklären gehört für uns in der komplizierten Materie Gesundheitspolitik genauso dazu wie die investigative Recherche", sagt Braun. "Die Inhalte sind immer journalistisch, das heißt korrekt, gut geschrieben und ansprechend verpackt."

Fast zehn Dienste auf dem Markt

Trotzdem ist es ein Graubereich, in dem auch das Sponsoring zu verorten ist, das die Presseagentur Gesundheit da nutzt, "wo zwar ein Informationsbedürfnis etwa bei Patienten, Selbsthilfegruppen oder Behindertenverbänden existiert, es aber keine Kunden gibt, die für die Recherche zahlen", erklärt Braun. So ist auf den Portalen gerechte-gesundheit.de und patienten.de, die von ihrer Agentur inhaltlich verantwortet werden, zu lesen, dass diese von dem Pharmaunternehmen Sanofi-Aventis beziehungsweise dem Verband forschender Arzneimittelhersteller finanziert werden.

Mit "Operation Gesundheitswesen" (OPG) verantwortet Lisa Braun als Chefredakteurin aber auch einen klassischen Branchendienst, der sich allein über Abonnements finanziert. Wie sich knapp zehn dieser Dienste am Markt halten können, ist für Braun trotz der verschiedenen thematischen Schwerpunkte und der unterschiedlichen Aufmachung nicht zu erklären. Im Wettbewerb um die Kunden setzt sie auf journalistische Qualität, Service und Kreativität. "Wir haben gerade erst ein Quartettspiel mit den neuen Köpfen in der Gesundheitspolitik herausgegeben", erzählt sie. Mit welcher Kombination der Köpfe man gewinnt, verrät sie aber nicht. Das erfahren nur die Abonnenten.