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Foto: Laurin Schmid
Serie zu Parteizentralen

Erst 18 und schon ein ­Mythos

Um keine Bundesgeschäftsstelle ranken sich so viele Geschichten wie um das Willy-Brandt-Haus der SPD. Manche stimmen, andere nicht. Klar ist nur: Langeweile gibt es nie.

von Andreas Niesmann

Was wurde nicht schon alles über dieses Haus geschrieben: "Flohzirkus", "Schlangengrube", "Haifischbecken", "Hort des Schreckens". Nimmt man allein die Schlag­zeilen zur Grundlage, muss sich in der Wilhelmstraße 140 in Berlin-Kreuzberg der Vorhof zur Hölle ­befinden.

Im größtmöglichen Kontrast zur öffentlichen Wahrnehmung stehen dagegen die Schilderungen jener Menschen, die hier täglich zur Arbeit gehen. Selbst wenn die Mikrofone aus sind, berichten sie von "kreativer Atmosphäre", ­"Offenheit", "Teamgeist" und ja, sogar von "Spaß" an der Arbeit.

Das Willy-Brandt-Haus, Hauptquartier der SPD: Es ist berühmt, berüchtigt, ein Mythos. Und das mit gerade einmal 18 Jahren. Seit 1999 residiert der Parteivorstand in dem vom Braunschweiger Architekten Helge Bofinger entworfenen Gebäude. Die Dreiecksform erinnert an den Bug eines Schiffs. Bläulich schimmernder Stahl, heller Kalkstein, getöntes Glas – und auf dem Dach weht die rote SPD-Fahne. Herzstück im Innern ist das Atrium, ein gigantischer, lichtdurchfluteter Raum mit einer Deckenhöhe von 26 Metern. Hier finden Ausstellungen, Parteiveranstaltungen und Pressekonferenzen statt. Und hier steht die überlebensgroße Statue des Namensgebers Willy Brandt. Über die Bronzefigur des Bildhauers Rainer Fetting erzählt man sich im Haus, dass sich auch die größten Parteivorsitzenden neben ihr plötzlich ganz klein fühlten.

Seine Architektur mag ungewöhnlich sein, noch ungewöhnlicher aber sind die Geschichten über das Haus. Über keine andere Parteizentrale im politischen Berlin wird so viel geschrieben, geschimpft, gelacht, geflucht. Und keine andere bietet dafür so viel Anlass.

Kritik an der Parteiführung aus dem Konrad-Adenauer­-Haus? Kaum vorstellbar. Querelen im Karl-Liebknecht-Haus? Spielen in der Berichterstattung keine Rolle. Ein neuer Name für das ehemalige Thomas-Dehler- und heutige Hans-Dietrich-Genscher-Haus? Bekommt kaum einer mit. Und die Bundesgeschäftsstelle der Grünen? Hat noch nicht mal einen eigenen Namen.

Das Haus als eigenständiger Akteur

Das Willy-Brandt-Haus hingegen findet statt. In Artikeln, in Gesprächen, in Beiträgen für Funk und Fernsehen. Die SPD-Zentrale ist mehr als ein bloßer Dienstleistungsapparat für Verwaltungstätigkeiten. Das Haus scheint fast schon ein eigenständiger Akteur zu sein. Es bewertet die politische Lage und das Personal. Es leidet unter Stimmungsschwankungen: Es jubelt über Erfolge und verzweifelt an Niederlagen. Das Haus steht für vieles – nur für eines nicht: Langeweile.

Juliane Seifert kennt diese Geschichten. Alle. Und sie mag sie nicht mehr hören. Die scheidende Bundesgeschäftsführerin der SPD sitzt in einem hellen, nüchternen Büro im fünften Stock und erklärt, was es aus ihrer Sicht mit dem Ruf des Hauses auf sich hat. "Die SPD ist eine Beteiligungs- und Mitmachpartei – und das gilt natürlich auch für unsere Mitarbeiter", sagt sie. Die allermeisten seien Genossen – und brächten ihre eigenen Werte, Überzeugungen und Meinungen mit zur Arbeit. "In 99 Prozent der Fälle ist das kein Nachteil, sondern ein Vorteil", findet die 39-­Jährige. "Wir sind eine lebendige Partei und stolz darauf."

