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Marlon Marshall sieht seine Berufung im Wahlkämpfen: "Das ist Nervenkitzel pur" Foto: Christine Ambrus

"Graswurzelbewegungen verändern die Welt"

In Obamas Wahlkampagne 2012 war Marlon Marshall für die Organisation der ehrenamtlichen Helfer zuständig. Mit p&k sprach er über Nervenkitzel im Wahlkampf, die Motivation von Freiwilligen und warum sich Haustürwahlkampf immer lohnt.

Interview: Nicole Alexander

p&k: Mr. Marshall, Sie haben einmal gesagt, Wahlkämpfe seien Ihre Berufung. Was finden Sie so faszinierend daran?
Marlon Marshall: Eine Reihe von Dingen. Du arbeitest ja viel während der Kampagne – zwölf oder mehr Stunden am Tag. Und die Leute, mit denen du zusammenarbeitest, die werden so etwas wie deine Familie. Ich finde das großartig, weil ich wahnsinnig gern mit Leuten zusammen bin. Außerdem bin ich sehr ehrgeizig. Ich liebe es zu gewinnen. Es gibt ein Datum, einen Tag, auf den Du hinarbeitest – als Familie, als Team. Das ist Nervenkitzel pur. Und dann glaube ich natürlich an die Sache, an die Demokratische Partei und ihre Agenda für unser Land. Die Chance zu haben, daran beteiligt zu sein, ist einfach großartig.
Bei den Vorwahlen der Demokraten 2008 haben Sie zunächst für Hillary Clinton Wahlkampf gemacht. Als sie sich im Juni 2008 aus dem Rennen um die Präsidentschaftskandidatur zurückzog, sind Sie in Barack Obamas Wahlkampfteam gewechselt. War Obama für Sie zweite Wahl?
Nein, gar nicht. Hillary Clinton hat mich am meisten berührt mit dem, was sie für das Land tun wollte. Ich habe unglaublich gern für ihre Kampagne gearbeitet. Aber es war mehr als das. Es ging darum, wie wir den Wandel in unserem Land gestalten. Und deshalb habe ich mich nach ihrem Rückzug dem Obama-Team angeschlossen. Wir mussten einfach dafür sorgen, einen Demokraten ins Weiße Haus zu bekommen. Es war eine fantastische Zeit. Und deshalb wollte ich auch bei der Wiederwahl-Kampagne 2012 dabei sein.
Nach dem Wahlsieg Obamas 2008 haben Sie unter anderem als Verbindungsmann zwischen dem Weißen Haus und dem State Department unter der damaligen Außenministerin Clinton gearbeitet. Glauben Sie, dass sie die nächste Präsidentschaftskandidatin der Demokraten wird?
Keine Ahnung. Ich fände es jedenfalls toll. Hillary ist eine fantastische Führerin und würde fantastische Dinge tun. Die Atempause, die sie sich zurzeit gönnt, ist hochverdient. Ich denke, sie knobelt gerade aus, was sie will. Vielleicht wird es die Kandidatur für die Präsidentschaft sein, vielleicht auch etwas ganz anderes.
Sie haben gerade die Kampagne zur Wiederwahl Obamas 2012 erwähnt, bei der Sie als Deputy National Field Director gearbeitet haben. Was genau waren Ihre Aufgaben?
Ich war verantwortlich für die landesweite Organisation unserer ehrenamtlichen Helfer. Zu meinen Aufgaben gehörte es, eine Strategie zu entwickeln: An welchen Haustüren müssen wir klingeln? Wie organisieren wir all diese Unterstützer? Wir sind dabei sehr systematisch vorgegangen,
Was heißt das konkret?
Wir haben die Freiwilligen in Teams zusammenarbeiten und Verantwortung für ihre jeweilige Wohngegend übernehmen lassen. Pro Team gab es einen Leiter, der die Gesamtverantwortung hatte, einen Freiwilligen speziell fürs Canvassing, einen fürs Telefon-Campaigning und einen für die Wählerregistrierung. Sie alle bekamen spezielle Schulungen für ihre jeweilige Aufgabe. Diese Organisationsform nennen wir das Neighborhood Team Model. Mein Job war es, dafür zu sorgen, dass es landesweit umgesetzt wurde.
