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Politik

Evitas Affäre mit dem Volk

Emotionaler Populismus ist stark in Argentinien. In den 1940ern verspricht Juan Peróns Regime soziale Demokratie und herrscht doch autoritär. Volksliebling ist die First Lady. Eva Perón perfektioniert das Gefühlstheater der Macht.

von Marco Althaus

Es ist Nacht geworden über Buenos Aires am 22. August 1951. Scheinwerfer gleiten über die Menge, eine Million Menschen, gratis von der Staatsbahn herbeigekarrt. Mobilisiert hat sie der Gewerkschaftsbund CGT. Die Medien plärren seit Wochen von der Versammlung auf der Prachtstraße der Stadt. 25 Meter lang wölben sich die Lettern "Perón – Eva Perón" über die haushohe Tribüne. "La fórmula de la patria", verheißt ein Spruchband. Präsident und Gattin blicken von Porträts über die größte Jubelmenge aller Zeiten, die Juan Perón zur Wiederwahl ausrufen soll. Die Menge will aber mehr. Was Perón sagt, interessiert kaum.

Er ist Nebendarsteller in seiner eigenen Show. Sonst gab er stets wie sein Vorbild Mussolini im liturgischen Spektakel den Bändiger der Masse. Doch heute windet sich das Volk aus Peróns Umarmung. Es will nur eins, dafür ist es gekommen: Eva Perón soll als Vizepräsidentin kandidieren – die Heldin der "Descamisados", der armen "Hemdlosen", der Arbeiter, der vier Millionen nun stimmberechtigten Frauen. Mit keiner Silbe erwähnt Perón Evas Kandidatur. Eva ist gar nicht da. Aufgekratzt verlangt das Volk "Evita! Evita!" Endlich holt man sie. Sie strahlt und wirft Kusshände. Sie beginnt mit den üblichen Schwüren auf Perón und reitet Attacken auf die Oligarchie, die der sozialen Gerechtigkeit im Weg stehe. Aber kein Wort zur Tagesfrage. Ihr Publikum wird rebellisch.

Aufstieg eines Starlets

Die erst 32-jährige Eva Perón ist 1951 die mächtigste Politikerin ihrer Zeit, ein Volkstribun der Herzen. Greift sie jetzt zu, ist das zweithöchste Staatsamt praktisch ihrs. Aber sie kann nicht Ja sagen und nicht Nein. Sie schwankt, weint echte Tränen. Tausende Anhänger schluchzen mit.

Evas Leben ist ein Melodram. Das uneheliche Aschenputtel aus der Pampa will zum Film. María Eva Duarte jobbt im schmierigen Tingeltangeltheater. Bei Kinobossen erflirtet sie kleine Filmrollen. Mit Radionovelas hat sie Erfolg, wird ein Serien-Starlet. Als das Militär 1943 putscht, ist ihre Radiostimme dienstbar. Sie wird die Geliebte von Oberst Juan Perón, dem gewerkschaftsnahen Arbeitsminister. Er wird der Junta bald zu populär, gerät in Haft. Massenproteste der Arbeiter pressen ihn frei. Perón beschwört das Bündnis von Armee und Arbeit, verspricht höheren Lohn und einen sozialen Staat. Freie Wahlen tragen ihn in den Präsidentenpalast. Eva zieht als Gattin mit ein. Sie sei ein Luder aus der Gosse, raunt die Opposition. Perón nützt es. Nichts hilft ihm mehr als eine Medienfrau, die die Sprache der Unterschicht spricht und die Eliten offen hasst.

Evas Hollywoodstil verleiht dem Regime Glanz. Perón verschifft sie 1947 ins kriselnde Europa. Das neureiche Boomland Argentinien bietet Getreide- und Fleischexporte. Staatschefs hofieren Eva, sie darf zum Papst. Sie steht für die Hoffnung, dass die Neue Welt der Alten hilft. Die Presse feiert die junge Blonde als Mode- und Glamour-Ikone. "Time" hebt sie aufs Cover: "Between two worlds, an Argentine rainbow". Evas Regenbogentour lässt daheim den Nationalstolz anschwellen.

In Peróns Auftrag beginnt sie einen "Kreuzzug der Wohlfahrt". Ihre Eva-Perón-Stiftung mit 14.000 Mitarbeitern wird ein monumentales Sozialwerk, ein Staat im Staate: Sie baut Kliniken, Schulen, Kinder-, Studenten- und Ferienheime, die Evas Namen tragen. Sie verteilt Millionen Geschenke: Kochtöpfe, Nähmaschinen, Brillen, Zahnersatz, Brautkleider. Eva schickt jedem Kind im Land Weihnachtsspielzeug. Sie erhält täglich bis zu 12.000 Briefe. Ihre Sprechstunde ist ein Gedränge. Sie erfüllt Wünsche, drückt jeden an die Brust, küsst selbst Leprakranke. Die Leute glauben an die große Kümmerin.