Für die Sage, die SPD-Zentrale sei eine Schlangengrube, also Schau­platz von Intrigen, hat sie eine einfache Erklärung parat. Die Geschichte sei schon vor Jahren in der Welt gewesen und fortan immer weitererzählt worden. "Einfach weil sie so schön spannend klingt." Mit der Realität habe das alles wenig zu tun, beteuert Seifert. "Ich erlebe hier hohe Professiona­lität sowie große Leidenschaft und Offenheit für neue Ideen. Und zwar Tag für Tag."
Natürlich muss sie das sagen, als Bundesgeschäftsführerin ist sie so etwas wie die Herrin des Willy-Brandt-Hauses. Für die innere Führung des "WBH" ist in erster Linie "die BGF" zuständig.

Ungeklärte Machtfragen

Genau da könnte in der Vergangenheit auch schon eines der größten Probleme gelegen haben. Vor Seiferts Berufung im Mai 2016 war ihr Posten vier lange Jahre vakant gewesen. Nicht zuletzt deshalb, weil der seinerzeit amtierende Parteichef Sigmar Gabriel und die damalige Generalsekretärin Andrea Nahles nicht imstande waren, sich auf einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu verständigen. Man muss über keinen Abschluss in Organisations­psychologie verfügen, um sich auszumalen, welche Folgen solche ungeklärten Machtfragen im Arbeitsalltag nach sich ziehen.

Unter Nahles Nachfolgerin Yasmin Fahimi wurde die Sache nicht besser – im Gegenteil. Fahimi gelang es nie, einen Draht zu den Mitarbeitern der Partei aufzubauen. Die Gewerkschafterin galt als misstrauisch, verschlossen, technokratisch. Auch deshalb begann für viele in der SPD eine neue Zeitrechnung, als Katarina Barley General­sekretärin wurde und wenig später Juliane Seifert Bundesgeschäftsführerin. Weitgehende Einigkeit herrscht in der SPD darüber, dass Stimmung und Atmosphäre in der Parteizentrale seither deutlich besser geworden sind. Das soll sich auch durch den Wechsel von Barley zu Heil nicht geändert haben, zumal Seifert im Amt blieb.

Nach der verlorenen Bundestagswahl gibt es erneut Personaldebatten. Als Generalsekretär soll Heil im Dezember von Lars Klingbeil abgelöst werden und Seifert kündigte ihren Rückzug an, nachdem bekannt wurde, dass Parteichef Martin Schulz sich intern auf die Suche nach einer Nachfolge für sie gemacht hatte.

So lief die Zusammenarbeit im Wahlkampf

Im Wahlkampf verantwortete Generalsekretär Heil den politischen und inhaltlichen Teil der Kampagne, Seifert war für organisatorische und technische Angelegenheiten zuständig. Seit dem gesundheitlich bedingten Ausfall von Wahlkampfmanager Markus Engels, einem engen Vertrauten von Parteichef Martin Schulz, machte sie den Job allein.

Rund 24 Millionen Euro ließ sich die SPD ihre Kampagne zur Bundestagswahl 2017 kosten, die Zahl der Mitarbeiter stieg vorübergehend von 180 auf gut 300 an. Ab Februar arbeitete das Haus in der "Kampa-Struktur", wie es intern heißt. Zwei Galerien wurden in Großraumbüros umgewandelt, hippe rote Polstermöbel, viele Bildschirme, ein permanentes Kommen und Gehen. Auch der Haustürwahlkampf wurde von hier aus orches­triert, mittels einer eigens entwickelten App konnten die Wahlkämpfer und ­Kandidaten Informationen mit der Zentrale austauschen.

In früheren Jahren gab es eine strikte Trennung zwischen Parteizentrale und Wahlkampagne. Bei den erfolgreichen Schröder-Wahlkämpfen 1998 und 2002 wurde das sogar durch die Wahl der Räumlichkeiten dokumentiert. Damals entschloss sich Bundesgeschäfts­führer Franz Müntefering, die Kampagne in gemieteten Büroräumen außerhalb der Parteizentrale unterzubringen. Von diesem Konzept hat sich die SPD 2005 wieder verabschiedet. In diesem Jahr ist sogar die Trennung innerhalb des Hauses aufgehoben worden. Die Verantwortlichen wollten eine Zweiklassengesellschaft vermeiden. Eingebunden in den Wahlkampf wurden auch die vier Abteilungsleiter Jessika Wischmeier (Mobilisierung), Volker Norbisrath (Politik – Elternzeitvertretung von Gunilla Fincke), Katrin Münch (Kommunikation) und Felix Porkert (Internationale Politik) und ihre Teams.

SPD-Mitgliederentwicklung

Andreas Niesmann

ist Parlamentskorrespondent für das Redaktions­netzwerk Deutschland (RND), ein Zusammenschluss aus 30 ­Regionalzeitungen. Er beobachtet seit fünf Jahren ­schwerpunktmäßig die SPD. (Foto: Werner Schuering)