Für wie viele ehrenamtliche Helfer waren Sie verantwortlich?
Insgesamt 2,2 Millionen, davon 40.000 Teamleader.
Wie schafft man es, all diese Leute zu motivieren?
Indem man ihnen Verantwortung überträgt, ihnen sagt: Du weißt besser als wir, wie Deine Nachbarn ticken, wie Du sie erreichst. Ich glaube, beim Campaigning geht es darum, die Werte des Individuums mit den Werten der Kampagne zu verbinden. Wir würden nie zu einem Wähler oder Unterstützer sagen: Schau Dir die zehn Punkte von Obamas Gesundheitsreform an. Wir versuchen immer, eine Geschichte zu erzählen und es dadurch sehr persönlich zu machen. Zum Beispiel: Oh, ich sehe, dank Obamas Gesundheitsreform kann dein Sohn in seiner Krankenversicherung bleiben. Jeder hat doch eine Geschichte, warum er sich engagiert. Es ist mehr als: Ich will für Barack Obama arbeiten. Es gibt einen Grund, warum du diese Arbeit machst. Die Verbindung über diese Werte zu schaffen, macht eine Kampagne erst kraftvoll.
Die US-amerikanischen Parteien verfügen über umfangreiche Datenbanken, die viele Informationen über die Bürger enthalten. Wie wichtig waren diese Daten für die Arbeit der Freiwilligen-Teams?
Sie haben definitiv sehr geholfen, weil wir dadurch sehr effizient waren. Anstatt an jeder Haustür zu klingeln, haben wir uns die Türen herausgepickt, die uns am lohnenswertesten erschienen. Schließlich hat jede Kampagne begrenzte Ressourcen. Das Gute ist, dass die Freiwilligen weitere Daten sammeln, wenn sie mit Wählern sprechen. Dank dieser Daten können wir dann einen noch effizienteren Haustürwahlkampf machen.
Deutsche Parteien müssen mit deutlich weniger Informationen über die Wähler auskommen, weil die Datenschutzbestimmungen in Deutschland viel strenger sind als in den USA. Halten Sie die Strategie der SPD, auf den Haustürwahlkampf zu setzen, dennoch für richtig?
Auf jeden Fall. Die Leute, die wir wählen, sind unsere Führer; wir sollten in den Wahlprozess einbezogen sein, schließlich werden sie uns repräsentieren. Menschen dazu zu bewegen, bei ihren Nachbarn zu klingeln, sie anzurufen und mit ihnen über Politik zu reden, ist immer eine gute Sache.
Was war der Hauptunterschied zwischen der Obama-Kampagne von 2008 und der von 2012?
2012 war härter, weil es ein Kampf um die Wiederwahl war. Die Arbeitslosigkeit war höher, als sich das irgendjemand gewünscht hatte. Wir haben eine Menge Arbeit in den Aufbau unserer Freiwilligenorganisation gesteckt, und es war toll zu sehen, dass es funktionierte. Meiner Meinung nach hat diese Kampagne mehr als die von 2008 bewiesen, dass es wahlentscheidend sein kann, wenn man es schafft, dass sich die Leute engagieren.
Wie sieht Ihre Vision zukünftiger Wahlkämpfe aus?
Obama hat bewiesen, dass Graswurzelbewegungen auch auf Ebene der Präsidentschaftswahl funktionieren. Ich denke, diese Art des Wahlkampfs wird künftig die Norm für alle demokratischen Kandidaten sein. Und das ist gut so, denn dadurch lassen sich mehr Leute in den politischen Prozess einbinden. Graswurzelbewegungen können die Welt verändern.