"Perón cumple, Evita dignifica" – Perón erfüllt, Evita gibt Würde. Den Slogan erdenkt Raúl Apold, Chef der sentimentalen Machtästhetik, Spitzname "Goebbels". Sein Subsecretaria de información prensa y propa­ganda (SIPP) baut er zum Apparat mit 1.500 Mitarbeitern aus. Es lenkt und bezahlt Presse, Radio, Wochenschau und Kinofilme. Das SIPP flutet Argentinien mit Perónkitsch und Personenkult: Perón rettet das Vaterland, Santa Evita die Armen. Er ist Erster Arbeiter, sie wärmt Herzen als Lady der Hoffnung, "la dama de la esperanza". Er gibt dem "Neuen Argentinien" die Motive vor, sie lädt sie sinnlich auf. Peronismus ist nicht links oder rechts, sondern Glauben, Gefühl, Liebe. "Der Kitschroman unserer Zeit heißt: Juan und Eva Peróns fabelhafte Abenteuer, oder Liebe überwindet alles", ulkt der "New Yorker". "Sie sind ständig, schrecklich, leidenschaftlich, patrio­tisch verliebt. Sie tragen ihre Affäre mit dem Volk offen zur Schau". Ihre Liebe "legt sich wie eine weiche Decke auf die Geliebten, schafft Wärme, Schutz und Gelegenheit zu einem guten, langen Schlaf."

Trauerfackeln nach Evitas Krebstod 1952. Der Totenkult beginnt. Viele Argentinier sehen sie als Märtyrerin und fordern vom Papst ihre Heiligsprechung. (c) Foto: picture alliance/Everett Collection

Fanatische Priesterin

Eva kann auch laut. Am Parteimikrofon agitiert sie als feurige Sozialrevolutionärin. Sie nennt "Fanatismus die Klugheit des Geistes". Mit großer Geste speit sie Zorn, Hass, Schmerz und Passion wie in ihren Radio-Seifenopern. Eva versetzt die Fans in Rausch und Ekstase. Ein Paradebeispiel für Gustave Le Bons "Psychologie der Massen" (1895). Sie wollen "immer wieder die gleiche Szene neu erleben, in der sie wie ein archaischer Volksstamm ihre Priesterin anbeten", so ihre Biografin Alicia Ortíz. Eva stützt Peróns Scheindemokratie. Real regieren Lügen, Korruption und Polizei.

1950 sind die fetten Jahre vorbei. Der Wirtschaftsmotor stottert. In Peróns Partei ringt der Gewerkschaftsbund CGT um seine Machtstellung. Er pokert hoch, als er Eva als Vizepräsidentin fordert und für sie mobil macht. Perón lässt es zu: Seine Wiederwahl ist klar, doch dem Wahlkampf fehlt Esprit. Eva auf dem Perón-Ticket ist gutes Gefühlstheater. Der Präsident will die Show aufführen, aber Volkstheater soll es bleiben. Im Schlussakt hat Eva demütig zu entsagen. Als Vize zerrisse sie die Machtbalance. Ein Militärputsch könnte folgen. Und: Eva hat unheilbar Krebs.

Schauspielprofi Eva folgt dem Drehbuch. Aber am 22. August ist das Publikum unlenkbar. Das Volk zwingt sie in einen ungewohnten Dialog. Eva ringt allein mit einer Million aufgewühlter Seelen. Sie improvisiert einen Tränentango auf dem politischen Hochseil: Vor, rück, Wiegen, Drehen, Ellipsen. Sie gibt sich hin und entzieht sich. "Compañeros, ich gebe den Kampf nicht auf, ich verzichte nur auf die Ehre." – "Nein!" – "Perón regiert. Ich will nur die Ehre im Herzen meines Landes. Ich will nur Evita sein." – "Nein!"  Wortreich fleht sie um Bedenkzeit. Vier Tage. Bis morgen. Ein paar Stunden. Zwei. Das Volk faucht rhythmisch Nein. "Jetzt! Evita! Akzeptiere! Wir streiken! Generalstreik!" Eva steckt in einer tragischen Szene fest. Perón könnte sie erlösen. Aber er lächelt nur stumpf.

Beschwörend hebt sie die Arme und krächzt verzweifelt: "Compañeros, zwingt mich nicht zu tun, was ich nie wollte. Ich bitte euch als Freunde, zerstreut euch." – "Nein!" – „Wann hat Evita euch je im Stich gelassen? Wann hat sie nicht getan, was ihr wollt?" Was sie auch todunglücklich vorbringt, sie erntet Nein-Chöre. Die Menge gewährt ihr Waffenruhe. Eva zieht sich zurück. Die Menge singt, wartet, verzehrt sich. Sie zündet Zeitungen als Fackeln an, ein altes Peronistenritual. Nach Stunden presst Eva heraus: "Compañeros, wie Perón sagt, ich werde alles tun, was das Volk will." Sie dreht sich um, vergräbt den Kopf in Peróns Armen. Tosender Jubel. Es ist vorbei. Jeder glaubt an ihr Ja. Sogar Evas Hausblatt "Democracia" titelt am Morgen: "Sie haben angenommen!" Und die Partei bestätigt das Ticket Perón-Perón.

Doch der Präsident sagt basta. Neun Tage später verliest Eva im Rundfunk traurig ihre "unumstößliche und endgültige Entscheidung" gegen die Kandidatur. Perón erklärt ihren "Tag des Verzichts" zum Feiertag. Ein Jahr später verliert Eva den Kampf gegen den Krebs. 1955 wird Perón vom Militär gestürzt. Ohne Evitas Emotionen war er eben nur ein Machthaber.

 

Marco Althaus

ist Professor für Sozialwissenschaften an der Technischen Hochschule Wildau bei Berlin. (Foto: Privat)